Unmittelbar nach der Neoblasenkonstruktion wollte sich bei mir nicht mehr der Appetit einstellen, auf Nix hatte ich so richtig Lust: Hast du doch davor gern mal ein gut zubereitetes Steak gegessen oder eine deftige Schlachtplatte. Lag es am Krankenhausessen, dem lieblos hingestellten, manchmal noch gar nicht aufgetauten Essen? Oder gab es da eine andere Ursache?
Nach der Neoblasenanlage schmeckte mir auch gar nichts mehr: Alles so fad, das Brötchen wie Pappe, das Brot ebenso. Natürlich kam es auch zu einer Gewichtsreduktion. Recherchen in meiner ärztlichen Umgebung und im Bekanntenkreis konnten auch keine Erklärung liefern.
Mittlerweile ist das alles passé, alles wieder so gut wie normal. Und ich bin selbst draufgekommen, nachdem bei mir reihenweise in meiner Gruppe Leute auftauchten, unmittelbar nach einer Zystektomie mit der Konstruktion einer Neoblase, die die gleiche Symptomatik hatten bzw. haben.
Teilweise noch schlimmer: Noch Wochen nach dem Eingriff mit unmittelbarem Erbrechen nach dem Essen. Auch das war eine Erfahrung, die ich im Krankenhaus machte: Übelkeit, Appetitlosigkeit, Geschmacksverlust.
Ursache ist die Entfernung des 70 bis 110 cm langen Darmstücks, welches für die Neoblase gebraucht wird. In abgemilderter Form kann das auch den Stomaträgern so gehen.
Das ist immer so leicht hingesagt: Eine Niere kann raus, hast ja noch eine zweite, der Magen kann weg, wird vom Dünndarm übernommen. Darm kann weg, hast ja noch genug. Nee, so ist eben nicht. Den Verlust des Gewebes verzeiht dir der Körper so leicht nicht. Das hat seine Auswirkungen. Und die bleiben, nicht in voller Härte, aber abgemildert schon.
Abgesehen davon, dass die Vitamin-B12-Resorption nicht mehr funktioniert und die Fettaufnahme gestört ist, was wiederum Auswirkungen auf die Vitamin-E-, -D-, -K- und -A-Resorption hat.
Auch die „Kotherstellung“ – das ist jetzt mal ein bisschen unappetitlich – ist auch ziemlich verändert. Manche klagen über andauernden Durchfall, andere wiederum über einen harten Stuhl. Dass der Kot eher dünn, flüssig ist und obendrein auch noch übel riecht, liegt an der mangelnden Fettresorption.
Das heißt, die nicht resorbierten Fette werden bis zur Ausscheidung eben mitgeschleppt. Harter Stuhl dürfte daran liegen, dass zu lange Pausen zwischen den Defäkationen liegen. Regelmäßigen Stuhlgang sollte man schon anstreben, denn das hat auch wiederum Auswirkungen auf den Restkörper.
Man ist ansonsten sogar eher demenzgefährdet. Also immer am besten auf das „Signal“ zur Entleerung achten und nicht darüber hinweggehen, weil angeblich irgendwas Wichtigeres ansteht.
Tägliche Hygiene im Genital- und Analbereich ist ganz wichtig, um Hautirritationen vorzubeugen. Analduschen sind sehr gut! Mittlerweile gibt es ja die tollsten Toiletten, die auch das anbieten.
Nachsorge beim Stoffwechsel
Vitamine und Basenkosten unterstützen
Nach Neoblasenanlage ist auch Nachsorge beim Stoffwechsel angezeigt. So besteht die Gefahr eines Vitamin-B12-Mangels. Vitamin B12 kann vom Darm durch die Verkürzung nicht mehr aufgenommen werden. Daher ist es sinnvoll, sich mindestens halbjährlich eine Vitamin-B12-Spritze verabreichen zu lassen. Die in der Apotheke angebotenen Vitamin-B12-Dragees oder -Tabletten sind in ihrer Wirkung nicht sicher.
Für die Fettverdauung brauchen wir die Gallensäuren. Hier gilt: Ist das Darmstück, das benötigt wurde, größer als 60 cm, kommt es zu einer Störung der Fettverdauung. Alle, die eine Neoblase haben, eingeschränkt auch die mit einem Conduit, haben zeitlebens einen veränderten Stuhl. Und die Flatulenz ist unvermeidlich.
Die mangelnde Fettaufnahme birgt außerdem das Risiko eines Vitaminmangels. Denn die Vitamine E, D, K und A werden nur in Verbindung mit Fett in den Körper aufgenommen. Deshalb ist es sinnvoll, neben dem Status von B12 auch den der Vitamine E, D, K und A bestimmen zu lassen. Man kann sich auch vom Apotheker beraten lassen und kauft sich Präparate mit der entsprechenden Dosierung.
Ganz wichtig ist, eine Ansäuerung des Blutes zu vermeiden (Azidose). Darum ist es gut, hydrogencarbonatreiches Sprudelwasser zur Neutralisierung zu trinken. Beim Kauf sollte man auf Inhalt und Menge von Hydrogencarbonat achten. Ideal sind Wasser mit einem Hydrogencarbonatgehalt von ab etwa 1.300 mg / l.
In den ersten drei Jahren nach einer Neoblasen- oder Stomabildung ist die Blutgasanalyse wichtig. Wenn das Blut zu sauer ist, muss auch da ein alkalisierendes Medikament eingenommen werden.
Vegetarisch orientiertes Essen hilft hier sehr, denn es ist basisch und kann die Blutansäuerung reduzieren. Fleisch und Wurst machen das Essen sauer. Wenngleich in Fleisch Vitamin B12 enthalten ist und es daher empfehlenswert ist, gelegentlich Fleisch zu essen.
Also, der Appetit hat sich bei mir wieder eingestellt. Ich habe auch wieder Lust auf Dinge, die ich vor der Operation gern gegessen habe. Und es besteht auch wieder Normalgewicht.
In Sachen Essen und Trinken gilt auch gerade für Neoblasenträger, vor allem in den ersten beiden Jahren nach der Operation: Esst basisch! Also viel Gemüse, viel Obst. Da sind auch Ballaststoffe drin, die so wichtig sind für die Verdauung und den Erhalt des Mikrobioms.
Man sollte auch immer daran denken: Unser Darm ist direkt über einen großen Nerv mit unserem Gehirn verbunden. Der Darm ist ja unsere Innenwelt, die die Außenwelt (Essen und Trinken) in uns aufnimmt.
Man sieht: So unbekannt ist unser Innenleben in unserem Darm gar nicht. Wir wissen schon sehr viel und immer mehr über ihn. Und dieser Verlust des Darmstücks, das für die Neoblase und die Stoma-Erstellung gebraucht wird, lässt sich nicht ganz kompensieren, aber gut leben damit kann man auf jeden Fall.
Der Selbsthilfe-Bund Blasenkrebs e. V. (ShB) ist eine Vereinigung an Blasenkrebs erkrankter Menschen und deren Angehöriger, die sich ehrenamtlich bemühen, dass Betroffene die Krankheit und Therapiemöglichkeiten kennen und verstehen, kompetent an Therapieentscheidungen, Behandlungen und Nachsorge mitwirken, und ein hohes Maß an Lebensqualität behalten bzw. wieder erreichen.
Der ShB vermittelt Betroffenen auf Wunsch weibliche / männliche Gesprächspartner, die eine Blasenkrebs-Situation / -Therapie selbst durchlebt haben und bereit sind, ihre Erfahrungen zu teilen. Unterstützung erfahren Betroffene auch, wenn sie das Einzelgespräch einem Gruppentreffen vorziehen. Man kann dann, praktisch anonym, seine Fragen und Probleme am Telefon mit Betroffenen erörtern.
Auf der Homepage des Selbsthilfe-Bund Blasenkrebs steht Interessierten ein vielfältiges Angebot an laienverständlichem Infomaterial zum Thema Blasenkrebs als Download zur Verfügung. Die Ratgeber sind aber auch kostenfrei postalisch erhältlich auf telefonische Anfrage oder per Mail. Eine Übersicht über die bundesweiten Selbsthilfegruppen, ihrer Ansprechpartner, Treffpunkte und Termine sind ebenfalls auf der Homepage zu finden, nicht zuletzt auch die Termine der Online-Selbsthilfegruppe.
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Autor: Edmond Schiek-Kunz





