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Update Migräne: Bewährte und neue Behandlungsstrategien

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Update Migräne: Bewährte und neue Behandlungsstrategien

Fachbeitrag

Allgemeinmedizin

Psyche und Nerven

mgb medizin Redaktion

Verlag

8 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Migräne zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland und betrifft vor allem Frauen. Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick über aktuelle Behandlungsstrategien bei Migräne – von der Akuttherapie mit Triptanen und modernen CGRP-Rezeptorblockern bis hin zu prophylaktischen Maßnahmen. Erfahren Sie mehr über bewährte und innovative Therapieoptionen, die Betroffenen eine individualisierte und evidenzbasierte Behandlung ermöglichen.

Epidemiologie und Prävalenz der Migräne

Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland und stellen eine erhebliche Belastung für das individuelle Wohlbefinden der Betroffenen sowie für das Gesundheitssystem dar. Daten aus der Studie von Porst et al. (2020)¹ zeigen, dass innerhalb eines Jahres 57,5 % der Frauen und 44,4 % der Männer mindestens einmal über Kopfschmerzen berichten. 40,6 % der Frauen und 38,5 % der Männer nahmen im Jahr 2019 aufgrund ihrer Kopfschmerzen ärztliche Hilfe in Anspruch.

Geschlechtsspezifische Verteilung

Migräne gehört zu den häufigsten primären Kopfschmerzerkrankungen und weist eine ausgeprägte geschlechtsspezifische Verteilung auf. In Deutschland erfüllen 14,8 % der Frauen und 6,0 % der Männer gemäß ICHD-3 die vollständigen Migränekriterien¹.

Die Prävalenz ist altersabhängig:

  • Bei Frauen ist die Altersgruppe der 18–29-Jährigen am höchsten betroffen
  • Bei Männern erreicht die Prävalenz ihren Gipfel zwischen dem 30. und 39. Lebensjahr
  • Darüber hinaus weisen 28,4 % der Frauen und 18,0 % der Männer eine wahrscheinliche Migräne auf
  • Etwa 9,1 % der Migränepatientinnen und -patienten leiden unter einer chronischen Migräne mit mindestens 15 Kopfschmerztagen pro Monat

Gesundheitsverhalten und Medikamentennutzung

Das Gesundheitsverhalten der Betroffenen im Jahr 2019 zeigte:

  • 40,6 % der Frauen und 38,5 % der Männer nahmen aufgrund ihrer Kopfschmerzen ärztliche Hilfe in Anspruch
  • Medikamente zur Kopfschmerzbehandlung wurden von 82,5 % der Frauen und 67 % der Männer eingenommen

Die Nutzung von Triptanen war vergleichsweise gering: Die Triptan-Quote lag bei 7,3 % innerhalb eines Jahres bei episodischer Migräne und bei 4,7 % bei chronischer Migräne.

Akuttherapie der Migräne

Daher ist es von zentraler Bedeutung, Patientinnen und Patienten mit der Erkrankung Migräne eine individualisierte, evidenzbasierte medikamentöse Therapie anzubieten, die sich an der klinischen Symptomatik, der Attackenfrequenz, individuellen Komorbiditäten sowie dem Ansprechen auf vorherige Behandlungsversuche orientiert.

Die Akuttherapie der Migräne orientiert sich an der Leitlinie „Therapie und Prophylaxe der Migräne“ (2022). Eingesetzt werden zunächst Analgetika und nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure oder Naproxen sowie COX-Inhibitoren.

COX-2-Hemmer: Celecoxib

Seit April 2025 steht in Deutschland der selektive COX-2-Hemmer Celecoxib in Form einer SMEDDS (self-microemulsifying drug delivery systems)-Microemulsion speziell für eine schnelle Wirkung bei Migräneattacken in einer Dosierung von 120 mg zur Verfügung.

Triptane als Therapie der ersten Wahl

Triptane gelten seit Jahrzehnten als Therapie der ersten Wahl und sind bei etwa 70 % der Patientinnen und Patienten wirksam.

Zur Verfügung stehen folgende Triptane:

  • Sumatriptan
  • Zolmitriptan
  • Naratriptan
  • Rizatriptan
  • Almotriptan
  • Eletriptan
  • Frovatriptan

Die einzelnen Triptane unterscheiden sich hinsichtlich ihrer pharmakokinetischen Eigenschaften.

Lasmiditan: Alternative bei kardiovaskulären Vorerkrankungen

Lasmiditan stellt eine therapeutische Option in der Akutbehandlung der Migräne dar. Im Gegensatz zu Triptanen, die als 5-HT1B/1D-Rezeptoragonisten wirken und unter anderem eine Vasokonstriktion intrakranieller Gefäße vermitteln, bindet Lasmiditan selektiv an den 5-HT1F-Rezeptor. Aufgrund dieses spezifischen Wirkmechanismus besitzt Lasmiditan keine vasokonstriktorischen Eigenschaften².

Daraus ergibt sich ein potenzieller Vorteil bei Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulären oder zerebrovaskulären Vorerkrankungen, beispielsweise nach Myokardinfarkt oder ischämischem Schlaganfall, bei denen Triptane aufgrund ihres gefäßverengenden Effekts kontraindiziert sind.

Dosierung und wichtige Hinweise zu Lasmiditan

Lasmiditan ist in den Dosierungen 50 mg, 100 mg und 200 mg verfügbar.

Wichtiger Hinweis: Patientinnen und Patienten sind ausdrücklich darüber zu informieren, dass nach der Einnahme ein Fahrverbot von mindestens acht Stunden einzuhalten ist.

Hintergrund sind die häufig berichteten zentralnervösen Nebenwirkungen:

  • Somnolenz
  • Schwindel
  • Benommenheit
  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen

Diese unerwünschten Arzneimittelwirkungen können die psychomotorische Leistungsfähigkeit sowie die Fähigkeit zur Teilnahme am aktiven Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen erheblich beeinträchtigen. Die Beeinträchtigung kann auch dann fortbestehen, wenn subjektiv das Gefühl einer vollständigen Erholung besteht.

Aktuell wurde angekündigt, Lasmiditan aus wirtschaftlichen Gründen vom Markt zu nehmen. Dies ist ein großer Rückschritt für Patienten, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden.

Gepante: Orale CGRP-Rezeptorblocker

Neuere Therapieoptionen stellen die Gepante dar, orale CGRP-Rezeptorblocker, die für die Akuttherapie zugelassen sind.

Rimegepant

Rimegepant ist in der EU zur Akutbehandlung von Migräneattacken mit oder ohne Aura bei Erwachsenen zugelassen.

Dosierung:

  • Akutbehandlung: 75 mg in Tablettenform
  • Maximaldosis: 75 mg am Tag

In randomisierten, placebokontrollierten Phase-III-Studien zeigte Rimegepant insgesamt ein günstiges Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil.

Häufigste Nebenwirkungen:

  • Übelkeit (überwiegend mild bis moderat ausgeprägt und selbstlimitierend)
  • Gastrointestinale Beschwerden wie abdominale Schmerzen oder Dyspepsie
  • Überempfindlichkeitsreaktionen, einschließlich Exanthem, Dyspnoe und Urtikaria

In seltenen Fällen traten schwerwiegende Reaktionen wie Angioödem oder anaphylaktische Reaktionen auf, die auch verzögert nach Einnahme auftreten können. Klinisch relevante hepatotoxische Effekte zeigten sich in den Zulassungsstudien nicht, wobei bei schwerer Leberfunktionsstörung Vorsicht empfohlen wird.

Pharmakokinetik: Rimegepant wird primär über CYP3A4 metabolisiert, sodass bei gleichzeitiger Gabe starker CYP3A4-Inhibitoren oder -Induktoren relevante Veränderungen der systemischen Exposition möglich sind³⁻⁵.

Prophylaxe der Migräne

Zur Migräneprophylaxe stehen sowohl nicht verschreibungspflichtige als auch rezeptpflichtige Optionen zur Verfügung.

Nicht verschreibungspflichtige Maßnahmen

Zu den nicht medikamentösen, nicht verschreibungspflichtigen Maßnahmen zählen:

  • Magnesium
  • Riboflavin (Vitamin B2)
  • Coenzym Q10
  • Mutterkraut (seit 2025 als Arzneimittel in Deutschland erhältlich, z. B. 1 \times 200 mg/Tag)⁶

Medikamentöse Prophylaxe

Medikamentös werden u. a. folgende Wirkstoffe eingesetzt:

  • Amitriptylin
  • Betablocker wie Metoprolol oder Propranolol
  • Flunarizin
  • Topiramat (bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine hochwirksame Empfängnisverhütung anwenden, kontraindiziert)
  • Monoklonale Antikörper gegen CGRP

Monoklonale Antikörper gegen CGRP

Einen bedeutenden Fortschritt stellen monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor dar, die eine sehr gute Wirksamkeit und Verträglichkeit aufweisen:

  • Erenumab
  • Fremanezumab
  • Galcanezumab
  • Eptinezumab

Diese müssen monatlich oder alle 3 Monate subkutan oder intravenös appliziert werden. Mehrere offene Studien haben gezeigt, dass der Wechsel von einem CGRP-Antikörper zu einem anderen hilfreich sein kann. Allerdings können in Ermangelung randomisierter Studien keine formalen Richtlinien erstellt werden⁷.

Orale CGRP-Rezeptorantagonisten (Gepante)

Die Entwicklung oraler Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Rezeptorantagonisten, sogenannte Gepante, stellen einen wichtigen Fortschritt in der Migräneprophylaxe dar.

Atogepant

Atogepant ist zur Prophylaxe der episodischen sowie chronischen Migräne zugelassen.

Dosierung: 60 mg einmal täglich

Nebenwirkungen:

  • Obstipation
  • Übelkeit
  • Fatigue

Das Sicherheitsprofil wird als günstig bewertet⁷,⁸.

Rimegepant zur Prophylaxe

Rimegepant ist, neben der Akutbehandlung, auch zur Prophylaxe der episodischen Migräne zugelassen.

Dosierung in der präventiven Anwendung: 75 mg jeden zweiten Tag³⁻⁵.

Botulinumtoxin Typ A

Botulinumtoxin Typ A ist ausschließlich für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen.

Das sogenannte PREEMPT-Injektionsschema umfasst eine standardisierte Applikation von insgesamt 155 Einheiten Onabotulinumtoxin A, verteilt auf 31 Injektionspunkte. Zusätzlich kann nach dem „Follow-the-pain“-Prinzip eine Dosiserhöhung um bis zu 40 Einheiten (maximal 195 Einheiten insgesamt) erfolgen, abhängig von der individuellen Schmerzlokalisation. Die Injektionen werden intramuskulär in Intervallen von 12 Wochen verabreicht¹⁰.

Neue Optionen: PACAP als Therapieziel

Die Migränebehandlung befindet sich im Wandel. Nachdem mit den CGRP-Antikörpern ein gezielter Eingriff in einen zentralen Signalweg der Migräne gelungen ist, richtet sich der Blick der Forschung zunehmend auf weitere Botenstoffe – insbesondere auf das hypophysäre Adenylat-Cyclase aktivierende Polypeptid (PACAP).

Dieses Neuropeptid spielt eine wichtige Rolle bei der Gefäßregulation, der Schmerzverarbeitung und der neurogenen Entzündung und gilt als vielversprechendes neues Ziel in der Prophylaxe der Migräne. Der Wirkmechanismus wählt einen anderen Signalweg als den der CGRP-Antikörper und stellt eine neue Behandlungsoption und Alternative für schwer betroffene Patienten dar.

Vor Kurzem gab Lundbeck positive Ergebnisse des intravenösen Teils der Phase-IIb-Dosis-Findungsstudie PROCEED¹¹ mit Bocunebart (Lu AG09222) bekannt. Der primäre Endpunkt wurde erreicht. Es zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied zu Placebo in der Veränderung der Anzahl monatlicher Migränetage gegenüber dem Ausgangswert über die Wochen 1 bis 12 bei Patientinnen und Patienten mit vorangegangenen Therapieversagen. Weitere Analysen werden durchgeführt.

Fazit

Zusammenfassend gehören Kopfschmerzen und insbesondere Migräne zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer, vor allem in jüngeren Altersgruppen. Die Erkenntnisse zur zentralen Rolle von CGRP haben zu einer neuen Generation hochwirksamer Akut- und Prophylaxetherapien geführt und die Behandlungsmöglichkeiten erheblich verbessert.

Dennoch bleibt die Versorgungssituation trotz guter Evidenz verbesserungsbedürftig, da viele Betroffene weiterhin keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen oder wirksame spezifische Therapien wie Triptane oder CGRP-Antagonisten nicht nutzen.

Autorin: Anja Theis, Fachärztin für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie, Manuelle Therapie, Notfallmedizin, Kopfschmerzzentrum Frankfurt, Dalbergstraße 2a, 65929 Frankfurt am Main, info@kopfschmerz-frankfurt.de

INTERESSENKONFLIKTE: A. Theis erklärt, in der Vergangenheit Referentenhonorare der Firmen Abbvie und Lundbeck erhalten zu haben. Das Kopfschmerzzentrum Frankfurt nimmt an klinischen Studien teil.

Online: Die Literaturliste finden Sie unter www.mgo-medizin.de/literatur

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