In der hausärztlichen Praxis spielen gynäkologische Fragestellungen eine wichtige Rolle – insbesondere bei der Betreuung von Mehrgenerationenfamilien. Viele Patientinnen wünschen sich natürliche Behandlungsansätze bei prämenstruellem Syndrom (PMS), Dysmenorrhö, Endometriose und Wechseljahresbeschwerden. Dieser Artikel beleuchtet evidenzbasierte phytotherapeutische Optionen, die sich in der hausärztlichen Praxis bewährt haben und durch aktuelle Leitlinien gestützt werden.
Gynäkologische Fragestellungen in der Hausarztpraxis
In der hausärztlichen Praxis ergeben sich nicht selten auch gynäkologische Fragestellungen. Dies umso mehr, wenn die Mehrgenerationenfamilie über lange Zeit betreut wird. Dies widerspricht nicht der Situation, wonach für viele Patientinnen der Gynäkologe erster Ansprechpartner im Hinblick auf die Diagnostik ist. In der Folge werden die gestellte Diagnose und die daraus resultierende Therapie in der Hausarztpraxis thematisiert.
Häufige Beratungsanlässe
Erfahrungsgemäß betreffen häufige Fragestellungen:
- Das prämenstruelle Syndrom (PMS)
- Die prämenstruell dysphorische Störung (PMDS)
- Dysmenorrhö (Regelschmerzen)
- Endometriose als Differenzialdiagnose
- Menopausale Symptome mit nicht-hormonellen Interventionsansätzen
Leitlinienbasierte Behandlung
In diesem Kontext stehen mehrere Leitlinien zur Verfügung, da sie korrespondierende Krankheitsbilder thematisieren, wie sie auch für die Hausarztmedizin relevant sind:
- S2k-Leitlinie zur „Diagnostik und Therapie der Endometriose“ (2025 publiziert)
- S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause“ (gemeinsam erstellt von der Deutschen, Schweizerischen und Österreichischen Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe)
PMS, PMDS, Dysmenorrhö und Endometriose
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) wie auch die prämenstruell dysphorische Störung (PMDS) sind zwei Krankheitsbilder, die von betroffenen Frauen vielfach „natürlich“ behandelt werden möchten; Vergleichbares trifft für die Dysmenorrhö zu. Die mit Schmerzen und eingeschränkter Lebensqualität verbundenen Krankheitsbilder werden in der genannten Endometriose-Leitlinie mit unterschiedlichen Behandlungsansätzen thematisiert, ein eigenes Kapitel ist „komplementäre Therapien und weitere Therapiemöglichkeiten“ gewidmet. Vermutlich spiegelt sich darin die Nachfrage wider, wie sie vielfach in der hausärztlichen Praxis angesprochen und mit partizipativer Entscheidungsfindung angeboten werden.
Unterstützende Therapieangebote
Ausführlich werden in der Leitlinie unterstützende Therapieangebote wie Ernährung und Bewegung formuliert:
Konsensbasierte Empfehlung: „Frauen sollte regelmäßige körperliche Bewegung unabhängig von der Intensität (z.B. aerobes Training, Yoga oder Dehnübungen) empfohlen werden, um Menstruationsschmerzen zu lindern.“
Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf die Osteopathie, die „bei Patientinnen erwogen werden kann“.
Hilfe zur Selbsthilfe
In der Leitlinie werden auch Maßnahmen zur Selbsthilfe genannt. Demnach konnte in einer Studie gezeigt werden, „dass bei Patientinnen mit Dysmenorrhoe und Rückenschmerzen eine selbst durchgeführte abdominelle Massage möglicherweise ebenfalls zu einer signifikanten Schmerzreduktion führen kann. Im zweiten Zyklus war Massage den Vergleichsgruppen mit Dehnübungen bzw. Standardtherapie überlegen“.
Kasuistik: Menopausen-Syndrom
Anamnese
Die 47-jährige Patientin wirkt deutlich jünger; sie berichtet, wonach sie seit etwa vier Monaten einen unregelmäßigen Zyklus hat; auch treten seit einigen Wochen Hitzewallungen auf, was als unangenehm empfunden wird. Eine vor wenigen Tagen bei ihrer Gynäkologin durchgeführte Kontrolle ergibt keine Auffälligkeiten:
- PAP-Abstrich I–II befundet
- Tast- und Sonobefund Mammae unauffällig
Des Weiteren klagt die Patientin über Schlafstörungen, die bei ihr zwar nicht ungewöhnlich sind, jedoch zunehmen und auch mit Schwitzen verbunden sind. Vor allem seien die Stimmungsschwankungen belastend – „ohne Anlass ist mir zum Heulen zu Mute und ich muss regelrecht meinen beginnenden Tränenfluss unterdrücken. Das ist mir am Arbeitsplatz“ – sie arbeitet an der Rezeption – „besonders peinlich“. Diese Emotionalität belastet die Patientin auch im Intimen, was sie zunehmend als Dyspareunie wahrnimmt. Da ein Vaginal-Gel keine Besserung bewirkte, verordnet die Gynäkologin östrogenhaltige Ovula; diese möchte die Patientin jedoch nicht anwenden und fragt nach einer therapeutischen Alternative.
Anamnestische Besonderheiten:
- Vegetarisch orientierte Ernährungsweise
- Getrennt lebend
- Sportlich aktiv (Tanzturniere)
- Großer Bekanntenkreis
- Bisherige Medikation: keine
Therapie und Verlauf
Im Hinblick auf die Stichworte Ernährung und Bewegung wird die Patientin in ihrem Verhalten motiviert; beide Komponenten sind letztlich Basics für die Behandlung der geschilderten Symptomatik.
Verordnete Phytotherapie:
- Rhapontikrhabarberwurzel-Extrakt: einmal täglich, 1 Tablette mit Wasser etwa eine Stunde vor dem Abendbrot
- Vaginalzäpfchen (Granatapfelsamenöl und Traubenkernöl): regelmäßig 3-mal pro Woche abends einzuführen
Verlauf nach drei Monaten: Die Patientin meldet sich und berichtet von einer deutlichen Besserung:
- Verbessertes Allgemeinbefinden
- Reduzierte Hitzewallungen
- Spürbar stabilere Stimmungslage
- Gesteigerte Schlafqualität
- Nachlassen der nächtlichen Schweißausbrüche
- Das Intimleben entspricht wieder ihren Vorstellungen
Die Vaginalzäpfchen hat sie nach mehrwöchiger Anwendung abgesetzt.
Aromatherapie bei Menstruationsbeschwerden
Einen therapeutischen Mehrwert bietet auch die Aromatherapie, die letztlich eine modifizierte Phytotherapie zur äußerlichen Anwendung darstellt.
Evidenz aus Metaanalysen
Basierend auf einer Metaanalyse mit 13 Studien konnte gezeigt werden, wonach durch Einreibungen und Massage des Bauchraums mit Lavendel-, Rosen- oder Rosmarin-Öl die Menstruationsschmerzen „signifikant im Vergleich zu den Kontrollen reduziert werden konnten“.
Wirkprinzip ätherischer Öle
Die zitierten Öle gehören zur großen Gruppe der sogenannten ätherischen Öle, zu denen umfangreiche Daten vorliegen; ihre Wirkung lässt sich u. a. mit lokal muskelrelaxierenden und olfaktorischen Effekten beschreiben.
Anwendungsempfehlung bei PMDS
Auf Basis langjähriger Empfehlungen eignen sich diese Maßnahmen insbesondere auch bei PMDS, weshalb die Patientin bei den ersten Anzeichen der Menses bzw. bei regelmäßigem Zyklus bereits drei Tage vor Auftreten erster Symptome mit der morgen- und abendlichen Ölmassage beginnen sollte:
- Anwendungsdauer: erfahrungsgemäß einige Minuten lang
- Optional: in Kombination mit Atemübungen
Add-on Phytotherapie bei Dysmenorrhö
Im Hinblick auf die Schmerzsymptomatik stellt sich die Frage nach additiven Optionen mit pflanzlichen Arzneimitteln.
Leitlinienempfehlung
„Verschiedene Phytotherapeutika zeigten bei Patientinnen mit primärer Dysmenorrhoe im Vergleich zu NSAR, KOK (= kombinierte orale Kontrazeptiva) und Placebo eine äquivalente Wirksamkeit hinsichtlich der Verbesserung der Dysmenorrhoe“ – lautet die summarische Aussage in der Endometriose-Leitlinie.
Wirksame Arzneipflanzen
Zur Behandlung werden unterschiedliche Arzneipflanzen tabellarisch aufgeführt, unter anderem:
- Fenchel
- Ingwer (Arzneipflanze des Jahres)
- Zimt
Für diese Pflanzen wurde „eine signifikante Schmerzreduktion im Vergleich zu Placebo und äquivalent zu Schmerzmitteln bei Patientinnen mit primärer Dysmenorrhoe“ konstatiert.
Hinweis: Wenngleich die wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe der drei genannten Pflanzen als gut untersucht bezeichnet werden können, stehen die Arzneipflanzen derzeit nur als „Nahrungsergänzungsmittel“ zur Verfügung. Übrigens hat der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ in diesem Jahr Ingwer „zur Arzneipflanze des Jahres“ gekürt.
Homöopathische Therapie
Die Endometriose-Leitlinie bezieht auch Stellung zur homöopathischen Therapierichtung: „Es zeigte sich, dass eine homöopathische Behandlung die Schmerzen gegenüber Placebo signifikant verbessert hatte.“
Vitex agnus castus – ein Phyto-Klassiker
Wenngleich die meisten Untersuchungen zu Vitex agnus castus (VAC) – dem Mönchspfeffer, auch als Keuschlamm bezeichnet – vorliegen, wird in der aktuellen Leitlinie „Endometriose“ darauf kein Bezug genommen.
Ein 2017 in der Zeitschrift „Gynaecological Endocrinology“ veröffentlichter Behandlungsleitfaden nennt als Erstlinienbehandlung den VAC:
- Tägliche Dosierung: 20 mg
- Einnahmepause während der Menses
- Einnahmedauer: wenigstens drei Monatszyklen
Wissenschaftliche Evidenz
Der aus den Früchten von Vitex agnus castus hergestellte Extrakt gehört zu den experimentell und klinisch am besten untersuchten pflanzlichen Arzneimitteln.
Wirkprinzip
Das Wirkprinzip basiert auf der Beeinflussung des hormonellen Regelkreises Hypothalamus-Hypophyse-Ovar, konsekutiv wird die Östrogen-Progesteron-Balance reguliert. Dies erklärt auch die Anwendung des VAC-Extrakts zur Behandlung bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch („off-label-use“).
Phytotherapie und Perimenopause
Zur Behandlung der mit der Perimenopause häufig assoziierten Symptomatik stehen phytotherapeutische Optionen zur Verfügung.
Leitlinienempfehlung
Die korrespondierende S3-Leitlinie menopausaler Symptome der drei bereits genannten gynäkologischen Fachgesellschaften – in 2020 publiziert – spricht diesem Therapieansatz eine praxisrelevante Bedeutung zu, wie es auch die hausärztliche Betreuung reflektiert: „Peri- oder postmenopausale Frauen und bei Bedarf auch Personen ihres Umfelds sollten über Therapieoptionen informiert werden.“
Hauptpflanzen im therapeutischen Fokus
Zwei Arzneipflanzen stehen im wissenschaftlichen und therapeutischen Fokus:
- Sibirischer Rhabarber (Rhapontikrhabarber)
- Traubensilberkerze (Cimicifuga)
Gemeinsam ist beiden Pflanzen eine umfangreiche Datenlage, die auch den potenziellen Wirkmechanismus beschreibt.
Rhapontikrhabarber
Die mit den Östrogenen eine strukturelle Ähnlichkeit aufweisenden Stilbene gehören zu den wesentlichen Inhaltsstoffen des Rhapontikrhabarbers.
Wirkmechanismus:
- Wirken selektiv auf die proliferationshemmenden Beta-Östrogen-Rezeptoren
- Lindern subjektiv belastende Symptome wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche sowie depressive Verstimmung, Schlafstörungen und Ängstlichkeit
Sicherheitsprofil: Langzeitdaten des standardisierten Extrakts zeigen:
- Keinen negativen Einfluss auf Brustdrüsen- und Endometriumgewebe
- Keine hepatogene Toxizität
Traubensilberkerze (Cimicifuga)
Ein vergleichbares Profil zu Sicherheit und Unbedenklichkeit liegt auch für die Traubensilberkerze vor.
Wirksamkeit: Der Extrakt zeigt in unterschiedlichen Studiendesigns eine signifikante Wirkung bei menopausalen Symptomen – auch im Vergleich zu konjugierten Östrogenen.
Wirkstoffe: Die Inhaltsstoffe der Pflanze, sogenannte Triterpenglykoside, beeinflussen die Neurotransmitter-Aktivität und zeigen serotonerge Effekte.
Anwendungshinweise
Beide Arzneipflanzen stehen jeweils als pflanzliches Arzneimittel mit einem standardisierten Extrakt zur Verfügung:
- Einnahme: einmal täglich
- Längerfristige Anwendung: je nach Symptomenverlauf unproblematisch
Therapieeskalation – Phytos kombinieren
Dominiert in der Perimenopause die psychische Symptomatik, kann eine Therapieeskalation mit Phyto-Präparaten vorgenommen werden.
Bei Verstimmungszuständen und Niedergeschlagenheit
Eine fixe Kombination von Traubensilberkerze und Johanniskrautextrakt ist praxisbewährt:
- Johanniskraut besitzt stimmungsaufhellende und anxiolytische Wirkungen
- Einnahme: morgens 1 Tablette, mehrere Wochen lang
Wichtig: Der therapeutische Effekt tritt erst allmählich ein.
Alternative: Optional kann auch eine freie Kombination favorisiert und damit eine höhere Konzentration des Johanniskraut-Extrakts verwendet werden, der dann GKV-erstattungsfähig sein kann.
Bei Schlafstörungen
Beispielhaft ist die Passionsblume zu nennen, die beruhigende und einschlaffördernde Wirkungen besitzt.
Bei Erschöpfung oder Libidoverlust
Beschreibt die Patientin Symptome von Erschöpfung oder Libidoverlust, dann sind standardisierte Pflanzenextrakte eine therapeutische Option:
- Rosenwurz-Wurzel
- Damiana (Turnera diffusa)
Zu beiden Arzneipflanzen liegen belastbare Daten vor; eine Verordnung auf „Grünem Rezept“ impliziert, dass es sich um ein zugelassenes Arzneimittel handelt (= apothekenpflichtig).
Therapeutisches Spektrum in der hausärztlichen Praxis
Auch und gerade für die Allgemeinmedizin bietet die Phytotherapie ein breites Spektrum an Behandlungsoptionen. Krankheitsbilder, wie sie in der hausärztlichen Versorgung die Regel sind, stehen zwangsläufig im klinisch-stationären Setting und damit in der Weiterbildung nicht im Mittelpunkt. Konsekutiv bedarf es in der Praxis vielfach einer Adaption des therapeutischen Vorgehens. Dazu gehört im Besonderen die Pharmakotherapie, wonach die Implementierung pflanzlicher Arzneimittel sich vielfach als eine conditio sine qua non erweist.
Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.
Autor: Dr. med. Markus Wiesenauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie, Naturheilverfahren, Umweltmedizin, An der Glockenkelter 14, 71394 Kernen





