Der Klimawandel gefährdet die Gesundheit von Kindern – insbesondere ihre Haut reagiert sensibel auf Hitze und Schadstoffe. Ein digitaler Themenabend am 18. November 2026 beleuchtet interdisziplinäre Lösungsansätze aus Pädiatrie und Dermatologie.
Der Klimawandel ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr, sondern ein Gesundheitsthema der Gegenwart (World Health Organization, 2023). Kinder gehören zu den vulnerablen Bevölkerungsgruppen und sind am stärksten davon betroffen. Ihr Organismus befindet sich in Entwicklung, ihre Thermoregulation ist weniger effizient als die Erwachsener, sie verbringen relativ mehr Zeit im Freien und atmen bezogen auf ihr Körpergewicht ein größeres Luftvolumen ein. All das macht sie anfälliger für die gesundheitlichen Folgen von Hitze, Luftschadstoffen, veränderten Vegetationsperioden und einer sich wandelnden Infektionslandschaft. (Ahdoot et al., 2024, Climate-ADAPT, o.J., Robert Koch-Institut, 2023). Die Weltgesundheitsorganisation weist seit über zwei Jahrzehnten darauf hin, dass Kinder überproportional unter den gesundheitlichen Folgen der Klimakrise leiden (McMichael et al., 2003). Diese Einschätzung wird von aktuellen WHO-Analysen bestätigt (Proulx et al., 2024).
Für die Kinder- und Jugendmedizin sowie für die Dermatologie ergibt sich daraus ein gemeinsames Handlungsfeld, das bislang noch zu wenig im interdisziplinären Fokus steht: die Haut unserer jüngsten Patientinnen und Patienten im Klimawandel.
Atopische Dermatitis und Umweltfaktoren
Die atopische Dermatitis (AD) ist die häufigste chronisch-entzündliche Hauterkrankung im Kindesalter. Ihre Pathogenese ist multifaktoriell, doch in den vergangenen Jahren hat sich zunehmend gezeigt, dass Umweltfaktoren, insbesondere Luftschadstoffe, einen relevanten Einfluss auf Auftreten und Schweregrad der Erkrankung haben. Feinstaub (PM2,5 und PM10), Stickoxide sowie bodennahes Ozon stehen im Verdacht, die epidermale Barrierefunktion zu schwächen, oxidativen Stress in der Haut zu erhöhen und proinflammatorische Signalwege zu aktivieren. Klinisch zeigt sich dies in mehreren epidemiologischen Studien als Zusammenhang zwischen erhöhter Luftschadstoffbelastung und einer höheren Prävalenz sowie einem stärkeren Schweregrad atopischer Ekzeme, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen (Liu, Li and Zeng, 2025; Pan et al., 2023). Auch die zunehmende Zahl heißer Tage und die damit verbundene Zunahme bodennahen Ozons durch photochemische Reaktionen verschärfen dieses Problem in den Sommermonaten zusätzlich (Wang et al., 2024).
Hinzu kommt ein zweiter, noch relativ junger Forschungsstrang: der Einfluss von Mikro- und Nanoplastikpartikeln (MP/NP) auf entzündliche Hauterkrankungen. Diese Partikel sind mittlerweile nahezu ubiquitär in der Luft, im Wasser, im Staub und damit auch im unmittelbaren Lebensumfeld von Kindern nachweisbar. Es mehren sich Hinweise darauf, dass insbesondere bei vorgeschädigter oder ohnehin gestörter Hautbarriere, wie sie für die atopische Dermatitis charakteristisch ist, Mikro- und Nanoplastikpartikel die Haut penetrieren können (Tan, Saha and Niebel, 2025). Dort werden ihnen proinflammatorische und potenziell die Entzündung verstärkende Effekte zugeschrieben (Tan, Saha and Niebel, 2025; Aristizabal et al., 2024). Für die dermatologische Praxis ergibt sich daraus eine konkrete therapeutische Konsequenz: Bei der Auswahl von Externa, hier insbesondere bei der Langzeitanwendung topischer Basistherapeutika und antientzündlicher Präparate im Kindesalter, gewinnt die Frage nach mikroplastikfreien Formulierungen an klinischer Relevanz. Beachtung verdient auch die Tatsache, dass durch die berechtigte Sorge der Eltern vor erhöhter UV-Belastung vermehrt Sonnenschutzcremes mit zum Teil problematischen Inhaltsstoffen verwendet werden. Dermatologische Sorgfaltspflicht und ökologisches Anliegen sollten hier gleichermaßen im Fokus der Aufmerksamkeit stehen.
Teufelskreis Hitze und Juckreiz
Ein drittes, unmittelbar praxisrelevantes Problem betrifft das Verhalten der atopischen Haut unter Hitzebelastung. Erwachsene und Kinder mit atopischer Dermatitis reagieren auf steigende Temperaturen häufig mit einer Verschlechterung ihres Hautbildes.
Ursächlich ist unter anderem die veränderte Schweißzusammensetzung und -verträglichkeit bei atopischer Haut: Schweiß wirkt bei vielen Betroffenen als zusätzlicher Triggerfaktor und verstärkt den Juckreiz spürbar (Murota and Katayama, 2019). Der daraus resultierende Kratzreflex schädigt die ohnehin geschädigte Hautbarriere weiter, begünstigt Sekundärinfektionen und verstärkt in der Folge wiederum die Entzündungsreaktion (Kamata, Tominaga and Takamori, 2025).
Dieser sich selbst verstärkende Kreislauf gewinnt insbesondere in zunehmend heißen Sommern und während Hitzewellen an klinischer Bedeutung.
Hier zeigt sich exemplarisch, dass dermatologische und pädiatrische Fragestellungen im Kontext des Klimawandels eng miteinander verwoben sind: Luftschadstoffe und Hitze als Krankheitstrigger, Mikroplastik als potenzieller Kofaktor der Entzündung und therapeutische Fragestellung zugleich, sowie die besondere Vulnerabilität der kindlichen Haut als gemeinsamer Nenner. Es handelt sich um ein genuin interdisziplinäres Thema, das fachlich wie strukturell eine enge Zusammenarbeit zwischen Pädiatrie und Dermatologie erfordert.
Weitere klimasensible Hautveränderungen im Kindesalter
Über die atopische Dermatitis hinaus verändert der Klimawandel auch das Spektrum anderer dermatologischer Erkrankungen im Kindesalter. Mildere Winter und verlängerte Vegetationsperioden begünstigen eine räumliche Ausbreitung von Vektoren und Erregern, etwa im Zusammenhang mit Borreliose, veränderten Inzidenzmustern bei Mollusca contagiosa und Mykosen. Auch bislang noch seltene Hautinfektionen durch Vibrio vulnificus-Infektionen (sog. „flesh-eating bacteria“), die vor allem in warmen Küstengewässern vorkommen, treten infolge steigender Wassertemperaturen zunehmend auch in zurzeit noch nicht betroffenen Regionen auf. Die Infektionen können zu schweren Nekrosen von Haut- und Unterhautgewebe führen und in Einzelfällen einen fulminanten, sepsisähnlichen Verlauf nehmen. Für die pädiatrische und dermatologische Praxis bedeutet dies, differenzialdiagnostisches Bewusstsein für Krankheitsbilder zu entwickeln, die in der jeweiligen Region noch selten oder unbekannt waren. (Coates and Norton, 2021; Jayakumar et al., 2024)
Themenabend Pädiatrie: Kinder im Klimawandel
Um diese Zusammenhänge fachlich zu vertiefen und den interdisziplinären Austausch zwischen Pädiatrie und Dermatologie zu stärken, lädt die AG Pädiatrie KLUG e.V. herzlich zu einem gemeinsamen Themenabend ein:
„Kinder im Klimawandel“ Online, 18. November 2026, 18:00-19:30 Uhr
Das Programm beleuchtet das Thema von der klinischen Wissenschaft über die praktische Umsetzung bis hin zur gesundheitspolitischen Ebene aus mehreren Perspektiven:
- Kinderhaut im Klimawandel: Dr. Christina Hecker gibt einen Überblick über die dermatologischen Auswirkungen des Klimawandels auf die kindliche Haut.
- Anwendung in der Praxis: Klimasensible Beratung am Beispiel der KlimaDocs : Dr. Susanne Filfil stellt anhand der Erfahrungen aus dem KlimaDocs-Projekt praxisnah vor, wie klimasensible Beratung im pädiatrischen und hausärztlichen Alltag konkret umgesetzt werden kann. Nähere Informationen und Material unter www.klimadocs.de.
- Positionspapier: Inhalte, Verbreitung und parlamentarisches Frühstück: Dr. Christof Wettach berichtet gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen über das gemeinsame Positionspapier zu Kindern im Klimawandel, dessen Verbreitungsstrategie sowie die geplanten Aktivitäten im Rahmen eines parlamentarischen Frühstücks, um die Anliegen der pädiatrischen Praxis auch gesundheitspolitisch hörbar zu machen.
- Aktivitäten mit pädagogischen Fachkräften: Kitas, Grundschulen und Frühe Hilfen: Dr. Antje Herbst stellt Formate und Kooperationen vor, mit denen Wissen zu klimabedingten Gesundheitsrisiken direkt in frühkindliche Bildungseinrichtungen und die Frühen Hilfen getragen wird, damit Prävention besonders wirksam ansetzen kann.
Die Veranstaltung richtet sich an Pädiaterinnen und Pädiater, Dermatologinnen und Dermatologen sowie an alle Fachkräfte, die sich für klimasensible Medizin im Kindes- und Jugendalter interessieren. Sie bietet nicht nur fundiertes Fachwissen, sondern auch die Möglichkeit, sich mit Kolleginnen und Kollegen aus beiden Fachbereichen zu vernetzen und gemeinsame Projekte anzustoßen.
AG Pädiatrie und AG Dermatologie KLUG e.V.
Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG e.V.) versammelt Fachpersonen aus dem gesamten Gesundheitswesen, die sich für eine klimaresiliente und nachhaltige Gesundheitsversorgung engagieren. Innerhalb dieses Netzwerks widmen sich die AG Pädiatrie und die AG Dermatologie den spezifischen Herausforderungen ihrer jeweiligen Fachrichtungen im Kontext der Klimakrise. Dies umfasst klinischen Versorgung, Fortbildung und gesundheitspolitische Interessenvertretung.
Beide Arbeitsgruppen setzen sich dafür ein, dass klimasensible Medizin nicht länger ein Randthema bleibt, sondern fester Bestandteil der ärztlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie der täglichen Praxis wird. Der Themenabend „Kinder im Klimawandel“ ist ein weiterer Baustein dieser Arbeit und zeigt beispielhaft, wie fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Pädiatrie und Dermatologie sein kann, wenn es um den Schutz der jüngsten und verletzlichsten Patientinnen und Patienten geht.
Die kindliche Haut ist häufig der erste sichtbare Ort, an dem sich die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels zeigen. Diese Zusammenhänge frühzeitig zu erkennen und in die tägliche Praxis zu integrieren ist existenziell bedeutsam zum Schutz einer Generation, die den Klimawandel am längsten erleben und dessen Folgen am längsten tragen wird.
Infos und Anmeldung
Nähere Informationen zur Anmeldung folgen über die Kanäle von KLUG e.V. Bei Fragen wenden Sie sich gerne an die AG Pädiatrie: Dr. med. Christina Hecker, E-Mail: christina.hecker@heckers-koeln.de
KLUG e.V.:
LinkedIn: KLUG | Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. auf LinkedIn
Website: KLUG | Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.
Literatur:
- Ahdoot, S., Baum, C.R., Cataletto, M.B., Hogan, P., Wu, C.B., Bernstein, A., Council on Environmental Health and Climate Change and Council on Children and Disasters (2024) Climate Change and Children’s Health: Building a Healthy Future for Every Child. Pediatrics, 153(3), e2023065505. https://doi.org/10.1542/peds.2023-065505
- Aristizabal, M., Jiménez-Orrego, K.V., Caicedo-León, M.D., Páez-Cárdenas, L.S., Castellanos-García, I., Villalba-Moreno, D.L., Ramírez-Zuluaga, L.V., Hsu, J.T.S., Jaller, J. and Gold, M. (2024) Microplastics in dermatology: Potential effects on skin homeostasis. Journal of Cosmetic Dermatology, 23(3), pp. 766-772. https://doi.org/10.1111/jocd.16167
- Climate-ADAPT / European Climate and Health Observatory (o.J.) Children’s health. Kopenhagen: Europäische Umweltagentur (EEA). Verfügbar unter: https://climate-adapt.eea.europa.eu/en/observatory/topics/health-impacts/childrens-health
- Coates, S.J. and Norton, S.A. (2021) The effects of climate change on infectious diseases with cutaneous manifestations. International Journal of Women’s Dermatology, 7(1), pp. 8-16. https://doi.org/10.1016/j.ijwd.2020.07.005
- Jayakumar, J.M., Martinez-Urtaza, J., Brumfield, K.D., Jutla, A.S., Colwell, R.R., Cordero, O.X. and Almagro-Moreno, S. (2024) Climate change and Vibrio vulnificus dynamics: A blueprint for infectious diseases. PLOS Pathogens, 20(12), e1012767. https://doi.org/10.1371/journal.ppat.1012767
- Kamata, Y., Tominaga, M. and Takamori, K. (2025) Mechanisms of Itch in Atopic Dermatitis. Juntendo Medical Journal, 71(1). https://doi.org/10.14789/ejmj.JMJ24-0036-R
- Liu, C.-X., Li, L. and Zeng, Y.-P. (2025) The Role of Air Pollution in the Pathogenesis of Atopic Dermatitis, With a Focus on Oxidative Stress. Clinical and Translational Allergy, 15(9), e70104. https://doi.org/10.1002/clt2.70104
- McMichael, A.J., Campbell-Lendrum, D.H., Corvalan, C.F., Ebi, K.L., Githeko, A., Scheraga, J.D. and Woodward, A. (eds.) (2003) Climate Change and Human Health: Risks and Responses. Geneva: World Health Organization.
- Murota, H. and Katayama, I. (2019) Why does sweat lead to the development of itch in atopic dermatitis? Experimental Dermatology, 28(12), pp. 1416-1421. https://doi.org/10.1111/exd.13981
- Pan, Z., Dai, Y., Akar-Ghibril, N., Simpson, J., Ren, H., Zhang, L., Hou, Y., Wen, X., Chang, C., Tang, R. and Sun, J.-L. (2023) Impact of Air Pollution on Atopic Dermatitis: A Comprehensive Review. Clinical Reviews in Allergy & Immunology, 65(2), pp. 121-135. https://doi.org/10.1007/s12016-022-08957-7
- Positionspapier der AG Pädiatrie bei KLUG e.V.:
- https://www.klimawandel-gesundheit.de/wp-content/uploads/2023/11/Positionspapier-Kinder-vor-den-Folgen-der-Klimakrise-schuetzen.pdf
- Proulx, K., Daelmans, B., Baltag, V. and Banati, P. (2024) Climate change impacts on child and adolescent health and well-being: A narrative review. Journal of Global Health, 14, 04061. https://doi.org/10.7189/jogh.14.04061
- Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2023) Auswirkungen des Klimawandels auf Infektionskrankheiten und antimikrobielle Resistenzen – Teil 1 des Sachstandsberichts Klimawandel und Gesundheit 2023. Journal of Health Monitoring, S3/2023. Berlin: Robert Koch-Institut.
- Tan, E., Saha, S. and Niebel, D. (2025) Plastics in dermatology: A review and solutions. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 39(9), pp. 1715-1724. https://doi.org/10.1111/jdv.20537
- Wang, S.-P., Stefanovic, N., Orfali, R.L., Aoki, V., Brown, S.J., Dhar, S., Eichenfield, L.F., Flohr, C., Ha, A., Mora, C., Murase, J.E., Rosenbach, M., Srinivas, S.M., Thyssen, J.P., Wei, M.L., Irvine, A.D. and Abuabara, K. (2024) Impact of climate change on atopic dermatitis: A review by the International Eczema Council. Allergy, 79(6), pp. 1455-1469. https://doi.org/10.1111/all.16007
- World Health Organization (2023) Climate change [Fact sheet]. Geneva: World Health Organization. Aktualisiert 12. Oktober 2023. Verfügbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/climate-change-and-health





