von Michael Dietl
Wir wissen längst, dass Worte wirken. Auch, wenn es um Gesundheit und Krankheit geht. Mit welchen Worten und mit welcher Haltung Ärztinnen und Ärzte die Anamnese einleiten, ihre Diagnosen vermitteln und Behandlungen begleiten, entscheidet mit über den Heilerfolg. Die Frage, wie Sie als Ärztinnen und Ärzte den Austausch und den Kontakt mit ihren Patient:innen gestalten, ist also von zentraler Bedeutung für Ihren Praxis- oder Klinikalltag. Wir von den MGB MEDIZIN laden Sie ein, uns von Ihren Erfahrungen zu erzählen! Unsere neue Artikelserie hilft, die Arzt-Patienten-Kommunikation zu verbessern. Schreiben Sie uns: Welche Situationen sind für Sie besonders herausfordernd? Was läuft gut? Wie gelingt der Austausch? Was nervt Sie, was kostet Energie?
Wirkungsvoller Kontakt:
Dr. Susanne Dibbelt, Psychologin vom Institut für Rehabilitationsforschung Norderney, hat in mehrere Studien die Arzt-Patienten-Kommunikation erforscht. Patient:innen, die in einem guten Austausch mit ihren Ärzt:innen stehen, leiden demnach nach der Entlassung aus der Reha weniger unter Schmerzen, sind seltener depressiv verstimmt und kürzer krankgeschrieben. „Ärztinnen, Ärzte und ihre Patienten schaffen in den Gesprächen offenbar etwas Eigenes und Neues, was nicht allein durch Patienten- oder Arztmerkmale wie etwa Art und Schwere der Erkrankung, Bildungsstand oder ähnliches erklärbar ist. Die Kommunikation ist ein eigenständiger Faktor, der sich auf den Krankheitsverlauf auswirkt“, sagt Dr. Dibbelt. Neben der Qualität der Kommunikation sei auch die Passung der Kommunikationsstile wichtig: Während der eine Patient schnell zu einem Ergebnis und Abschluss des Gespräches kommen will, so die Reha-Psychologin, braucht der andere mehr Details und Austausch. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu erkennen und sich im Gespräch auf sie einzustellen, gehöre zur Aufgabe eines professionellen Kommunikators.
Medizin, die sich zuwendet:
Der Medizin-Ethiker Giovanni Maio betont, dass jedeKrankheit einen Abschied aus der bis dahin gelebten Normalität markiere. Bei einem Einschnitt im Leben brauchen Patient:innen eine „Medizin der Zuwendung“. Annehmen, Hoffen, Vertrauen und Verstehen sind dabei die Qualitäten, die sich im Kontakt zwischen Arzt und Patient einstellen müssen. Denn um Heilung zu bewirken, reiche es nicht, ein vorgegebenes ärztliches Konzept umzusetzen. Es müsse vor allem das „Beziehungsgeschehen“ geklärt werden, in welchem die Therapien erfolgen. Die Sprache ist dabei nicht nur rationales Mittel, sondern vor allem eine „Gabe“, mit der sich die Verbundenheit zeigen kann. Ärzt:innen sollten sich als professionelle Helfer:innen, als fachliche Expert:innen und als zugewandte Menschen zeigen und sich nicht nur für die Krankheit, sondern für das Kranksein interessieren. „Wir können bei einem Patienten alles Mögliche untersuchen, anordnen und behandeln und doch bleiben all diese Herangehensweisen fruchtlos, wenn sie nicht von Zuwendung begleitet sind“, schreibt Maio in seinem Buch „Den kranken Menschen verstehen“.
Zeitdruck, Teamarbeit, Praxisorganisation:
Ein Beratungsgespräch in der hausärztlichen Primärversorgung dauert laut einer internationalen Studie in Deutschland im Durchschnitt sieben bis acht Minuten. Weitere Feldstudien in Hausarztpraxen erbrachten, dass Ärztinnen und Ärzte ihre Patient:innen zuweilen bereits nach 19 Sekunden unterbrechen. Zeitdruck und Vergütungssystem begrenzen den ärztlichen Handlungsspielraum. Wie kann das Arzt-Patienten-Gespräch dennoch gelingen? Angesichts der unterschiedlichen Erwartungen und Ängste? Angesichts von übervollen Wartezimmern?
Professorin Dr. Mirjam Körner, Leiterin des Instituts für kollaborative Gesundheitsversorgung und Leadership im Department Gesundheit an der Fachhochschule Bern (Schweiz), hat im Laufe ihrer wissenschaftlichen Karriere intensiv die Zusammenarbeit in medizinischen Teams erforscht. Sie empfiehlt, sich regelmäßig auszutauschen, so dass sich alle Beteiligten für das Gelingen der Arbeit verantwortlich fühlen. Das zahle sich langfristig aus: „Gute interprofessionelle Zusammenarbeit im medizinischen Team ist mit einer höheren Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten verbunden.“ Kerstin Petermann, MFA aus Bamberg, umfassend fortgebildet und heute Dozentin in der hausärztlichen Fortbildung, verweist auf die vielensozialen und gesellschaftliche Einflussfaktoren auf die jeweilige Gesundheit. Die finanzielle Lage, die Berufstätigkeit, der Grad der Bildung, die Wohnverhältnisse, das soziale Netz – all das kann die Patient:innen zusätzlich belasten oder stärken. Es hilft daher, im Kontakt mit den Patient:innen das ganze Team einzubinden und strukturiert vorzugehen. Ihr Leitfaden für die Arbeitsteilung:
- Erstens: Erkennen, was den Patienten – neben den geschilderten Beschwerden – zusätzlich belasten könnte und mit offenen, lösungsorientierten Fragen die Hinweise erkunden.
- Zweitens: Einordnen, welche der Belastungen gravierend sind und welche Hilfen dafür möglich sind.
- Drittens: Koordinieren, wer intern im Team welche Aufgabe übernehmen kann, um diesen Patienten konkret zu unterstützen.
- Viertens: Dokumentieren, welche Erkenntnisse gewonnen wurden und welche Hilfen auf den Weg gebracht worden sind.
Ein Leifaden für schwierige Gespräche:
Vor allem dann, wenn eine schlechte Nachricht, eine schwierige Diagnose zu vermitteln ist, kann ein Leitfaden hilfreich sein, um das Gespräch zu strukturieren. Die Kommunikationsstrategie SPIKES sieht insgesamt 5 Schritte vor:
- Setting up the interview: Der Arzt, die Ärztin bereitet sich vor dem Termin auf das Gespräch innerlich vor und reflektiert dabei auch die eigene Rolle und Aufgabe.
- Find out the Patient’s Perspective of the illness: Zunächst gilt es, die Sichtweise des Patienten zu eruieren, aktiv zu zuhören und dafür können die Aussagen des Patienten auch wiederholt werden.
- Get an Invitation to give Information: Jetzt geht es darum, das Interesse des Patienten zu ermitteln. Wie umfassend will er über die Krankheit informiert werden? Und was genau ist ihm wichtig? Manche Patienten wollen nicht sofort alle Details wissen, andere brauchen Zeit, um die Diagnose zu akzeptieren und Fragen dazu zu entwickeln.
- Giving the Patient Knowledge and Information: Um die Diagnose zu besprechen, sollten Ärztinnen und Ärzte einfach und verständlich informieren sowie medizinische Fachausdrücke vermeiden.
- Responding to Patient’s Emotions: Wenn der Patient emotional reagiert, vielleicht traurig wird oder Ängste zeigt, sollte der Arzt, die Ärztin sich empathisch zeigen und erkennen lassen, dass er/ sie die Gefühlswelt seines Gegenübers wahr- und auch ernstnimmt.
- Communicating a Strategy and Summary: Zum Abschluss werden alle Erkenntnisse aus dem Gespräch zusammengefasst und miteinander abgeglichen. Der Arzt kann auf dieser Basis eine Behandlungsstrategie vorschlagen und der Patient darin einwilligen.
Ihre Themen, unsere Recherche:
In unserer MGB MEDIZIN-Themenserie „Im gesunden Kontakt – das Arzt-Patienten-Gespräch“ wollen wir genau die Fragen, Themen, Hinweise bearbeiten, die Sie in Ihrem Alltag erleben und von denen Sie uns berichten. Wir wollen nicht allgemeine Ratschläge und Tipps vermitteln, sondern anhand von konkreten Beispielen das Thema aufarbeiten.
Welche Kommunikationssituation mit Patienten finden Sie besonders herausfordernd? Wenn zuvor schon Doktor KI die Diagnose erstellt hat und Sie einen Stapel Papier in die Hand gedrückt bekommen? Oder wenn Check-Ups oder Labor-Untersuchungen als Kassenleistungen eingefordert werden, die zur Klärung gar nicht nötig sind? Oder wenn die Erwartung des Patienten groß und die Einsicht in die Behandlung jedoch gering ist?
Sind Sie dabei? Wir freuen uns von ihren Erfahrungen zu lesen und nehmen gerne ihren kurzen Einblick und praktischen Tipps in der Serie mit auf!
Schreiben Sie uns eine Email an m.dietl@mgo-fachverlage.de
Bis Ende Anfang Dezember werden wir Ihre Berichte anonymisiert auswerten, zu den geschilderten Erlebnissen recherchieren und gezielte Empfehlungen zu diesen konkreten Beispielen einholen.





