Urologie » Andrologie

»

Hoden unter der Lupe: Kryptozoospermie

Hoden unter der Lupe: Kryptozoospermie

Aktuelles

Urologie

Andrologie

4 MIN

Erschienen in: UroForum

Ein Team der Klinischen Forschergruppe 326 „Male Germ Cells“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster deckt erstmals – anhand von RNA-Sequenzierungen einzelner Zellen – die molekularen und zellulären Veränderungen im Hodengewebe unfruchtbarer Männer auf. Die Daten sind in dem Fachjournal “Cell Reports Medicine” veröffentlicht.

Ermöglichen mit ihren Analysen einen hochauflösenden Blick in den Hoden (v.l.n.r.): Dr. Sara Di Persio, Priv.-Doz. Dr. Nina Neuhaus und Dr. Sandra Laurentino vom Centrum für Reproduktionsmedizin sowie Tobias Tekath vom Institut für Medizinische Informatik. Die Daten ermöglichen ein besseres Verständnis von   Kryptozoospermie. (Foto: L. Jeremies)
Ermöglichen mit ihren Analysen einen hochauflösenden Blick in den Hoden (v.l.n.r.): Dr. Sara Di Persio, Priv.-Doz. Dr. Nina Neuhaus und Dr. Sandra Laurentino vom Centrum für Reproduktionsmedizin sowie Tobias Tekath vom Institut für Medizinische Informatik. Die Daten ermöglichen ein besseres Verständnis von Kryptozoospermie.

„Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ – dieses Sprichwort verbindet man sicher nicht sofort mit einer medizinischen Untersuchung und Analyse von Hoden. In gewisser Weise trifft es aber auch dort zu: Hoden bestehen aus vielen unterschiedlichen Zelltypen und diese komplexe Beschaffenheit verhinderte bislang, dass diese Typen isoliert und anschließend analysiert werden konnten. Besonders bei der Diagnose und Therapie männlicher Unfruchtbarkeit stellt dies Ärzte und Forscher vor Probleme. Privatdozentin Dr. Nina Neuhaus und Dr. Sandra Laurentino von der Klinischen Forschergruppe 326 „Male Germ Cells“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster wollen dies ändern: Das Projekt der Wissenschaftlerinnen deckt erstmals – anhand von RNA-Sequenzierungen einzelner Zellen – die molekularen und zellulären Veränderungen im Hodengewebe unfruchtbarer Männer auf. Die Daten haben die Autorinnen nun in dem renommierten Fachjournal “Cell Reports Medicine” veröffentlicht.

Kryptozoospermie

Im Ejakulat eines gesunden Mannes befinden sich viele Millionen Spermien; deren Bildung hängt von einem effizienten Stammzellsystem ab. Bei Männern mit Kryptozoospermie – einer Verminderung der Spermienanzahl – sind hingegen weniger als 0,1 Millionen Spermien vorhanden. Mit diesem stark reduzierten Wert ist die natürliche Befruchtung einer Eizelle beinahe unmöglich. Die damit vorliegende Diagnose „männliche Unfruchtbarkeit“ ist nicht nur für die Betroffenen bedrückend, sondern stellt auch behandelnde Ärztinnen und Ärzte vor eine Herausforderung: Nur bei knapp einem Drittel solcher Diagnosen lässt sich eine klare Ursache finden. Welche Veränderungen bei diesen Patienten das Hodengewebe aufweist, in dem die Spermien durch Differenzierung von spermatogonialen Stammzellen (Spermatogonien) gebildet werden, war bisher weitestgehend unbekannt. Dies lag vor allem am Fehlen einer technischen Möglichkeit, die einzelnen Zelltypen isoliert zu analysieren.

Studiendesign

Für ihre Studien führte das münstersche Forschungsteam eine Analyse der Genexpression einzelner Zellen durch. Durch die sogenannte RNA-Sequenzierung wird die Nukleotid-Abfolge der RNA (Ribonukleinsäure) bestimmt, derart lassen sich zellspezifische Merkmale und Veränderungen in der Expression der untersuchten Gene aufdecken. Durch die Analyse von rund 30.000 Einzelzellen gelang der Arbeitsgruppe nun ein klarer Blick auf die Spermatogonien. Dabei ist die bioinformatische Analyse der einzelnen Zellen die Besonderheit der Forschung, bei der Tausende von Zellen aus gesundem Hodengewebe mit denen von Kryptozoospermie betroffenen Patienten verglichen wurden.

„Überrascht hat uns die Tatsache, dass bei Patienten mit Kryptozoospermie im Vergleich zu Gesunden die Zahl der Spermatogonien unverändert ist. Jedoch findet sich eine Veränderung in den Reservestammzellen der Spermatogonien“, erläutert Neuhaus. Unter normalen Bedingungen schicke der Hoden ungefähr die Hälfte seiner Spermatogonien in einen „Dornröschenschlaf“, um sie bei Bedarf zu reaktivieren, damit die Spermienproduktion wiederhergestellt und einem Stammzellenverlust entgegengewirkt werden kann. Bei Vorliegen einer Kryptozoospermie sei die Zahl dieser Reservestammzellen deutlich verringert. „Die ständige Rekrutierung von Reservestammzellen ist wahrscheinlich auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten und kann zu einer fortschreitenden qualitativen und quantitativen Verschlechterung der Spermienbildung führen“, beschreibt Dr. Laurentino die vom Team angenommene Konsequenz.

Die interdisziplinär durchgeführte Studie der Forschergruppe „Male Germ Cells“ hat, indem sie einen hochauflösenden Blick in den Hoden unfruchtbarer Patienten ermöglicht, die Dynamik hinter der Regulation des spermatogonialen Stammzellsystems aufgedeckt. Damit bereitet die Studie den Weg für eine verbesserte Diagnose bisher ungeklärter Fälle männlicher Unfruchtbarkeit.

Originalpublikation: Di Persio S, Tekath T, Siebert-Kuss LM, Cremers JF, Wistuba J, Li X, Meyer Zu Hörste G, et al. Single-cell RNA-seq unravels alterations of the human spermatogonial stem cell compartment in patients with impaired spermatogenesis. Cell Rep Med. 2021 9; 2(9): 100395. doi: 10.1016/j.xcrm.2021.100395.

Quelle: Westfälische Wilhelms-Universität Münster (>>zur Pressemitteilung)

Bildquelle:© L Jeremies

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Mikroskop mit schwebenden Zellen im Labor als Symbol fuer Immuntherapie und neue Therapieoptionen beim Peniskarzinom

Update Peniskarzinom 2026: Immuntherapie und neue Therapieperspektiven

Fachbeitrag

Beim seltenen Peniskarzinom eröffnen Immuntherapien und molekulare Analysen neue Behandlungsperspektiven. Daten zu Cemiplimab zeigen jedoch, dass bislang nur bestimmte Patientengruppen profitieren. Entscheidend für die personalisierte Therapie sind daher verlässliche Biomarker und eine präzise molekulare Charakterisierung.

Urologie

Tumoren der äußeren Genitalien

Peniskarzinom

Beitrag lesen
Der damals 17-jährige Mailo erhält im Juli 2025 eine T-Zelltherapie gegen PRAME mit seinen gentechnisch veränderten Immunzellen. © privat

PRAME-T-Zelltherapie drängt metastasierten Nierentumor zurück

Aktuelles

Eine personalisierte T-Zelltherapie hat bei einem Jugendlichen mit weit fortgeschrittenem, therapieresistentem Nierentumor zu einem vollständigen Ansprechen geführt. Die Behandlung zielte auf das Tumorantigen PRAME. Eine klinische Studie für weitere Kinder und Jugendliche ist ab 2027 geplant.

Urologie

Sonstiges

Beitrag lesen
Aktuell warten in Deutschland 8.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Rund 250 Abgeordnete wollen deshalb eine Widerspruchslösung im Bundestag durchsetzen. © abuzar - stock.adobe.com

Bundestags-Gruppe beantragt Widerspruchslösung für Organspende

Berufspolitik

Rund 250 Abgeordnete mehrerer Fraktionen des Bundestags haben beantragt, eine Widerspruchslösung für die Organspende im Transplantationsgesetz zu verankern. Dann müssten Versicherte z.B. einer postmortalen Nierenspende widersprechen, um sie zu verhindern.

Urologie

Berufspolitik

Beitrag lesen