Eine internationale Studie aus 136 Ländern belegt gravierende klimabedingte Veränderungen bei Hauterkrankungen. Während einkommensstarke Regionen primär mit verschlechterten entzündlichen Dermatosen konfrontiert sind, treffen Infektionen und Hitzeschäden einkommensschwächere Länder mit voller Härte.
Der fortschreitende Klimawandel verändert das Spektrum und die Prävalenz dermatologischer Krankheitsbilder weltweit. Laut neuen Daten des Global Access to Skin Health Observatory berichten bereits über 40 % aller untersuchten Länder über klimabedingte Zunahmen oder Verschlechterungen von Hauterkrankungen. Besonders ausgeprägt sind die Effekte in einkommensschwächeren Regionen. Für Dermatolog:innen in Klinik und Niederlassung ergeben sich daraus neue Herausforderungen bei der Diagnostik, aber auch bzgl. Prävention und Patientenschulung.
Die veränderten klimatische Bedingungen beeinflusst die funktionelle Integrität der Hautbarriere durch steigende Umgebungstemperaturen, extreme Wetterereignisse, veränderte Niederschlagsmuster sowie ökosystemare Verschiebungen (1, 2). Trotz wachsender Sensibilisierung für klimabedingte Hauterkrankungen blieben das globale Ausmaß und die klinischen Konsequenzen bislang unzureichend quantifiziert (2, 3).
Im Rahmen des EADV-Kongresses 2026 wurden erstmals die Ergebnisse der SkinObservatory-Studie vorgestellt – einer weltweiten Initiative der International League of Dermatological Societies (ILDS) (1). Vertreter:innen aus 194 WHO-Mitgliedsländern wurden eingeladen, Daten zu klimabedingten Effekten und zur Prävalenz dermatologischer Krankheitsbilder beizutragen. Valide Rückmeldungen gingen aus 136 Ländern aller vier Einkommensgruppen der Weltbank ein.
Sozioökonomische Disparitäten und regionale Muster (1)
Insgesamt berichteten 42,6 % der Länder über Veränderungen bei der Prävalenz oder Schwere von Hauterkrankungen infolge klimatischer Faktoren. Dabei zeigte sich eine deutliche sozioökonomische Diskrepanz: Während mehr als die Hälfte der Länder mit niedrigem Einkommen (55,6 %) und niedrigerem mittleren Einkommen (52,5 %) klimabedingte Zunahmen meldeten, lag dieser Anteil in Ländern mit höherem mittleren Einkommen bei 43,8 % und in Hocheinkommensländern bei lediglich 28,3 %.
Geografisch traten ausgeprägte Unterschiede auf: Am häufigsten wurden Einflüsse in der Westpazifik-Region (64,7 %) sowie im Östlichen Mittelmeerraum und in Südostasien (jeweils 60,0 %) dokumentiert. In Europa lag die Melderate bei 19,1 %. In Afrika äußerten sich 42,9 % der Befragten unsicher bezüglich der konkreten Auswirkungen, was auf erhebliche Erfassungslücken hinweist (1). In der afrikanischen Region kommen derzeit weniger als drei Dermatologinnen und Dermatologen auf eine Million Einwohner, was die Früherkennung zusätzlich erschwert.
Klinisches Spektrum, funktionelle Pathomechanismen (1)
Unter den 58 Ländern mit konkret dokumentierten Klimaeffekten standen drei Krankheitskategorien im Vordergrund:
- Hitzedermatosen: 81,0 % der betroffenen Länder meldeten einen Anstieg von Hitzeausschlägen.
- Entzündliche Dermatosen: 75,9 % verzeichneten eine Zunahme oder Exazerbation entzündlicher Erkrankungen wie atopischer Dermatitis, Rosazea oder Psoriasis.
- Infektiöse Dermatosen: 62,1 % berichteten über veränderte Muster bei Hautinfektionen, wobei die Hälfte dieser Länder (50,0 %) eine Zunahme von durch Vektoren übertragenen Dermatosen feststellte.
Steigende Temperaturen und Luftfeuchtigkeit verstärken die Schweißbildung und Mazeration der Hornschicht, was Irritationen begünstigt. Hitze, Feinstaub und Luftverschmutzung wirken zudem als proinflammatorische Trigger chronisch-entzündlicher Dermatosen. Geänderte Niederschläge und Temperaturzonen verschieben zudem die Habitatsgrenzen von Vektoren wie Mücken oder Zecken, sodass infektiöse Dermatosen in bisher nicht-endemischen Regionen auftreten.
Diese Befunde verdeutlichen eine ausgeprägte globale Ungleichheit: Ressourcenarme Länder tragen die Hauptlast der klimabedingten Folgen, verfügen jedoch über die geringsten Anpassungskapazitäten und den eingeschränktesten Zugang zu Fachärztinnen und Fachärzten sowie Medikamenten.
Sehen, wo die Lücken liegen
Durch interaktive Karten und Visualisierungen bringt der Skin Observatory Data Explorer globale, regionale und länderbezogene Daten zum Zugang zu dermatologischer Versorgung zusammen und zeigt, wo Leistungen verfügbar sind, wo Lücken bestehen und wie der Zugang zwischen Regionen und Einkommensstufen variiert: https://shorturl.at/QAcfz

Praxis-Interview mit Studienleiterin Dr. Esther Freeman
Die Ergebnisse der SkinObservatory-Studie zeigen, dass der Klimawandel die dermatologische Versorgung bereits heute direkt verändert. Studienleiterin Dr. Esther Freeman erläutert die Konsequenzen für den Praxis- und Klinikalltag.
Frau Dr. Freeman, über 40 % aller Länder berichten bereits über klimabedingte Veränderungen bei Hautkrankheiten. Welches Ergebnis hat Sie am stärksten überrascht?
Dr. Esther Freeman: „Am eindrücklichsten ist die Erkenntnis, dass der Klimawandel schon heute messbare negative Auswirkungen auf die Hautgesundheit hat – und dass diese Last sehr ungleich verteilt ist. Wir denken bei Extremwetter meist an Hitzschlag, kardiovaskuläre Komplikationen oder Atemwegserkrankungen. Doch als äußeres Schutzorgan bildet die Haut unsere unmittelbare Frontlinie gegenüber Umweltveränderungen. Dass sich die Effekte quer durch alle Kategorien ziehen – von Hitzedermatosen über entzündliche Erkrankungen bis hin zu Infektionen –, verdeutlicht die globale Reichweite. Das verlangt auch in der europäischen Versorgung ein Umdenken.“
Rund 76 % der betroffenen Länder melden eine Zunahme entzündlicher Dermatosen. Worauf sollten Ärzt:innen in der täglichen Sprechstunde achten?
Dr. Esther Freeman: „Wir beobachten sowohl direkte als auch indirekte Effekte. Höhere Temperaturen und Feuchtigkeit verstärken die Schweißbildung und Mazeration, während Umweltreize entzündliche Kaskaden anstoßen. Für Patient:innen mit atopischer Dermatitis oder Rosazea erhöht das das Exazerbationsrisiko. Indirekt unterbrechen Extremwetterlagen häufig die Versorgungsketten mit Dermatologika. Für den Praxisalltag bedeutet das: Umweltfaktoren und Hitzeperioden müssen gezielter in die Anamnese und Behandlungsplanung einbezogen werden.“
Welche konkreten Schritte empfehlen Sie für die dermatologische Praxis und Klinik?
Dr. Esther Freeman: „Wir müssen die Hautgesundheit als festen Bestandteil der klimabedingten Gesundheitsvorsorge etablieren. Das erfordert drei Säulen: Erstens den Ausbau lokaler Überwachungssysteme zur Früherkennung, zweitens gezielte Fortbildungen für Dermatologinnen und Dermatologen sowie Schulungen für Patient:innen zur Photoprotektion und Hautpflege bei Extremwetter, und drittens regional angepasste Präventionsstrategien. Der Klimawandel gehört als fester Einflussfaktor in die Behandlungsstandards integriert.“
Dr. Esther Freeman, MD, PhD
Dr. Esther Freeman ist u.a. Direktorin für Globale Hautgesundheit am Massachusetts General Hospital sowie an der Harvard Medical School in Boston, USA. Als Hauptprüferin leitet sie die weltweite SkinObservatory-Studie. Als Gründerin der International Alliance for Global Health Dermatology und Vizepräsidentin der International Foundation for Dermatology (setzt sie sich intensiv für die Versorgung in unterversorgten Regionen ein. Sie ist Inhaberin der von L’Oréal Dermatological Beauty und CeraVe gestifteten Stiftungsprofessur.
(sma)
Quelle: European Academy of Dermatology and Venereology (EADV). (2026, 30. September). New study reveals major impact of climate change on skin health worldwide [Pressemitteilung].
Literatur
- Khalfalla, T., et al. (2026). The global impact of climate change on dermatological disease: International results from 136 countries participating in the SkinObservatory study. EADV Congress 2026, Vienna, Austria.
- Delahaye, T., et al. (2026). Changement climatique et peau [Climate change and skin]. Rev Med Liege, 81(5–6), 373–379.
- Clarke, L., et al. (2026). From vectors to vulnerability: Climate change’s role in dermatology. Journal of Integrative Dermatology. Published online 2026.





