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Organspende nach Herzstillstand: Ungenutztes Potenzial für Deutschland

EKG-Kurve läuft in eine Flatline – Symbol für Herzstillstand

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Organspende nach Herzstillstand: Ungenutztes Potenzial für Deutschland

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mgb medizin Redaktion

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Erschienen in: herzmedizin

Deutschland hat im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarländern erheblichen Nachholbedarf bei der Organspende. Eine aktuelle Studie der Universität Kiel zeigt: Die Einführung der Organspende nach Herz-Kreislaufstillstand könnte die Zahl verfügbarer Spenderorgane deutlich erhöhen – und Wartelisten verkürzen.

Hintergrund: Ein Sonderweg in Europa

In Deutschland ist die Organspende nach dem Tod gesetzlich an eine spezifische Voraussetzung geknüpft: den irreversiblen Hirnfunktionsausfall (IHA) – umgangssprachlich auch als Hirntod bekannt. Diese Regelung macht Deutschland zu einem Sonderfall in Europa. Viele Nachbarländer, darunter Spanien, die Schweiz und Tschechien, erlauben zusätzlich die sogenannte kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand (controlled donation after circulatory death, cDCD).

Bei dieser Methode tritt der Tod nicht durch den Ausfall der Hirnfunktionen ein, sondern infolge einer auf Wunsch der Patientinnen und Patienten beendeten Intensivtherapie – etwa bei infauster Prognose und dem Wunsch, weiteres Leiden zu vermeiden. Nach Einstellung der künstlichen Beatmung bzw. Kreislaufunterstützung und einer definierten Wartezeit nach Todeseintritt wird die Organentnahme möglich.

Die Studie: Simulationen auf Basis europäischer Daten

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) haben gemeinsam mit der Eurotransplant International Foundation (Leiden, Niederlande) untersucht, welches Potenzial eine Einführung der cDCD in Deutschland hätte.

Grundlage der im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Studie waren retrospektive Daten aus neun europäischen Ländern sowie simulationsgestützte Modelle zur Entwicklung von Transplantationszahlen und Wartelisten.

Ergebnisse: Deutliche Steigerung möglich – je nach Rahmenbedingungen

Die Simulationen zeigen ein erhebliches Potenzial – allerdings abhängig von den jeweiligen organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Zwei Modellszenarien für das Jahr 2023 verdeutlichen die Spannbreite:

SzenarioMehr LebertransplantationenMehr Nierentransplantationen
Nach Schweizer Vorbild+35 %+60 %
Nach tschechischem Vorbild+10 %+30 %

In Szenarien nach österreichischem Vorbild ergaben sich dagegen kaum Verbesserungen – ein Hinweis darauf, dass die bloße rechtliche Einführung der HKS-Spende allein nicht ausreicht.

Strukturelle Faktoren sind entscheidend

Die Studienautoren betonen, dass steigende Organspendezahlen in anderen Ländern regelmäßig mit einem Bündel begleitender Maßnahmen einhergehen:

  • Verbesserte Spendererkennung in Kliniken
  • Standardisierte Abläufe und Protokolle
  • Gezielte Schulung von Fachpersonal
  • Öffentlichkeitsarbeit zur Steigerung der gesellschaftlichen Akzeptanz

Einordnung der Autoren

„Wir haben diese Studie vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels durchgeführt, da Deutschland im Gegensatz zu den meisten seiner Nachbarländer durch den Verzicht auf die HKS-Spende einen Sonderweg geht. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ein relevantes zusätzliches Potenzial bietet. Ihr sollte ein größerer Stellenwert in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung eingeräumt werden.“ — Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna, Erstautor, Medizinische Fakultät der CAU

„Ob und wie DCD in Deutschland geregelt werden könnte, ist eine gesellschaftliche und politische Frage. Die Studie bietet aber eine datenbasierte Grundlage für eine sachliche Debatte und hilft, mögliche Auswirkungen besser zu verstehen. Maßstab bleiben Transparenz, Qualität und Patientensicherheit.“ — Erwin de Buijzer, Medical Director, Eurotransplant

Einordnung in die aktuelle Debatte

Aktuell dreht sich die politische Diskussion zur Organspende in Deutschland vor allem um die Widerspruchslösung, bei der jeder Mensch grundsätzlich als Spender gilt, sofern er nicht zu Lebzeiten widersprochen hat. Die Kieler Studie will diesen Blickwinkel erweitern und auf bislang wenig beachtete Systemoptionen hinweisen.

Auch international ist die Organspende nach Herzstillstand längst etabliert: Neben vielen europäischen Ländern praktizieren sie unter anderem Japan, die USA und Australien – jeweils unter angepassten Protokollen.

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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