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Wie lässt sich Myopie bei Kindern bremsen?

Lachende Kinder im Freien

Wie lässt sich Myopie bei Kindern bremsen?

Aus der Praxis

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4 MIN

Erschienen in: CONCEPT Ophthalmologie

Neues zum Dauerthema kindliche Kurzsichtigkeit: Über verbreitete Myopie-Behandlungsansätze, neue Rotlicht-Anwendungen, internationale Studienergebnisse zum Hoffnungsmittel Atropin und den positiven Effekt von Sonnenlicht berichtete Prof. Dr. Wolf Lagrèze anlässlich des DOG-Kongresses.

Während in südostasiatischen Metropolen bereits 80 bis 90 Prozent der jungen Menschen kurzsichtig sind, liegt dieser Anteil in Europa derzeit bei 30 bis 40 Prozent. „Jeder zehnte davon, also rund fünf Prozent aller Menschen in diesem Alter, bekommt eine so genannte hohe Myopie“, sagte Lagrèze, Leiter der Sektion Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie und Schielbehandlung der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg. Ab einer Kurzsichtigkeit von mehr als -6 Dioptrien (dpt) steigt das Risiko für langfristige Netzhautschäden an. Als besonders kritisch gelten Werte ab -10 dpt, dann liegt das Risiko für eine spätere Sehbehinderung durch Makuladegeneration oder Netzhautablösung bei über 50 Prozent.

Widersprüchliche Ergebnisse zu Atropin

Um schweren Folgeschäden bis hin zu einem Sehverlust im Alter entgegenzuwirken, ist deshalb bereits eine ganze Reihe unterschiedlicher Gegenmittel ersonnen und wissenschaftlich untersucht worden. Zu besonderer Bekanntheit gelangte vor einigen Jahren die Behandlung mit stark verdünnten Atropin-haltigen Augentropfen, die das Längenwachstum des Augapfels bremsen sollten. In Studien aus dem asiatischen Raum seien damit gute Ergebnisse erzielt worden. [1] Das habe zu einer weltweiten Anwendung der niedrig dosierten Atropin-Therapie geführt. „In Europa und den USA blieben vergleichbare Erfolge aber leider bisher aus“, betonte Lagrèze auf der DOG-Pressekonferenz.

So ergab die irische MOSAIC-Studie, bei der eine Formulierung der Firma Nevakar verwendet wurde, dass eine zweijährige Anwendung von 0,01 prozentigen Atropintropfen das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit im Vergleich zu Placebo nur um 0,1 dpt verringerte. [2] Die amerikanisch-europäische CHAMP-Studie, die die gleiche Formulierung verwendete, verglich Placebo mit 0,01-prozentigem und 0,02-prozentigem Atropin. Ergebnis: Nach dreijähriger Therapie war das Fortschreiten der Myopie in der 0,01-prozentigen Gruppe um 0,25 dpt geringer als in der Placebogruppe. [3] „Obwohl dieser Effekt statistisch signifikant war, erscheint es doch übertrieben, ihn als für die Betroffenen wirklich klinisch bedeutsam anzusehen“, erklärte Lagrèze. Mit Spannung würden nun die Ergebnisse der deutschen AIM-Studie erwartet, die die Wirkung von 0,02-prozentigen Atropintropfen in der Formulierung eines deutschen Vertragsherstellers untersucht.

Längerfristige Studien abwarten – und vorsichtig interpretieren

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse wird die als Myopie-Boom [4] bezeichnete Entwicklung jetzt differenzierter betrachtet. „Wir berücksichtigen regionale und ethnisch bedingte Unterschiede stärker“, betont der Freiburger Mediziner. Aufgrund der ernüchternden Atropin-Erfahrungen werden auch neuartige Myopie-Behandlungsansätze heute vorsichtiger bewertet und hinsichtlich Sicherheit und Reproduzierbarkeit kritischer hinterfragt. „Das gilt für die neuartige Rotlicht-Therapie, bei der die Augen mit einem roten Laserlicht bestrahlt werden, aber auch für multifokale Optiken wie Multisegmentbrillengläser und spezielle Kontaktlinsen“, so Lagrèze. Diese seien zwar bereits weit verbreitet, müssten aber noch in längerfristigen Studien untersucht werden. Vorsicht bei der Interpretation möglicher Effekte sei auch deshalb angebracht, weil der Einfluss neuer Alltagstrends wie die zunehmende Smartphone-Nutzung auf die Augenentwicklung bislang noch nicht sicher abgeschätzt werden könnten..

Weil die Myopie eine so große Bevölkerungsgruppe betrifft, kann ihre Behandlung die Gesundheitssysteme erheblich belasten. „Um so erfreulicher ist es, dass wir mit dem Sonnenlicht über ein wirksames und sogar kostenloses präventives Mittel verfügen“, so Lagrèze. In umfangreichen – ebenfalls asiatischen – Studien ist bereits gut belegt, dass das Risiko für Kurzsichtigkeit mit zunehmender Sonnenlicht-Exposition abnimmt. Eine jüngst publizierte Studie gibt sogar Hinweise darauf, wie die optimale Dosierung aussehen sollte: Demnach muss ein Aufenthalt im Freien mindestens 15 Minuten am Stück dauern, damit das Sonnenlicht seine vorbeugende Wirkung entfalten kann. [5] In der Studie zeigte sich außerdem, dass für einen messbaren Effekt bereits 2000 Lux Tageslicht ausreichen. „Das ist eine Lichtstärke, die sogar an einem bedeckten Wintertag noch erreicht wird“, freut sich Lagrèze.

Literatur:

  1. Chia A et al. Atropine for the Treatment of Childhood Myopia: Safety and Efficacy of 0.5%, 0.1%, and 0.01% Doses (Atropine for the Treatment of Myopia 2). Ophthalmology 2012 Feb;119(2):347-54. doi: 10.1016/j.ophtha.2011.07.031. Epub 2011 Oct 2.
  2. Loughman J et al. Acta Ophthalmol 2024; 102: 245.
  3. Zadnik K et al. JAMA Ophthalmol 2023; 141: 99.
  4. Dolgin E. The myopia boom. Nature 2015 Mar 19;519(7543):276-8. doi: 10.1038/519276a.
  5. Chen J et al. Smartwatch Measures of Outdoor Exposure and Myopia in Children. JAMA Network Open. 2024;7(8):e2424595. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.24595

Quelle: DOG-Kongresspressekonferenz am 10.10.2024 in Berlin

Bildquelle: © Goffkein – stock.adobe.com

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