Sie wird noch internationaler und interdisziplinärer, als wir sie kennen: Die Jahrestagung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) findet 2026 unter dem Leitthema „Augenheilkunde ohne Grenzen“ statt. Die Philosophie und die Highlights des diesjährigen Kongresses stellt uns DOG-Präsident Prof. Dr. Lars-Olof Hattenbach im Interview vor. Er möchte, dass das traditionelle Gipfeltreffen im Berliner Estrel (24.-27. Sept. 2026) in Zukunft noch mehr Gäste aus aller Welt anzieht.
Herr Professor Hattenbach, warum haben Sie „Augenheilkunde ohne Grenzen“ als Ihr DOG-Leitthema gewählt?
Prof. Dr. Lars-Olof Hattenbach: Dieses Motto beschreibt für mich am besten, was die Augenheilkunde heute ausmacht: Unser Fach ist hochinnovativ und überrascht uns ständig mit neuen therapeutischen Möglichkeiten. Wir erleben gerade eine Ära, wo das eben noch „Undenkbare“ zur anwendbaren Realität wird – und das auf vielerlei Ebenen. Forschung, die jahrzehntelang als Vision galt, kommt auf einmal zur klinischen Anwendung. Zum Beispiel mit einem drahtlosen Chip, der – unter die Netzhaut implantiert – bei trockener AMD das Sehvermögen zum Teil nochmals wiederherstellen kann. Und das ist nur eines von vielen eindrucksvollen Beispielen, über die wir beim Kongress sprechen werden.
„Ohne Grenzen“ bezieht sich jedoch nicht nur auf den wissenschaftlichen Fortschritt und die Freude daran. Ich meine mit diesem Motto viele Arten von Grenzen, die wir durch Weiterdenken und Zusammenarbeit überwinden können.
Das ist beispielsweise die Sektorengrenze zwischen Klinik und Praxis, zwischen der Universitätsmedizin und dem Krankenhaus der Regelversorgung. Auch zwischen Forschung und klinischer Anwendung klafft oft noch ein großer Graben. Und dann gibt es die nationalen und traditionellen Schranken: Die Ophthalmologie ist eine globale Disziplin, die enorm vom internationalen Austausch und Vernetzung profitiert. Zudem wird unser Feldweiblicher, und viele berufstätige Paare möchten Klinik, Praxis und Forschung realistisch mit der Familie vereinen. Wir hoffen, hierzu Perspektiven aufzeigen zu können und Ideen für unterschiedliche funktionierende Lebensmodelle zu geben.
Welche neuen Formate haben Sie als DOG-Präsident initiiert, die das Motto „Augenheilkunde ohne Grenzen“ verkörpern?
Es wird erstmals sogenannte „Focus“-Sitzungen geben, wo wir uns jenseits unserer deutschen Perspektive zu medizinischen Kernthemen auf internationaler Ebene austauschen. Hier ist es uns gelungen, mehrere europäische Fachgesellschaften zu gewinnen, die ihre Standpunkte einbringen.
Dieser internationale Austausch war mir ein persönliches Anliegen. Denn wir erleben häufig, wie unterschiedlich Themen außerhalb der eigenen „Blase“ bewertet werden – und dass Kollegen mit anderen Herangehensweisen andernorts sehr erfolgreich sind. Damit wollen wir Möglichkeiten sichtbar machen und Facettenreichtum zeigen.
Und natürlich hoffen wir, dass Kolleginnen und Kollegen im Ausland inspiriert werden, die Berliner DOG als festen Termin im Kongresskalender aufzunehmen. Deshalb bieten wir 2026 auch erstmals eine Live-Übersetzung der deutschen Vorträge ins Englische an, die in den sieben wichtigsten Auditorien stattfinden wird. Die Simultanübersetzung kann bequem per App oder Browser verfolgt werden. So öffnet sich unser Kongress für noch mehr internationale Gäste!
Zu welchen Themen finden die internationalen Fokus-Sitzungen statt?
Es wird eine Focus-Sitzung in Kooperation mit EuCornea geben, wo wir Katarakt-Chirurgie bei Augen mit komplexen Hornhauterkrankungen diskutieren. In einer Session mit der European Glaukoma Society EGS besprechen wir neue Horizonte der Glaukom-Chirurgie. Die neuesten Erkenntnisse rund um das Trockene Auge beleuchtet die European Dry Eye Society. Und mit der ESCRS widmen wir uns den Leitlinien und Standards für den Einsatz von Intraokularlinsen. Außerdem wird es eine Retina-Session geben, in der zukunftsweisende Themen wie Home OCT und Gentherapie bei AMD vorgestellt werden.
Wie bilden die Keynote-Lectures der DOG das Leitthema ab?
Wir präsentieren Themen mit starkem Innovationspotential. Die Keynotes stellen Entwicklungen vor, die einige Goldstandards der Versorgung revolutionieren könnten.
So wird uns Prof. Dr. Heinrich Heimann (Liverpool, UK) die digitale Ophthalmologie der Zukunft vorstellen, die in Großbritannien schon seit Jahren Bestandteil der Behandlungsroutine ist. Dort wurden teilweise dramatische Verbesserungen in Diagnostik, Prävention, Behandlung, Patientenzufriedenheit und klinischer Forschung erreicht. Uns interessiert, wie diese Konzepte auch in Deutschland umgesetzt werden können.
Prof. Dr. Anat Loewenstein (Tel Aviv, Israel) spricht über das erfolgreiche Home Monitoring für nAMD, das in den USA seit 2024 zugelassen ist. Dabei machen Patientinnen und Patienten täglich selbst zu Hause eine OCT-Aufnahme – und KI schlägt Alarm, sobald sich Flüssigkeit ansammelt. Damit werden Behandlungsintervalle extendiert und gleichzeitig Ärzte und Patienten entlastet.
Und schließlich referiert Dr. Yannick Le Mer über die ersten Erfolge mit dem vor Kurzem klinisch zugelassenen Netzhaut-Implantat – ein Durchbruch bei der Behandlung von trockener AMD mit geographischer Atrophie.
Wie wird die Verleihung der Albrecht-von-Graefe-Medaille gefeiert?
Am Freitagnachmittag freuen wir uns sehr, Prof. Alan C. Bird (London, UK) mit der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung der DOG zu ehren. Er erhält die Albrecht-von-Graefe-Medaille, die nur alle zehn Jahre für herausragende Verdienste um die Ophthalmologie vergeben wird. Als einer der global führenden Experten der medizinischen Retina haben seine Arbeiten zu AMD, Netzhautdystrophien und Fundus-Autofluoreszenz unser Fach grundlegend geprägt. Seine Graefe Memorial Lecture hält er zum Thema „Macular telangiectasis type 2 – a fruitful adventure“.
Wer wird 2026 zum DOG-Ehrenmitglied ernannt?
Zum einen Prof. Dr. Anat Loewenstein, langjährige Direktorin der Augenklinik des Tel Aviv Medical Center und Präsidentin der EURETINA, die zu den weltweit führenden Expertinnen für Netzhauterkrankungen zählt und sich in herausragender Weise um die Augenheilkunde und die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft verdient gemacht hat. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere zur OCT-basierten Diagnostik und intravitrealen Therapie, haben die moderne Retina-Medizin nachhaltig geprägt.
Zum anderen Prof. Dr. Norbert Pfeiffer, der die deutsche und internationale Augenheilkunde durch seine wegweisenden Beiträge zur Glaukomforschung sowie sein herausragendes wissenschaftliches Lebenswerk nachhaltig geprägt hat und sich durch sein außerordentliches Engagement in der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft und weiteren Fachgesellschaften in besonderer Weise verdient gemacht hat.
Welche weiteren Preise und Auszeichnungen sollten wir auf dem Schirm haben?
Die Liste der Preise und Auszeichnungen ist wieder erfreulich lang. Allein durch die DOG werden über ein Dutzend Preise vergeben, wovon sich einige explizit an den wissenschaftlichen Nachwuchs unter 40 Jahren richten, wie zum Beispiel der Helmholtz-Forschungspreis oder der Wissenschaftspreis der Stiftung Auge. Dann gibt es noch zahlreiche Preise, die von Drittinstitutionen wie Industrie, Verlagen und Patientenvereinigungen im Rahmen des Kongresses verliehen werden. Hier ist besonders der Forschungspreis der Retinologischen Gesellschaft für Intraokulare Entzündungen zu nennen, der erstmals ausgeschrieben wurde und in seinem Premierenjahr auf der DOG vergeben wird.
Mit Spannung erwartet wird wieder der 2025 ins Leben gerufene Ophthalmo-Pitch, bei dem es um die Translation wissenschaftlicher Forschung in die Entwicklung marktreifer Produkte geht. Wir freuen uns auf herausragende Projekte, die innovative Lösungen für bestehende unmet medical needs präsentieren und eine hochkarätig besetzte Jury aus Klinik, Forschung, Industrie und Venture Capital, die ihr Urteil abgibt. Die drei besten Konzepte erhalten dann DOG-Innovationspreise.
Das klingt nach viel Innovation und Bewegung. Was werden Sie beim Kongress außerdem für den wissenschaftlichen Nachwuchs tun?
Die Nachwuchsförderung liegt mir besonders am Herzen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wertvoll es ist, möglichst frühzeitig über Fortbildungs- und Karrierechancen informiert zu sein. Die AG Young DOG leistet hier bereits sehr viel. Ich möchte das Thema zusätzlich noch stärker internationalisieren und jungen Kolleginnen und Kollegen Gelegenheit geben, mehr über Onlinekurse, Auslandsaufenthalte oder Weiterbildungsmöglichkeiten zu erfahren, die bei uns bisher weniger bekannt sind.
Ein weiteres Ihrer erklärten Ziele ist das Networking. Wie wollen Sie das konkret fördern?
Das Thema Networking ist mir so wichtig, weil viele fruchtbare Verbindungen unserer Branche weiterhin auf Glück basieren. Man erfährt zufällig von multizentrischen Studien oder nebenbei von neuen Kooperationen. Deshalb hatten wir bereits bei der Einladung zur Sitzungseinreichung Formate angeregt, die Zusammenarbeit sichtbar machen. Wir möchten, dass es in Zukunft leichter wird, zielgerichtet Partner für Projekte zu finden oder neue Perspektiven in laufende Forschung einzubringen.
Sie sind derzeit nicht nur DOG-Präsident, sondern auch Vorsitzender der Deutschen Ophthalmologischen Chefärztinnen und Chefärzte (DOCH). Wie haben Sie diese Doppelrolle für den Kongress genutzt?
Als Direktor der Augenklinik des Klinikums Ludwigshafen und Vorsitzender der DOCH, welche die nicht-universitären Augenkliniken Deutschlands repräsentiert und deren Interessen ich gemeinsam mit meinem Kollegen Prof. Lutz Hesse auch im Gesamtpräsidium der DOG vertrete, liegt mir natürlich sehr am Herzen, auf die Bedeutung unserer Fachgruppe aufmerksam zu machen. Immerhin tragen die rund 70 ophthalmologischen Hauptabteilungen freier und kommunaler Kliniken zu einem erheblichen Teil zur augenärztlichen Patientenversorgung bei. Unser Ziel ist es, diese medizinische Versorgung zu sichern und die fachliche Zusammenarbeit zwischen Kliniken, Praxen und der Forschung zu fördern. Im Rahmen der DOG 2026 veranstalten wir ein eigenes DOCH-Symposium, Innovation ohne Grenzen? Neue Verfahren für die Ophthalmochirurgie, das wir übrigens als Besonderheit gemeinsam mit Kollegen aus Österreich und der Schweiz als „DOCH-DACH“-Gruppe gestaltet haben. Dabei werden neue Verfahren der Ophthalmochirurgie, die ja ein zentrales Kompetenzfeld der langjährig chirurgisch erfahrenen Chefärztinnen und Chefärzte unserer Augenkliniken darstellt, kritisch auf ihren tatsächlichen Nutzen geprüft. Auch das ist ein spannender Beitrag zur „Augenheilkunde ohne Grenzen“ für Zuhörende aller Sparten.
Welche Rolle spielt das Thema Interdisziplinarität für Sie persönlich?
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit spielt für mich eine sehr große Rolle – nicht zuletzt, weil ich selbst ursprünglich Kardiologe werden wollte und die Verbindung zwischen Gefäßmedizin und hinterem Augenabschnitt bis heute prägend für meine Arbeit ist. Ohne die Erfahrung aus beiden Welten wäre meine Karriere anders verlaufen. Daher weiß ich, wie stark wir in der Ophthalmologie vom Austausch mit anderen Fächern profitieren können: Netzhautgefäßverschlüsse, diabetische Retinopathie, Uveitis oder endokrine Orbitopathie sind dafür nur die bekanntesten Beispiele. Diese und weitere Schnittstellen möchten wir betonen und Kolleginnen und Kollegen aus anderen Disziplinen gezielt bei der DOG 2026 mit einbinden.
Was ist Ihre persönliche Botschaft an die Community als DOG-Präsident 2026?
Die Augenheilkunde befindet sich in einem rasanten Wandel: technologisch, strukturell und gesellschaftlich. Der DOG-Kongress ist unsere zentrale Plattform in Deutschland, auf der wir diesen Wandel gemeinsam diskutieren und gestalten können. Und das mit internationaler Strahlkraft und nicht zuletzt zahlreichen Social Events, die den Kongress umrahmen. Zu diesem großen, grenzenlosen Networking möchte ich alle herzlich einladen, damit in Zukunft noch mehr Gutes für unser Fach und unsere Patientinnen und Patienten entstehen kann. Darauf freue ich mich sehr!
Die Fragen stellte Rosemarie Frühauf.
Erschienen in Concept Ophthalmologie 6_2026.





