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Frust und Fragen – das Ämter-Roulette im Kabinett

Ohne große Expertise wechselte die bisherige Sport-Ministerin im Bundeskanzleramt, Dr. Christiane Schenderlein, als Sorge-Nachfolgerin ins Bundesgesundheitsministerium. © Bundesregierung/Steffen Kugler

Quelle: Ohne große Expertise wechselte die bisherige Sport-Ministerin im Bundeskanzleramt, Dr. Christiane Schenderlein, als Sorge-Nachfolgerin ins Bundesgesundheitsministerium. © Bundesregierung/Steffen Kugler

Frust und Fragen – das Ämter-Roulette im Kabinett

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mgb medizin Redaktion

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6 MIN

Erschienen in: UroForum

Warken, Linnemann, Sorge, Schenderlein – der Report über die Machtspiele im Bundeskanzleramt und im Bundesgesundheitsministerium geriet zum Macht-Roulette mit viel enttäuschter Hoffnung, Frustration und bemerkenswert offenen Retourkutschen für Bundeskanzler Friedrich Merz. Fachliche Eignung und persönliche Herzenswünsche der Beteiligten spielten kaum eine Rolle.

Menschentrauben und Blitzlichtgewitter sind die Ingredienzen jedes Ministerwechsels in der Politik. Bei der Amtsübergabe im Bundesgesundheitsministerium schenkte die scheidende Bundesgesundheitsministerin Nina Warken ihrem Nachfolger Carsten Linnemann einen Werkzeugkoffer und nicht den traditionellen Nussknacker. Warken selbst hatte den Koffer als Geschenk von der Finanzkommission Gesundheit erhalten. Zum Start äußerte Linnemann Respekt und Demut vor dem schwierigen Ministerium. „Es ist kein kalter Job. Es ist ein warmherziger Job, ein empathischer. Es geht hier um Menschen.“ Linnemanns Agenda ist vollgepackt mit politisch schwergewichtigen Themen: Pflegereform, Primärversorgung, Bürokratieabbau und Notdienstreform.

Nina Warken wechselte als Chefin des Bundeskanzleramts in die Machtzentrale des Landes und blickte zum Abschied auf 14, aus ihrer Sicht erfolgreiche Monate im BMG zurück, in denen neun Gesetze verkündet, vier weitere Gesetzentwürfe vom Bundeskabinett beschlossen sowie 20 Verordnungen erlassen worden seien.

Linnemann: Fachfremder mit schwierigen Aussagen

2025 konnte sich Carsten Linnemann keinen Wechsel ins Bundesgesundheitsministerium vorstellen, denn schließlich habe er keine Kenntnisse in dieser Materie. Sachlich war das eine zutreffende Bewertung, deren aktuelle Korrektur zumindest erklärungsbedürftig erscheint. Carsten Linnemann stammt aus Ostwestfalen und gilt als bodenständig. Er kommt aus einer Buchhändlerfamilie und gehört seit 17 Jahren dem Bundestag an. Vor seiner Zeit als Abgeordneter arbeitete der 48-jährige promovierte Volkswirt unter anderem für die Deutsche Bank Research in Frankfurt am Main. Von 2013 bis 2021 war Linnemann Vorsitzender der einflussreichen Mittelstands- und Wirtschaftsunion und wurde im Juli 2023 von Friedrich Merz als Generalsekretär in die CDU-Parteizentrale geholt, um die CDU programmatisch und organisatorisch neu aufzustellen.

Der neue Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann sieht sich nun einer Mammut-Agenda an Reformprojekten von Pflege bis Primärversorgung gegenüber. © Koch/CDU
Der neue Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann sieht sich nun einer Mammut-Agenda an Reformprojekten von Pflege bis Primärversorgung gegenüber. © Koch/CDU

Linnemann gilt nicht unbedingt als Freund großer gesellschaftlicher Veranstaltungen, sondern genießt in der Freizeit eher die Skatrunde in der Kneipe um die Ecke. Er ist Vizepräsident des gerade in die erste Fußball-Bundesliga aufgestiegenen SC Paderborn. Linnemanns Auftreten wirkt zunächst zurückhaltend, aber andererseits ist sein Redefluss agil und zielscharf. Gegenüber RTL äußerte er sich im April über die Zahl der Krankenkassen in Deutschland. Seine Botschaft war klar: „Wir haben immer noch über 90 Krankenkassen, die in der Regel die gleichen Leistungen anbieten. Riesen-Verwaltungsvolumen, da müssen wir ran. Mindestens die Hälfte. Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen.“

Tino Sorge: Tiefer Fall eines Gesundheitspolitikers mit hohen Ansprüchen

Tino Sorge ist CDU-Abgeordneter für den Wahlkreis Magdeburg. Bis zum Amtswechsel an der Spitze des Ministeriums war er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium. Noch kurz vor der Linnemann-Entscheidung des Bundeskanzlers galt Sorge als heißer Kandidat für das Amt des Gesundheitsministers. Dass er sich selbst für qualifiziert hielt, daran ließ Tino Sorge keinen Zweifel und lief sich schonmal warm. „Mit der fachpolitischen Expertise aus zwölf Jahren im Gesundheitsausschuss des Bundestags und aus einer Legislatur als Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion konnte ich im Ministerium unser Regierungshandeln an vorderster Stelle mitgestalten“, stellte er in einer Erklärung selbstbewusst fest.

Vielleicht fiel die Positionierung zu forsch aus, denn der 51-Jährige erfuhr nach eigener Darstellung nicht von Merz direkt, dass er gehen müsse. „Die Entscheidung des Bundeskanzlers nehme ich zur Kenntnis“, schreibt er deutlich angefasst. „Dass er sie – anstelle eines persönlichen Gesprächs mit mir – zuerst in Parteigremien und vor der Presse verkündet hat, bleibt seine eigene Stilfrage.“ Keine Frage: Zufriedenheit hört sich anders an. Die Gegendarstellung aus dem Kanzleramt folgte postwendend. Sorge sei vom neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann angerufen und informiert worden. Das entspreche den Regeln. Bei Ministerwechseln würden Staatssekretäre übernommen – oder auch nicht. Im Fall Tino Sorge halt eben nicht.

Trotz großer Expertise verlor Tino Sorge seinen Posten als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und ist nun nur noch einfacher CDU-Bundestagsabgeordneter. © Runkel
Trotz großer Expertise verlor Tino Sorge seinen Posten als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und ist nun nur noch einfacher CDU-Bundestagsabgeordneter. © Runkel

„Es ist kein Geheimnis“, fuhr Sorge frustriert fort, „dass ich meine Arbeit an dieser zentralen Schaltstelle der Gesundheitspolitik gern fortgeführt hätte.“ Dann verpasst er dem Kanzler auch noch eine überdeutliche Retourkutsche: „Angesichts der Ereignisse der letzten Tage und am Vorabend mehrerer Landtagswahlen wird der Bundeskanzler diese Entscheidung mit Bedacht getroffen haben.“ Hinter der beißenden Ironie zeigt sich ein Tritt zurück in Richtung Kanzler.

Christiane Schenderlein: Sächsin soll mehr Prominenz weichen

Ganz ähnlich, wenn auch in umgekehrter Richtung erfolgte der Wechsel der 44-jährigen Sport-Staatsministerin im Bundeskanzleramt, Dr. Christiane Schenderlein, ins Bundesgesundheitsministerium. Dass die Sächsin Schenderlein nun aus dem machtnahen Bundeskanzleramt ins BMG wechseln musste, gefiel den ostdeutschen CDU-Landesverbänden ebenso wenig wie der Rausschmiss Sorges. Im BMG soll sie, die Fachfremde, nun die Aufgabe Tino Sorges als Staatssekretärin übernehmen.

Und auch Christiane Schenderlein reagierte alles andere als zufrieden über die Verschiebung. In einem Interview mit der „Leipziger Volkszeitung“ und der „Sächsischen Zeitung“ erzählte Schenderlein, dass Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ihre Entlassung nicht mit der Qualität ihrer Arbeit begründet habe. „Ich war überrascht und selbstverständlich auch enttäuscht gewesen“, redete Schenderlein Tacheles. Deutlich wurde, dass sie gerne ihre Arbeit im Kanzleramt fortgesetzt hätte. Auf dem Rückweg aus dem Urlaub hatte Merz sie angerufen und ihr seine Entscheidung mitgeteilt. Der Führungsstil des Bundeskanzlers ist von der robusteren Art.

Merz beteuerte, die Entlassung habe nichts mit ihr zu tun. Vielmehr sei er mit ihrer Arbeit zufrieden gewesen. Überraschend kam dann doch noch eine Begründung. Merz wollte laut Schenderlein eine Neuausrichtung des Amtes „mit einer Person, die einen gewissen Bekanntheitsgrad hat“. Das löste bei Schenderlein eine gewisse Verunsicherung aus und führte dazu, dass sie dann doch begann, über mögliche eigene Fehler nachzusinnen:

„Natürlich fragt man sich, was schiefgelaufen ist, was ich möglicherweise falsch gemacht haben könnte.“

So hinterlässt die Personalpolitik von Bundeskanzler Merz vielerorts mehr Verwirrung und Enttäuschung als Klarheit und Verständnis. Die einzelnen Entscheidungen orientieren sich weniger an Sachkenntnissen, sondern mehr an Parteitaktik. Das kann man so machen, aber sollte sich dann nicht über AfD-lastige Wahlergebnisse wundern.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Franz-Günter Runkel, Chefreporter UroForum

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