Onkologie » Hirntumoren

»

Medulloblastom: Krebszellen werden auf ihrer Wanderung im Tumor weniger aggressiv

MRT-Scan eines Gehirns, der ein Medulloblastom zeigt.

Medulloblastom: Krebszellen werden auf ihrer Wanderung im Tumor weniger aggressiv

News

Onkologie

Hirntumoren

3 MIN

Erschienen in: onkologie heute

Das Medulloblastom ist einer der häufigsten soliden Tumoren im Kindesalter und der häufigste bösartige Hirntumor bei Kindern überhaupt. Der Tumor wächst im Kleinhirn und kann lebenswichtige Hirnzentren durch sein Wachstum schädigen.

Anhand von Gewebemerkmalen und genetischer Kriterien werden Medulloblastome heute in unterschiedliche Risikogruppen unterteilt, die einen völlig unterschiedlichen Verlauf nehmen können. Während bestimmte Subtypen aggressiv voranschreiten und Metastasen bilden, gibt es andere Formen, die durch eine intensive Kombinationstherapie aus Operation, Chemotherapie und Bestrahlung in der Regel geheilt werden können.

Was bestimmte Tumoren auf zellulärer Ebene in die gutartigere oder bösartige Richtung lenkt, hat ein Forscherteam des Hopp-Kindertumorzentrums Heidelberg (KiTZ), des Deutschen Krebsforschungszentrums und des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) jetzt mit einem neuartigen Verfahren untersucht.

Ein bestimmter Medulloblastomtyp, der sich einerseits durch seine guten Heilungschancen und gleichzeitig durch besondere strukturelle Eigenschaften seines Gewebes auszeichnet, diente ihnen dafür als Modell: Beim sogenannten Medulloblastom mit extensiver Nodularität (MBEN) grenzen sich innerhalb des Tumors kleine Gewebekammern ab, die weintraubenartig zusammenhängen. Tumorzellen, die sich in diesen Knoten befanden, so zeigte die Studie, waren nicht mehr teilungsaktiv und ihr genetisches Programm ähnelte denen ausgereifter Hirnzellen. In den Zwischenbereichen identifizierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dagegen unterschiedliche Zelltypen: Neben Immun- und Bindegewebszellen befanden sich dort auch deutlich aggressivere Tumorzellen, die sich weiterhin unkontrolliert teilten und deren genetisches Programm eher denen schnell wachsender Medulloblastome und unreifer Nervenzellen ähnelte. Im Laufe ihrer Wanderung in die Knoten reiften die Krebszellen jedoch wieder zu nervenähnlichen Zellen aus und teilten sich nicht mehr.

Kristian Pajtler, Kinderonkologe am KiTZ, DKFZ und UKHD und Leiter der Studie, erklärt die Ergebnisse so: „Bei einigen kindlichen Tumoren kommt es zu einer Blockade des normalen Entwicklungsprozesses. Die Krebszellen werden damit unreifen Vorläuferzellen ähnlich, die durch ein bestimmtes genetisches Programm teilungsaktiv bleiben. Bei den MBEN Tumoren funktioniert das anscheinend nur teilweise und viele der Zellen durchlaufen dann doch den halbwegs normalen Entwicklungsprozess einer Kleinhirnzelle und hören auf sich zu teilen. Das würde auch den meist günstigen Verlauf in diesem Tumortyp erklären.“

Für ihre Analysen zerlegte das Team die Tumoren von neun jungen MBEN Patientinnen und Patienten in ihre einzelnen zellulären Bestandteile und analysierte das genetische Programm der einzelnen Zellen. Durch ein bioinformatisches Verfahren konnten sie anschließend rekonstruieren, wo genau sich diese Zellen innerhalb des Tumors befanden. Das Verfahren, das in Zusammenarbeit mit der Abteilung von Karsten Rippe vom DKFZ angewendet wurde, hat eine besondere Bedeutung für die Medulloblastom-Forschung, erklärt einer der beiden Erstautoren der Studie, David Ghasemi, Arzt und Wissenschaftler am KiTZ, UKHD und DKFZ. „Denn bisher ist es noch nie gelungen, Labormodelle für diesen Medulloblastomtyp zu entwickeln. Erst durch dieses Verfahren war es möglich, die einzelnen Zelltypen innerhalb des Tumors zu lokalisieren und nachzuvollziehen, wie sich die verschiedenen Bereiche innerhalb des Tumors unterscheiden.“

Die Blockade des Reifungsprozesses ist eine wichtige therapeutische Stellschraube, an der bereits geforscht wird, um einen bösartigen Verlauf bei Kindern abzuwenden und die Krebszellen wieder in eine gutartige Richtung zu lenken. „Möglicherweise bräuchten MBEN Tumoren hier nur einen kleinen Schubs“, sagt Kristian Pajtler. „Denn auch wenn die meisten Kinder mit einem MBEN Tumor durch Operation und gegebenenfalls weitere Therapien geheilt werden können, sind das sehr intensive Behandlungen für Kleinkinder, die häufig mit starken, lebenslangen Nebenwirkungen verbunden sind.“

Quelle: Pressemitteilung des Hopp-Kindertumorzentrums Heidelberg (KiTZ)

Bilderquelle: © Ghasemi / KiTZ)

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Person mit Kopftuch steht draußen vor hellem Himmel und blickt entspannt zur Seite

Junge Erwachsene mit Krebs – 
Herausforderungen in der Palliativmedizin

Fachartikel

Die Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung bedeutet immer einen entscheidenden Einschnitt im Leben. Über die besonderen Belastungen und Bedürfnisse von jungen Krebspatienten haben wir mit Dr. Pia Heußner, leitende Oberärztin Psycho-Onkologie am Onkologischen Zentrum Oberland des Klinikums Garmisch-Partenkirchen und Murnau, gesprochen.

Onkologie

Sonstiges

Beitrag lesen
Medizinische Darstellung des menschlichen Darms mit digitalen Elementen und Arzt im Hintergrund

Expertise von interdisziplinären Tumorboards nutzen!

Fachartikel

Die Behandlungsstandards des kolorektalen Karzinoms (CRC) sind stark im Fluss, so wurde die S3-Leitlinie bereits nach wenigen Monaten erneut aktualisiert (Version 3.1, März 2026).

Onkologie

Gastrointestinale Tumoren

Darmkrebs

Beitrag lesen
Gesunde Ernährung und Bewegung gegen das metabolische Syndrom

Ernährung und Biofaktoren bei 
tumorassoziierter Fatigue und Depression

Fachartikel

Aktuelle Daten lassen davon ausgehen, dass etwa 20 bis 40 % der Tumorpatienten bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung Zeichen einer Mangelernährung aufweisen – abhängig von Tumorentität und Stadium. Im Verlauf fortgeschrittener Erkrankungen steigt dieser Anteil deutlich an.

Onkologie

Sonstiges

Beitrag lesen