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Auswirkungen der GLP-1-Therapie auf die weibliche und männliche Sexualfunktion

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Auswirkungen der GLP-1-Therapie auf die weibliche und männliche Sexualfunktion

Fachbeitrag

Urologie

Andrologie, Sexuelle Funktionsstörungen

mgb medizin Redaktion

Verlag

8 MIN

Erschienen in: UroForum

GLP-1-basierte Therapien ermöglichen eine ausgeprägte Gewichtsreduktion und verbessern zahlreiche metabolische Parameter. Unsere prospektiven Daten zeigen jedoch, dass Gewichtsverlust nicht zwangsläufig mit einer Verbesserung der Sexualfunktion einhergeht. Insbesondere sexuelles Verlangen, Muskelmasse und nächtliche Erektionen verdienen während der Therapie größere Aufmerksamkeit.

Gewichtsverlust – grundsätzlich positiv für die Männergesundheit

Adipositas ist mit zahlreichen metabolischen, kardiovaskulären und sexualmedizinischen Folgeerkrankungen verbunden. Gerade beim Mann bestehen enge Zusammenhänge zwischen viszeraler Adipositas, Insulinresistenz, Hypogonadismus und sexueller Dysfunktion.

Eine relevante Gewichtsreduktion ist deshalb grundsätzlich als positiver Beitrag zur Männergesundheit anzusehen. Sie kann metabolische Risikofaktoren reduzieren und ist bei adipösen Männern häufig mit einer Verbesserung des hormonellen Milieus und steigenden Testosteronkonzentrationen verbunden. Mit GLP-1-Rezeptoragonisten und dualen GLP-1/GIP-basierten Therapien stehen inzwischen hochwirksame pharmakologische Möglichkeiten zur Gewichtsreduktion zur Verfügung.

Die Wirkungen dieser Medikamente beschränken sich jedoch nicht auf Hunger, Nahrungsaufnahme und peripheren Stoffwechsel. GLP-1-vermittelte Signalwege beeinflussen auch zentrale neuronale Systeme, die an Motivation, Belohnung und hedonischem Verhalten beteiligt sind.

Damit stellt sich aus sexualmedizinischer Sicht eine wichtige Frage: Kann die pharmakologisch erwünschte Reduktion des Verlangens nach Nahrung gleichzeitig andere Motivations- und Belohnungssysteme beeinflussen – einschließlich des sexuellen Verlangens?

Abb. 1: Studiendesign und Kernergebnisse. Prospektive Untersuchung an 298 adipösen Patientinnen und Patienten (197 Männer, 101 Frauen; 18–78 Jahre; BMI ≥ 30 kg/m²) unter Semaglutid oder Tirzepatid. Erfassung des sexuellen Verlangens mit IIEF (Männer), FSFI (Frauen) und einer visuellen Analogskala von 1 bis 10, der Körperzusammensetzung mittels multifrequenter Bioimpedanzanalyse sowie der nächtlichen Erektionsaktivität mittels RigiScan® in einer Subgruppe von 16 Männern.
Abb. 1: Studiendesign und Kernergebnisse. Prospektive Untersuchung an 298 adipösen Patientinnen und Patienten (197 Männer, 101 Frauen; 18–78 Jahre; BMI ≥ 30 kg/m²) unter Semaglutid oder Tirzepatid. Erfassung des sexuellen Verlangens mit IIEF (Männer), FSFI (Frauen) und einer visuellen Analogskala von 1 bis 10, der Körperzusammensetzung mittels multifrequenter Bioimpedanzanalyse sowie der nächtlichen Erektionsaktivität mittels RigiScan® in einer Subgruppe von 16 Männern.
Abb. 2: Zwei Seiten derselben Gewichtsreduktion. A: 34 % des beobachteten Gewichtsverlustes entfielen auf die fettfreie Masse; die Reduktion betraf somit nicht ausschließlich die Fettmasse. B: Richtung der beobachteten Veränderungen. Erwünschte und unerwünschte Effekte traten parallel auf. Dargestellt ist ausschließlich die Effektrichtung, nicht die Effektstärke.
Abb. 2: Zwei Seiten derselben Gewichtsreduktion. A: 34 % des beobachteten Gewichtsverlustes entfielen auf die fettfreie Masse; die Reduktion betraf somit nicht ausschließlich die Fettmasse. B: Richtung der beobachteten Veränderungen. Erwünschte und unerwünschte Effekte traten parallel auf. Dargestellt ist ausschließlich die Effektrichtung, nicht die Effektstärke.

Prospektive Untersuchung bei 298 adipösen Patienten

In einer prospektiven Untersuchung wurden insgesamt 298 adipöse Patientinnen und Patienten im Alter von 18 bis 78 Jahren mit einem BMI ≥ 30 kg/m² unter einer Behandlung mit Semaglutid oder Tirzepatid untersucht. Die Studienpopulation umfasste 197 Männer und 101 Frauen. Das sexuelle Verlangen wurde geschlechtsspezifisch mit etablierten Instrumenten erfasst.

Bei Männern wurden die entsprechenden Fragen des International Index of Erectile Function (IIEF) verwendet, bei Frauen die entsprechenden Items des Female Sexual Function Index (FSFI). Zusätzlich erfolgte bei beiden Geschlechtern eine Einschätzung des sexuellen Verlangens mittels visueller Analogskala von 1 bis 10.

Parallel wurde die Veränderung der fettfreien Masse mittels multifrequenter Bioimpedanzanalyse untersucht. Bei einer Subgruppe von 16 Männern erfolgte darüber hinaus eine objektive Untersuchung der nächtlichen Erektionsaktivität mittels RigiScan®.

Weniger sexuelles Verlangen trotz Gewichtsreduktion

Die Ergebnisse waren zunächst überraschend. Trotz einer relevanten Gewichtsreduktion zeigte sich unter der GLP-1-basierten Therapie sowohl bei Männern als auch bei Frauen eine signifikante Abnahme des sexuellen Verlangens.

Dies ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil Gewichtsreduktion beim adipösen Mann traditionell mit positiven Effekten auf Sexualfunktion und hormonelle Situation assoziiert wird.

Unsere Beobachtungen legen daher nahe, dass die Auswirkungen einer GLP-1-basierten Gewichtsreduktion auf die Sexualfunktion differenzierter betrachtet werden müssen.

Abb. 3: Mögliche Mechanismen der beobachteten Veränderungen. Die appetitregulierenden und metabolischen Effekte GLP-1-basierter Therapien sind klinisch gut belegt (linker Pfad). Der rechte Pfad ist hypothetisch: diskutiert wird eine Modulation zentraler Belohnungs- und Motivationssysteme über serotonerge Signalwege mit Aktivierung des 5-HT2C-Rezeptors und konsekutiver Suppression dopaminerger Aktivität. Der Verlust fettfreier Masse kommt als zusätzlicher Kofaktor in Betracht. Eine Bestätigung dieser Zusammenhänge steht aus und bedarf kontrollierter Untersuchungen.
Abb. 3: Mögliche Mechanismen der beobachteten Veränderungen. Die appetitregulierenden und metabolischen Effekte GLP-1-basierter Therapien sind klinisch gut belegt (linker Pfad). Der rechte Pfad ist hypothetisch: diskutiert wird eine Modulation zentraler Belohnungs- und Motivationssysteme über serotonerge Signalwege mit Aktivierung des 5-HT2C-Rezeptors und konsekutiver Suppression dopaminerger Aktivität. Der Verlust fettfreier Masse kommt als zusätzlicher Kofaktor in Betracht. Eine Bestätigung dieser Zusammenhänge steht aus und bedarf kontrollierter Untersuchungen.
ParameterInstrument / MethodeZeitpunktKonsequenz bei Auffälligkeit
Sexuelles Verlangen (Libido)IIEF (Männer), FSFI (Frauen)Testosteron ist zentral für Erhalt von Muskelmasse, Kraft und SexualfunktionBei klinischen Symptomen und erniedrigten Werten andrologische Mitbeurteilung
Erektile FunktionIIEF-5 bzw. IIEF-EF-DomäneVor Therapiebeginn und im VerlaufAndrologische Abklärung, ggf. spezifische Therapie
Spontane und nächtliche ErektionenGezielte AnamneseMacht den Verlust fettfreier Masse funktionell sichtbarVerlaufsmessung als objektiver Therapieparameter
Körperzusammensetzung, fettfreie MasseMultifrequente BioimpedanzObjektivierende Diagnostik statt reiner VerlaufsbeobachtungStrukturiertes Krafttraining als fester Therapiebestandteil
Muskelkraft und LeistungsfähigkeitHandkraftmessungProteinzufuhr und Krafttraining intensivieren, Reduktionstempo prüfenProteinoptimierte Ernährung während der Reduktionsphase
HormonstatusGesamttestosteron (morgens)Strukturiertes Krafttraining als fester Bestandteil der TherapieErfassung vor Therapiebeginn und im Verlauf
AufklärungÄrztliches GesprächVor TherapiebeginnMögliche Veränderungen von Libido und Sexualfunktion aktiv ansprechen
Tab. 1: Sexualmedizinisches Monitoring unter GLP-1-basierter Gewichtsreduktion. Ein strukturiertes sexualmedizinisches Monitoring bei männlichen und weiblichen Patienten unter GLP-1-basierter Gewichtsreduktion. Die Übersicht fasst die im Beitrag dargestellten Parameter zusammen und ergänzt sie um praktikable Erhebungsinstrumente und mögliche klinische Konsequenzen. Es handelt sich um ein vom Autor entwickeltes praxisorientiertes Monitoringkonzept und nicht um eine leitliniengestützte Empfehlung. Das Monitoringkonzept wurde von Prof. Dr. Frank Sommer entwickelt.

Eine Verbesserung metabolischer Parameter …

Eine Verbesserung metabolischer Parameter bedeutet nicht zwangsläufig gleichzeitig eine Verbesserung des sexuellen Wohlbefindens. Der Erhalt der Muskelmasse sollte deshalb bei einer modernen pharmakologischen Adipositastherapie neben der absoluten Gewichtsreduktion als eigenständiges therapeutisches Ziel berücksichtigt werden.

Verlust fettfreier Masse als möglicher Faktor

Ein weiterer relevanter Befund war die Veränderung der Körperzusammensetzung. 34 % des beobachteten Gewichtsverlustes entfielen auf die fettfreie Masse (FFM).

Die Gewichtsreduktion bestand somit nicht ausschließlich aus dem gewünschten Verlust von Fettmasse, sondern war mit einem klinisch relevanten Verlust fettfreier beziehungsweise muskulärer Masse verbunden.

Gerade aus Sicht der Männergesundheit ist dies von besonderer Bedeutung. Muskelmasse ist nicht lediglich ein kosmetischer Parameter. Sie ist ein wichtiger Bestandteil metabolischer Gesundheit, körperlicher Leistungsfähigkeit und funktioneller Reserve.

Nächtliche Erektionen ebenfalls vermindert

Besonders interessant waren die Ergebnisse der RigiScan-Untersuchungen. Bei einer Subgruppe von 16 Männern wurde die nächtliche Erektionsaktivität objektiv erfasst. Dabei zeigten sich unter der Therapie verminderte REM-assoziierte nächtliche Erektionen.

Dieser Befund ist deshalb relevant, weil die nächtliche penile Tumeszenz weitgehend unabhängig von bewusster sexueller Aktivität oder einer konkreten partnerschaftlichen Situation auftritt.

Damit ergeben sich Hinweise darauf, dass die beobachteten Veränderungen möglicherweise nicht ausschließlich durch psychologische Faktoren oder Veränderungen des Körperbildes erklärt werden können.

Welche Mechanismen könnten verantwortlich sein?

Die zugrunde liegenden Mechanismen sind bislang nicht abschließend geklärt. Eine mögliche Erklärung liegt in der zentralnervösen Wirkung der GLP-1-vermittelten Signalwege.

GLP-1-basierte Therapien reduzieren nicht nur Hunger und Nahrungsaufnahme, sondern beeinflussen zentrale Belohnungs- und Motivationssysteme. Eine solche pharmakologische Reduktion hedonischer Prozesse könnte möglicherweise über das Essverhalten hinausgehen.

Als mögliche neurobiologische Erklärung kommt eine Modulation serotonerger Signalwege mit Aktivierung des 5-HT2C-Rezeptors und konsekutiver Suppression dopaminerger Aktivität infrage.

Dopaminerge Systeme spielen eine zentrale Rolle für Motivation, sexuelles Verlangen und sexuelle Erregung.

Damit ergibt sich die Hypothese, dass GLP-1-basierte Therapien neben dem erwünschten Einfluss auf das Essverhalten möglicherweise auch sexuelle Motivationssysteme modulieren.

Diese mechanistische Interpretation muss jedoch in weiteren kontrollierten Untersuchungen überprüft werden.

Konsequenzen für die urologische und andrologische Praxis

Die Ergebnisse sprechen keinesfalls grundsätzlich gegen eine GLP-1-basierte Pharmakotherapie.

Die erheblichen positiven metabolischen Effekte und die Möglichkeiten einer klinisch relevanten Gewichtsreduktion bleiben für adipöse Patienten von großer Bedeutung. Aus Sicht der Männergesundheit sollte die Therapie jedoch nicht ausschließlich anhand der Zahl auf der Waage beurteilt werden. Bei männlichen Patienten sollten im Verlauf zusätzlich berücksichtigt werden:

  • sexuelles Verlangen und Veränderungen der Libido,
  • erektile Funktion,
  • gegebenenfalls Veränderungen spontaner oder nächtlicher Erektionen,
  • Körperzusammensetzung und fettfreie Masse,
  • Muskelkraft und körperliche Leistungsfähigkeit,
  • hormonelle Situation einschließlich Testosteron bei entsprechender klinischer Indikation.

Insbesondere bei Männern, die während einer erfolgreichen Gewichtsreduktion neu über Libidoverlust oder Veränderungen ihrer Sexualfunktion berichten, sollte diese Symptomatik ernst genommen und nicht vorschnell als psychologisch bedingt interpretiert werden.

Fazit

GLP-1- und GLP-1/GIP-basierte Pharmakotherapien stellen einen bedeutenden Fortschritt in der Behandlung der Adipositas dar und können einen wichtigen positiven Beitrag zur Männergesundheit leisten. Gewichtsverlust allein ist jedoch kein ausreichender Parameter für einen umfassenden Therapieerfolg.

Unsere Daten zeigen, dass trotz erfolgreicher Gewichtsreduktion das sexuelle Verlangen bei Männern und Frauen abnehmen kann. Gleichzeitig kann ein relevanter Anteil des Gewichtsverlustes auf die fettfreie Masse entfallen. Die verminderten REM-assoziierten Erektionen in der untersuchten männlichen Subgruppe liefern darüber hinaus einen ersten objektiven Hinweis auf mögliche Veränderungen der nächtlichen Sexualphysiologie.

Für die Praxis bedeutet dies: Metabolische Gesundheit, Muskelgesundheit und sexuelle Gesundheit sollten unter einer GLP-1-basierten Gewichtsreduktion gemeinsam betrachtet werden.

Eine sexualmedizinische Aufklärung und ein entsprechendes Monitoring können dazu beitragen, die erheblichen metabolischen Vorteile dieser Therapien mit einem möglichst umfassenden Erhalt der männlichen Gesundheit und Lebensqualität zu verbinden.

Autoren: Stella Nocht, Prof. Dr. med. Frank Sommer

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