Mit 6.800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern blieb der 78. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie etwas unter dem Ergebnis des Vorjahres in Hamburg. Zwei Trends stachen heraus: In der Medizintechnik (Künstliche Intelligenz, Roboterchirurgie) überzeugten Innovationen, in der Berufs- und Verbandspolitik ist die Urologie in die Defensive geraten.
Volle Vortragssäle, eine sehr gut besuchte Industrieausstellung und intensive Diskussionen prägten die vier Kongresstage unter dem Motto „Dem Leben eine Zukunft geben“. In die Offensive ging der Fachkongress bei den urologischen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. KI im Tumorboard wird schon bald überwiegend die Regel sein. Ein humanoider Roboter ließ erahnen, wohin der Weg führt. Auf dem Kongress ging es deshalb vor allem darum, was die Systeme leisten, wie ihre Ergebnisse zustande kommen und wo ihre Grenzen liegen. Das KI-Tumorboard machte Anwendungen anhand konkreter diagnostischer Situationen nachvollziehbar. Allen zum Teil apokalyptischen Befürchtungen zum Trotz zeigte sich DGU-Präsidentin Prof. Susanne Krege überzeugt: „Künstliche Intelligenz kann uns in Diagnostik, Therapieplanung und Dokumentation unterstützen. Wenn sie uns sinnvoll entlastet, kann sie auch Zeit schaffen für das persönliche Gespräch mit unseren Patientinnen und Patienten. Dafür müssen wir aber verstehen, wie diese Systeme arbeiten und wo ihre Grenzen liegen.“
Der „Weiße Punkt“ für OP-Einweginstrumente
Im Plenum zur Nachhaltigkeit beschrieb Daniel Unger, Sustainability Manager bei Ethicon Deutschland Inc,, den „steinigen Weg zur Kreislaufwirtschaft in der Medizintechnik“. Ethicon ist Teil der global agierenden Johnson & Johnson Medical Devices Companies. In mehr als 1.900 deutschen Kliniken werden pro Jahr etwa 8.000 Tonnen OP-Einweginstrumente entsorgt. Als mögliche Lösung präsentierte Unger die „Weiße-Punkt-Initiative“ zum herstellerübergreifenden Recycling von OP-Einweginstrumenten in Kliniken.

„Grüne Box“ erhielt DGU-Nachhaltigkeitspreis
Erstmals vergab die DGU in Düsseldorf zudem ihren Nachhaltigkeitspreis für Industriepartner. Ausgezeichnet wurde MSD Sharp & Dohme GmbH für die „Grüne Box“, ein Mehrwegsystem für den Versand von Arzneimitteln und Impfstoffen. Nach Angaben des Unternehmens wurden damit seit 2021 rund 429 Tonnen CO₂ Äquivalente eingespart.
Konnte der DGU-Kongress in diesen Themen punkten, zeigten verbands- und berufspolitische Themen eher Abwehrkämpfe bzw. politische Pressionen für das Fachgebiet. Beispiel: PSA-basierte, risikoadadaptierte Früherkennung des Prostatakarzinoms. Dem IQWIG-Vorbericht konnte man entnehmen, dass das Institut trotz dieses risikoadaptierten Vorgehens keinen Beleg des Screenings im Gesamtnutzen sieht. Zum einen gebe es Daten der Senkung der Mortalitätsrate durch PSA-Screening, zum anderen gebe es die gute Evidenz für das risikoadaptierte Vorgehen. „Aber uns fehlt aus IQWIG-Sicht die Evidenz-Verknüpfung beider Elemente. Natürlich würde eine solche Kombinats-Evidenz voraussetzen, dass wir tatsächlich zeigen könnten, dass wir Mortalität senken und Überdiagnostik vermeiden“, betonte Prof. Maurice Stephan Michel, DGU-Präsident 2027.
Frustration und Enttäuschung waren Michel deutlich anzumerken: „Ich finde, dass diese Betrachtung sehr schwierig nachzuvollziehen ist, weil ich eins und eins addieren kann und weiß, was herauskommt. Darin liegt für mich ein zentraler Widerspruch in dieser Bewertung. Ich kann das so nicht mittragen.“ Insgesamt zeigte sich Michel pessimistisch, dass man endlich eine Chancengleichheit herstellen könne. „In der Uroonkologie bedeutet das für mich, dass sich ein Mensch mit einem niedrigen Bildungsstatus und schlechten Deutsch-Kenntnissen eine Früherkennungsleistung mit guten Techniken leisten kann. Jetzt ist es eine Realität, dass er benachteiligt wird.“ Hoch gebildete Menschen nähmen diese Leistung eher in Anspruch und profitierten davon. Geringer gebildete Menschen erhielten diesen Zugang nicht und würden benachteiligt.
„Das bedeutet auch Chancengleichheit“, betonte Prof. Michel. Für den 79. DGU-Kongress 2027 in Frankfurt haben Prof. Michel und Dr. Thomas Speck eine Online-Umfrage zur Chancengleichheit gestartet, die möglichst viele Urologinnen und Urologen digital ausfüllen sollen.
„Politik schafft keine Chancengleichheit“
Michels Fazit war pessimistisch: „Die Politik wird diese Chancengleichheit nicht schaffen. Wir werden kein GKV-basiertes Screening des Prostatakarzinoms bekommen. Wir werden die PSA-Untersuchung und das MRT nicht finanziert bekommen. DGU, Berufsverband und wir alle müssen nun zusammenstehen, um diese Chancengleichheit in der PCa-Früherkennung endlich zu erreichen.“
16 HVMs sind Blackboxen
Die Umsetzung der durch das GKV-Spargesetz vorgegebenen Reduktion des Honorar-Volumens in der ambulanten Urologie unterliegt den Kassenärztlichen Vereinigungen. Das Geld muss nun in einer anderen Struktur verteilt werden, und die 16 Honorarverteilungsmaßstäbe müssen im vierten Quartal im Herbst angepasst werden. „Die politische Botschaft muss sein: Es wird nur so viel gearbeitet, wie Geld ins System kommt. Es ist noch nicht bekannt, wie das Geld verteilt wird“, unterstrich DGU-Präsident Dr. Axel Belusa. Die KBV-Position sei, diese unfinanzierten Fälle nicht zu behandeln. Einzelne KVen wollten anscheinend die Abschläge akzeptieren. „Wir wissen nicht, ob sich das dann auf alle Fälle beziehen würde oder nur auf bestimmte.“
Bleibt die Onkologie-Vereinbarung unangetastet?
„Der Trend ist, dass die KVen die Onkologie-Vereinbarung nicht antasten. Das sind Trends, die man hört, aber es liegt nichts schriftlich vor“, teilte Dr. Belusa mit. Aus der KV Nordrhein erfuhr UroForum, dass es dort ebenfalls Überlegungen gibt, die Onkologie-Vereinbarung bei den Rotstift-Maßnahmen ungeschoren zu lassen. Allerdings wird dies wohl nur für die OV-Pauschale gelten. Der BvDU sähe es gerne, wenn Landes-KVen und KBV in dieser zentralen berufspolitischen Frage an einem Strang zögen. Wenigstens eines scheint festzustehen: Die Leistungen der Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung werden vom Spargesetz nicht angetastet.
Teilgebiet Kinderurologie unter starkem Druck
Unter starkem kinderchirurgischem Druck steht die Kinderurologie, sodass in den nächsten Jahren mit Einbußen zu rechnen ist. Eine Bestandsaufnahme des Status Quo vermittelten Prof. Jörg Dötsch, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Köln und Mitglied im Expertenrat Gesundheit und Residenz, sowie Prof. Anne-Karoline Ebert, Oberärztin und Leiterin der Sektion Kinderurologie am Universitätsklinikum Ulm, im Plenum Kinderurologie. Als strategischer Ansatz zur Rettung der Kinderurologie wurde die altersübergreifende Rolle der Urologie angesehen, die im Unterschied zur konkurrierenden Kinderchirurgie nicht mit dem 18. Lebensjahr endet. Auch andere Teilbereiche wie Nierentransplantation und Medikamentöse Tumortherapie sind unter Druck anderer Disziplinen. Es geht um die Einheit des Fachgebiets.
Prof. Maurice Stephan Michel übernahm DGU-Präsidentschaft
Zum Abschluss des Kongresses übergab Krege dann am Samstag Mittag die DGU-Präsidentschaft an Prof. Dr. Maurice Stephan Michel. Den 79. DGU-Kongress wird Michel gemeinsam mit Dr. Thomas Speck als Co-Kongresspräsident gestalten. Er findet vom 15. bis 18. September 2027 in Frankfurt am Main statt und steht unter dem Motto „Gemeinsam stark. Urologie vereint.“
Es grüßt Sie herzlich
Ihr Franz-Günter Runkel, Chefreporter UroForum





