Allgemeinmedizin

»

Fünf Prinzipien für eine zukunftsfähige Primärversorgung

Arzt mit Patientin

Quelle: Galleryof Vectors-stock.adobe.com

Fünf Prinzipien für eine zukunftsfähige Primärversorgung

Berufspolitik

Allgemeinmedizin

mgb medizin Redaktion

Verlag

4 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Die DEGAM fordert eine Primärversorgung, die Hausarztpraxen als erste Anlaufstelle stärkt, Patientinnen und Patienten verlässlich begleitet und Versorgung im Team organisiert. Dafür braucht es klare Zuständigkeiten, eine bedarfsgerechte Vergütung und eine tragfähige digitale Infrastruktur.

Warum eine Neuausrichtung nötig ist

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) plädiert für einen grundlegenden Umbau der ambulanten Versorgung: weg von ungeregelten Zugängen und einer Vergütung, die vor allem Leistungsmenge belohnt, hin zu einem hausärztlich geleiteten Primärversorgungssystem. Das derzeitige System begünstige hohe Kosten sowie Über- und Unterversorgung und benachteilige insbesondere schwer und chronisch Erkrankte sowie sozial benachteiligte Menschen. Für Patientinnen und Patienten mit Multimorbidität, komplexen Beschwerden oder psychosozialen Belastungen sei die Versorgung oft schwer überschaubar; es komme zu Wartezeiten, Umwegen und fehlender Koordination. Gleichzeitig steigen der ambulante Behandlungsbedarf und die Anforderungen an Vor- und Nachsorge, etwa nach Krankenhausentlassungen oder ambulanten Operationen.

Fünf Prinzipien für eine starke Primärversorgung

Die DEGAM beschreibt fünf Grundprinzipien. Erstens soll die wohnortnahe, niedrigschwellig erreichbare, hausärztlich geleitete Primärversorgungspraxis die erste Anlaufstelle sein und möglichst viele Anliegen fallabschließend versorgen. Besonders bei unklaren Beschwerden, Mehrfachanliegen, chronischen Erkrankungen und Multimorbidität ermöglicht die kontinuierliche Betreuung einen umfassenden Blick auf den Menschen. Zweitens übernimmt die Praxis Verantwortung für die kontinuierliche Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten sowie – durch gezielte Prävention – für die Gesundheit der betreuten Bevölkerungsgruppe. Diagnostik und Therapie sollen sich am medizinischen Bedarf und an der individuellen Lebenssituation orientieren.

Drittens soll die Primärversorgung bei festgestelltem Bedarf den Zugang zur gebietsärztlichen Mitbehandlung steuern. Die Hausarztpraxis kennt die Krankengeschichte, beurteilt die Fragestellung und veranlasst eine qualifizierte Überweisung. Verbindlich geregelte Ausnahmen, etwa für Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen, sollen erforderliche direkte Zugänge sichern. Viertens können digitale und telefonische Ersteinschätzungen vor allem in Notfällen und außerhalb der Praxisöffnungszeiten unterstützen. Sie sollen in die Primärversorgung eingebettet sein, diese aber nicht ersetzen oder für chronisch Kranke und Menschen mit mehreren Anliegen zur Zugangshürde werden. Fünftens versteht die DEGAM Primärversorgung als Teamarbeit: Ärztinnen und Ärzte arbeiten mit Medizinischen Fachangestellten und akademisierten Gesundheitsberufen – beispielsweise Primary Care Managern, Physician Assistants oder Advanced Practice Nurses – zusammen. Klar definierte Aufgaben sollen Patientinnen und Patienten schneller zur passenden Hilfe führen und ärztliche Ressourcen gezielter einsetzen.

Rahmenbedingungen für die Umsetzung

Für die Umsetzung nennt das Papier fünf Rahmenbedingungen. Eine verbindliche Einschreibung in eine frei gewählte hausärztlich geleitete Praxis soll Kontinuität, Steuerung und Prävention stärken; geregelte Wechselmöglichkeiten sollen Flexibilität ermöglichen. Die Versorgungsaufträge von Primär- und gebietsärztlicher Versorgung müssen klar definiert und durch verbindliche Versorgungspfade sowie passende Vergütungsanreize gestützt werden.

Auch die Vergütung soll sich verändern: Praxis-Patient-Pauschalen und Qualitätsindikatoren sollen bedarfsgerechte, kontinuierliche, teamorientierte und fallabschließende Versorgung fördern. Die bisherige Mengen- und Quartalslogik soll überwunden werden. Verbindliche Qualitätsstandards sollen sowohl die Versorgung in den Praxen als auch die Zusammenarbeit an Schnittstellen absichern. Voraussetzung dafür ist eine funktionierende digitale Infrastruktur, die den Austausch zwischen den Gesundheitsberufen verbessert und Praxen spürbar entlastet.

Politischer Auftrag und Bedeutung für die Hausarztpraxis

Die zentrale Botschaft an die Politik: Der Wandel zu einem umfassenden Primärversorgungssystem soll zeitnah beginnen. Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und gezielte Investitionen. Für Hausärztinnen und Hausärzte bedeutet der Vorschlag eine gestärkte Rolle als kontinuierliche Ansprechpartner und Lotsen – getragen von qualifizierter Teamarbeit und einer Vergütung, die Bedarf und Qualität statt möglichst vieler Einzelleistungen honoriert.

Quelle: Positionspapier der DEGAM: Primärversorgung: stark, verlässlich, patientennah

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Symbolbild Prävention

Prävention braucht Evidenz – und bessere Lebensbedingungen

Berufspolitik

Nicht mehr Screenings, sondern wirksame Prävention: Die DEGAM fordert, Maßnahmen konsequent an Evidenz und individuellem Risiko auszurichten – und zugleich die Lebensverhältnisse politisch gesundheitsförderlich zu gestalten.

Allgemeinmedizin

Beitrag lesen
Ärztin am Laptop

Digitale Ersteinschätzung: Wann sinnvoll?

Berufspolitik

Digitale Ersteinschätzung kann Akutversorgung strukturieren – sie ersetzt aber keine hausärztliche Beurteilung. Die DEGAM fordert klare Versorgungspfade, menschliche Steuerung und systematische Evaluation.

Allgemeinmedizin

Beitrag lesen
Prof. Dr. Eva Hummersrof. Eva

DEGAM-Kongress: Gesundheit gestalten …

Kongress

Gesundheit gestalten, gemeinsam gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen: Unter diesem Moto findet vom 30. September bis 2. Oktober der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) in Göttingen statt.

Allgemeinmedizin

Beitrag lesen