An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurde bei einem zweijährigen Mädchen erfolgreich ein zweites Auditory Brainstem Implant (ABI) implantiert. Die Patientin verfügt damit nun über eine vollständig bilaterale ABI-Versorgung – eine Konstellation, die auch bei Erwachsenen weltweit zu den Ausnahmefällen zählt.
Wenn das Cochlea-Implantat keine Option ist
Bei beidseitiger Hörnervenaplasie scheidet eine Cochlea-Implantat(CI)-Versorgung aus, da funktionsfähige Hörnerven als Voraussetzung fehlen. Das Auditory Brainstem Implant (ABI) umgeht die Hörnerven und stimuliert direkt den Hirnstamm und stellt in diesen Fällen die einzige auditorische Rehabilitation dar, die eine Hörbahn überhaupt erst aktivieren kann.
„Für diese Kinder stellt ein ABI häufig die einzige Chance dar, Höreindrücke wahrzunehmen und Sprache zu entwickeln.“
Prof. Dr. med. Anke Leichtle, Klinikdirektorin der HNO Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover
Zweite Seite erschließt neue Entwicklungspotenziale
Das erste Implantat hatte die Patientin vor rund einem Jahr an der MHH erhalten und darunter erste verbale Reaktionen auf familiär geprägte Stimuli entwickelt, wie Namen aus der Familie. Die nun erfolgte Zweitversorgung der kontralateralen Seite zielt auf die Verbesserung des räumlichen Hörens sowie eine differenziertere auditorische Verarbeitung von Geräuschen und Stimmen – ähnlich wie beim natürlichen Hören oder bei bilateraler CI-Versorgung. Die soll weitere wichtige Schritte in ihrer Entwicklung fördern.
Notwendige Expertise im Operationssaal
Operativ sind ABI-Implantationen auch bei Erwachsenen anspruchsvoll und werden nur an spezialisierten Zentren durchgeführt. Daher ist die beidseitige Versorgung eine außergewöhnliche Besonderheit, vor allem bei einem so jungen Kind.
Die Operation wurde durchgeführt von: Professorin Leichtle, seit Mai 2026 Direktorin der MHH-HNO-Klinik, Prof. Dr. Rolf Salcher, ehemaliger kommissarischer Klinikdirektor, sowie Prof. Dr. Thomas Lenarz, der die Klinik über mehr als drei Jahrzehnte geprägt und die internationale Entwicklung implantierbarer Hörsysteme entscheidend mitgestaltet hat.
„Kinder mit fehlenden Hörnerven gehören zu den anspruchsvollsten Patientinnen und Patienten der Hörrehabilitation. Die nun abgeschlossene beidseitige Versorgung eröffnet diesem Kind weitere Möglichkeiten für seine Hör- und Sprachentwicklung“, erklärt Professorin Leichtle.
„Die Versorgung von Kindern mit Hirnstammimplantaten erfordert nicht nur höchste chirurgische Expertise, sondern auch eine langfristige interdisziplinäre Begleitung. Umso erfreulicher ist es, wenn wir die Entwicklung eines Kindes über mehrere Jahre begleiten und nun diesen wichtigen nächsten Schritt ermöglichen können.”
Prof. Prof. h.c. Dr. med. Thomas Lenarz, HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover, Experte auf dem Gebiet der Otologie und Neurootologie, spezialisiert auf Hörforschung und Cochlea-Implantat-Technologie

Operatives Outcome
Die ersten Schritte waren zunächst technische Routine: Impedanzmessungen, erste vorsichtige elektrische Reize sowie die konzentrierte Beobachtung von Monitoren und Messdaten. Neben den medizinisch-technischen Abläufen wurde jede Reaktion, jede Blickbewegung und jede noch so kleine Veränderung beim Kind aufmerksam verfolgt, um den Erfolg der Operation beurteilen zu können.
Bereits 48 Stunden postoperativ zeigte die Patientin bei der Erstaktivierung (Probenton) erste behaviorale Reaktionen auf elektrische Reizgebung, die auf ein Hören hindeuten, wenngleich endgültige audiologische Aussagen noch ausstehen.
Langfristige Rehabilitation und Begleitung
Die Erstanpassung des zweiten Implantats ist für die kommenden Tage geplant; es folgt ein langfristiges Programm aus audiologischer Feinanpassung sowie auditiver und sprachtherapeutischer Rehabilitation, um die Möglichkeiten der beidseitigen Versorgung bestmöglich auszuschöpfen.
Quelle: Pressemitteilung der Medizinische Hochschule Hannover vom 09.07.2026





