Das Gesundheitssystem in Deutschland verursacht etwa 5 % der klimaschädlichen Emissionen – rund 35 Millionen Tonnen CO_2 jährlich. Ein innovatives Projekt der Goethe-Universität Frankfurt am Main zeigt niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, wie sie mit einfachen, kostengünstigen Maßnahmen ihren CO_2-Fußabdruck reduzieren können. Das Ergebnis: Ein digitaler Leitfaden mit 132 praxisnahen Handlungsempfehlungen für nachhaltige Hausarztpraxen.
Digitales Toolkit für umweltschonende Praxen
Ein Projekt der Goethe-Universität Frankfurt/M. hat es sich zur Aufgabe gemacht, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz in ihren Praxen zu sensibilisieren. Entstanden ist ein digitaler Leitfaden mit einfach umsetzbaren, kostengünstigen und umweltschonenden Maßnahmen für nachhaltige Hausarztpraxen.
Warum Klimaschutz im Gesundheitswesen wichtig ist
In Deutschland ist das Gesundheitssystem laut einem Expert:innenrat der Bundesregierung für etwa 5 % der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich – knapp 35 Millionen Tonnen CO_2. „Gerade weil es im Gesundheitssystem Handlungsbedarf gibt, liegt darin zugleich ein großes Potenzial, den Treibhausgasausstoß zu minimieren“, so Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Damit Praxisinhaber die richtigen Stellschrauben kennen, haben Forschende der Uni Frankfurt ein digitales Toolkit entwickelt. Dr. Catriona Friedmacher und Dr. Dorothea Lemke erarbeiteten die Handlungsempfehlungen auf Basis systematischer Literaturrecherchen – ergänzt durch medizinische Expertise, die die Alltagstauglichkeit des Leitfadens sicherstellt.
Der Leitfaden: 132 Handlungsempfehlungen für nachhaltige Praxen
Der Leitfaden umfasst 13 Themenbereiche mit 132 individuell umsetzbaren Handlungsempfehlungen und ist kostenlos online abrufbar unter www.napra.info/. Die wichtigsten Merkmale des Toolkits:
- 13 Themenbereiche für umfassenden Klimaschutz
- 132 individuell umsetzbare Handlungsempfehlungen
- Einschätzung des CO_2-Einsparpotenzials für jede Maßnahme
- Bewertung der Umsetzbarkeit
- Kostenloser Zugang für alle Praxen
Weniger Medikamentenverbrauch bei gleicher Versorgungsqualität
„Je nach Situation entstehen 60 bis 90 Prozent der CO_2-Emissionen einer Hausarztpraxis in der Pharmakotherapie – also durch die Verschreibung von Medikamenten“, erklärt Friedmacher. Dies betrifft hauptsächlich Produktion und Lieferketten der Arzneimittel. Wichtige Hebel für CO_2-Einsparungen:
- Zielgerichteter Einsatz von Medikamenten
- Evidenzbasierte Verschreibungspraxis
- Regelmäßige Überprüfung laufender Dauertherapien
Dies sind Kernprinzipien einer guten hausärztlichen Versorgung, die nun auch unter dem Blickwinkel der Klimawirkung betrachtet werden. Das erklärte Ziel: CO_2-Fußabdruck senken und gleichzeitig Qualität und Sicherheit der Versorgung verbessern.
Praxisbeispiel: Asthma-Inhalatoren
Als konkretes Beispiel nennt DBU-Referent Dr. Alexander Bittner Asthma-Inhalatoren: Klassische Dosieraerosole funktionieren mit klimaschädlichem Treibgas – Pulverinhalatoren sind therapeutisch gleichwertig, verursachen aber deutlich weniger Emissionen.
Energie, Büro und weitere Stellschrauben
Auch beim Energiebedarf und im Büromanagement lassen sich Emissionen einsparen. Konkrete Maßnahmen:
- Energiesparende Beleuchtung
- Vermeidung von Überbestellungen bei Büroartikeln
- Effiziente Nutzung digitaler Systeme
Weitere Kategorien des Toolkits umfassen:
- Medizinische Verbrauchsmaterialien
- Mobilität
- Digitalisierung
- Vermeidung von Überversorgung
- Gebäude- und Wassermanagement
Viele Empfehlungen sind mit einer Einschätzung zur Umsetzbarkeit und zum CO_2-Einsparpotenzial versehen – damit Praxisteams schnell die passenden Maßnahmen identifizieren können.
Toolkit soll neue Forschungsimpulse setzen
Eine besondere Herausforderung war die dünne Datenlage: „Wir haben mehr als 7.000 Quellen durchgearbeitet – letztlich flossen 103 Publikationen in das Toolkit ein“, berichtet Lemke. Das Projekt hat aufgezeigt, dass valide Daten zum CO_2-Verbrauch von Arztpraxen und zu konkreten Einsparmöglichkeiten noch immer fehlen. Die Hoffnung der Forscher:innen: Das Toolkit soll Anreize für neue Studien und wirksame Praxislösungen liefern – zum Wohl von Umwelt und Patientinnen und Patienten gleichermaßen. Die DBU hat das Vorhaben mit rund 125.000 Euro gefördert.
Quelle: Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
Weitere Informationen: mgo-medizin.de/allgemeinmedizin





