Der Kongress der European Society of Cardiology (ESC) in München liefert praxisnahe Impulse für die Kardiologie: Herz und Niere sollen konsequenter gemeinsam behandelt werden, bei Herzinsuffizienz rückt der frühe Therapiebeginn in den Fokus. Zudem werden neue Daten zu DOAK, KI-gestütztem Screening und der fünften Infarktdefinition eingeordnet. Eine Auswahl
Neue ESC-Leitlinie: Herz und Niere gemeinsam behandeln
Die European Society of Cardiology (ESC) hat gemeinsam mit der European Renal Association erstmals Leitlinien zum Management kardiovaskulärer Erkrankungen (CVD) bei chronischer Nierenerkrankung (CKD) veröffentlicht. CKD erhöht das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse, während CVD die Nierenfunktion weiter beeinträchtigen kann. In Europa sind schätzungsweise 100 Millionen Menschen von CKD betroffen; viele werden primär kardiologisch behandelt, ohne dass die Nierenerkrankung erkannt wird.
Die zentrale Empfehlung lautet, alle Patienten mit CVD bereits bei der Diagnosestellung auf CKD zu screenen. Dazu gehören die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) aus dem Serumkreatinin und der Urin-Albumin-Kreatinin-Quotient (UACR). Eine CKD liegt vor, wenn Veränderungen der Nierenstruktur oder -funktion mindestens drei Monate bestehen und gesundheitliche Folgen haben. Die gemeinsame Bewertung von eGFR und UACR ermöglicht eine verlässlichere Einschätzung des renalen und kardiovaskulären Risikos.
Das Vorgehen fasst die Leitlinie unter dem Akronym „STAMP on CKD“ zusammen: Screen, Triage, Address CKD Risk, Modify CVD management und Plan health services. Nach dem Screening sollen validierte Risikoscores eingesetzt werden, die die Nierenfunktion berücksichtigen. Bei erhöhtem Risiko empfiehlt die Leitlinie eine frühzeitige evidenzbasierte Therapie, insbesondere mit Hemmern des Renin-Angiotensin-Systems, SGLT2-Inhibitoren und Statinen. Diese können die CKD-Progression bremsen und kardiovaskuläre Ereignisse reduzieren.
Die CVD-Therapie muss an die eingeschränkte renale Elimination angepasst werden; Wirkstoffauswahl und Dosierungen sind regelmäßig zu überprüfen. Bei Hochrisikopatienten sollen Versorgungsstrukturen einen zeitnahen Zugang zu Kardiologie und Nephrologie gewährleisten.
Herzinsuffizienz früher erkennen und gezielter behandeln
Die neuen ESC-Leitlinien berücksichtigen die zunehmende Krankheitslast und therapeutische Fortschritte bei Herzinsuffizienz. Das klinische Syndrom betrifft schätzungsweise 1–3 % der erwachsenen Bevölkerung; weniger als 60 % der diagnostizierten Patienten leben fünf Jahre nach der Diagnose noch. Wegen der alternden Bevölkerung sowie zunehmender Adipositas und weiterer Risikofaktoren betont die ESC Prävention und einen möglichst frühen Therapiebeginn.
Neu ist ein stadienbasiertes Konzept von gefährdeten Personen (Stadium A) bis zur fortgeschrittenen Herzinsuffizienz (Stadium D). Die Kategorie HFmrEF mit leicht reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF 41–49 %) entfällt. Künftig wird zwischen Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (LVEF <50 %) und erhaltener Ejektionsfraktion (LVEF ≥50 %) unterschieden. Patienten mit leicht reduzierter LVEF weisen eine ähnliche Pathophysiologie und einen vergleichbaren Nutzen bestimmter Therapien wie Patienten mit reduzierter LVEF auf.
„Dekompensiert“ statt „akut“
Auch die Terminologie wurde präzisiert: Der bisherige Begriff „akut“ wird durch „dekompensiert“ ersetzt. Damit wird berücksichtigt, dass sich die Herzfunktion bei manchen Patienten schleichend verschlechtert, bis die Kompensationsmechanismen versagen.
Für die Behandlung unterscheidet die Leitlinie drei Kategorien: Die „foundational medical therapy“ umfasst Maßnahmen mit der stärksten Evidenz für unselektierte Patientengruppen. Die „additional medical therapy“ richtet sich an definierte Subgruppen. Die „guideline-directed interventional therapy“ beinhaltet empfohlene Implantate und interventionelle Verfahren.
Mehrere Therapieempfehlungen wurden aktualisiert. Mineralokortikoid-Rezeptorantagonisten erhalten bei chronischer Herzinsuffizienz unabhängig von der LVEF eine Klasse-I-Empfehlung. Für Semaglutid bei Patienten mit erhaltener LVEF und Adipositas gilt eine Klasse-IIa-Empfehlung; auch Tirzepatid wurde für bestimmte Situationen aufgewertet. Ausführlicher berücksichtigt werden Digoxin beziehungsweise Digitoxin, die dauerhafte mechanische Kreislaufunterstützung und die transkatheterale Edge-to-Edge-Reparatur der Mitralklappe.
KI-gestütztes Screening von Hypertonie und Diabetes per Gesichtsvideo
Eine auf maschinellem Lernen basierende Analyse kurzer Gesichtsvideos könnte bislang unerkannte Hypertonie und Diabetes frühzeitig identifizieren. In einer prospektiven, monozentrischen Studie untersuchten Forschende der University of Tokyo und des Institute of Science Tokyo 215 Personen. Eine spektroskopische Hochgeschwindigkeitskamera nahm Gesicht und Handflächen auf; der Algorithmus analysierte unter anderem Pulswellendynamik, Hautdurchblutung und spektrale Eigenschaften der Hautfarbe. Zusätzlich erfolgten konventionelle Untersuchungen zu Blutdruck und Diabetes.
Für die Erkennung einer Hypertonie erreichte das System bei einer 30-sekündigen Aufnahme eine Genauigkeit von 95,0 %. Die Sensitivität betrug 100,0 % für normotensive und 89,2 % für hypertonensive Personen. Auch bei fünf Sekunden Aufnahme blieb die Genauigkeit mit 90,3 % hoch. Diabetes erkannte das Modell mit einer Genauigkeit von 88,2 % bei 30 Sekunden und 81,2 % bei fünf Sekunden.
Darüber hinaus konnte das Modell den systolischen Blutdruck ohne Manschette aus dem Gesichtsvideo schätzen. Der mittlere absolute prozentuale Fehler betrug 8,6 %, der mittlere Fehler −2,6 mmHg und lag damit innerhalb des AAMI-Grenzwerts von ±5,0 mmHg. Die Streuung war mit ±12,0 mmHg jedoch größer als das AAMI-Kriterium von ±8,0 mmHg. Für eine unmittelbare klinische Anwendung ist die Blutdruckschätzung daher noch nicht präzise genug.
Aussagekraft derzeit noch begrenzt
Hypertonie und Diabetes zählen zu den wichtigsten modifizierbaren kardiovaskulären Risikofaktoren, bleiben aber häufig unentdeckt. Ein kontaktloses Verfahren könnte niedrigschwellige Screenings ohne Blutentnahme, Manschette oder separaten Arztbesuch ermöglichen und Risikopersonen früher einer Diagnostik zuführen.
Die Aussagekraft der Untersuchung ist derzeit begrenzt. Das Verfahren sollte zunächst als ergänzendes Screeninginstrument verstanden werden, nicht als Ersatz für etablierte Blutdruckmessung, Labordiagnostik oder ärztliche Beurteilung.
SINGLE-AF: DOAK bei intermediärem Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern
Patienten mit Vorhofflimmern und intermediärem Schlaganfallrisiko profitieren möglicherweise von direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK). Das zeigen Ergebnisse der randomisierten SINGLE-AF-Studie, die auf dem ESC Congress 2026 vorgestellt wurden. Bei hohem Schlaganfallrisiko ist eine Antikoagulation leitliniengemäß Klasse I; bei intermediärem Risiko wird sie bislang mit Klasse IIa erwogen.
Die offene Studie wurde an 18 Zentren in Südkorea durchgeführt. Eingeschlossen wurden 1.803 Patienten mit Vorhofflimmern und intermediärem Risiko, definiert als CHA₂DS₂-VASc-Score von 1 bei Männern beziehungsweise 2 bei Frauen. Die Teilnehmer erhielten im Verhältnis 1:1 ein DOAK – Apixaban 5 mg zweimal täglich oder Rivaroxaban 20 mg einmal täglich – oder keine Antikoagulation.
Nach 24 Monaten war der primäre kombinierte Endpunkt aus Schlaganfall, systemischer Embolie, schwerer Blutung oder kardiovaskulärem Tod unter DOAK seltener als ohne Antikoagulation: 0,5 % versus 1,5 %. Dies entsprach einer relativen Risikoreduktion von 69 % (Hazard Ratio 0,31; 95-%-Konfidenzintervall 0,10–0,94; p=0,028). Ausschlaggebend waren vor allem weniger ischämische Schlaganfälle: 0,1 % unter DOAK gegenüber 1,1 % ohne Antikoagulation.
Die Rate schwerer Blutungen war vergleichbar: 0,3 % unter DOAK gegenüber 0,5 % ohne Antikoagulation. In dieser Population zeigte sich kein erkennbarer Sicherheitsnachteil.
SINGLE-AF liefert randomisierte Evidenz für einen klinischen Nutzen von DOAK bei intermediärem Schlaganfallrisiko. Für die Praxis bleiben genaue Risikostratifizierung und die individuelle Abwägung von Schlaganfall- und Blutungsrisiko entscheidend. Die Übertragbarkeit der in Südkorea erhobenen Daten auf andere Versorgungssysteme ist zu berücksichtigen. Die Studie spricht für eine individualisierte Therapieentscheidung, nicht für eine undifferenzierte Antikoagulation aller Patienten mit intermediärem Risiko.
Neue globale Definition des Myokardinfarkts
ESC, ACC, AHA und WHF haben erstmals gemeinsam eine fünfte universelle Definition des Myokardinfarkts (MI) erarbeitet. Sie soll die bisherige numerische Typisierung ersetzen, die im klinischen Alltag teils schwer anzuwenden war, und eine konsistentere Diagnostik, Therapie und Patientenkommunikation ermöglichen.
Das neue Klassifikationssystem orientiert sich an der Ursache und an etablierten klinischen Untersuchungsstrategien. Jeder MI wird einem von drei klinischen Settings zugeordnet: primär, sekundär oder prozedurassoziiert. Für jede Kategorie beschreibt das Dokument die erforderlichen diagnostischen Tests und weiterführenden Untersuchungen.
Ein primärer MI entsteht spontan durch ein akutes Koronarproblem, meist nach Ruptur einer atherosklerotischen Plaque; weitere Ursachen sind spontane Koronararteriendissektion (SCAD), Koronarspasmus oder Thrombus. Ein sekundärer MI beruht auf einem Missverhältnis zwischen Sauerstoffangebot und -bedarf des Myokards infolge einer anderen Erkrankung oder Belastung, etwa ausgeprägter Blutdruckentgleisung oder Tachykardie. Ein prozedurassoziierter MI tritt innerhalb von 30 Tagen nach einem kardialen Eingriff oder einer Herzoperation auf, beispielsweise nach Stentimplantation oder Bypassoperation.
Infarktursache klarer benennen
Ein primärer MI entsteht spontan durch ein akutes Koronarproblem, meist nach Ruptur einer atherosklerotischen Plaque; weitere Ursachen sind spontane Koronararteriendissektion (SCAD), Koronarspasmus oder Thrombus. Ein sekundärer MI beruht auf einem Missverhältnis zwischen Sauerstoffangebot und -bedarf des Myokards infolge einer anderen Erkrankung oder Belastung, etwa ausgeprägter Blutdruckentgleisung oder Tachykardie. Ein prozedurassoziierter MI tritt innerhalb von 30 Tagen nach einem kardialen Eingriff oder einer Herzoperation auf, beispielsweise nach Stentimplantation oder Bypassoperation.
Die vereinfachte Einteilung soll auch die Aufklärung verbessern. Die bisherige Terminologie – etwa MI Typ 2 oder Typ 4c – ist für viele Patienten schwer verständlich. Die neue Systematik ermöglicht es, die Infarktursache klarer zu benennen und die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen und Therapien nachvollziehbar zu erklären.
Erstmals wird die MI-Klassifikation mit der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) verknüpft. Vorgeschlagene ICD-11-Kodes sollen die standardisierte Erfassung verschiedener Infarktformen ermöglichen und Gesundheitsberichterstattung, Versorgungsplanung und Forschung verbessern. Besonders relevant ist dies für seltenere, bislang unterdiagnostizierte Mechanismen wie SCAD, die überwiegend Frauen betrifft.
Die neue Definition schafft eine einheitlichere Grundlage für klinische Entscheidungen. Ihre Implementierung soll die Diagnosesicherheit erhöhen, die Kommunikation erleichtern und die Datenbasis für bedarfsgerechte Versorgung sowie weitere Forschung verbessern.
Quelle: Kongress der European Society of Cardiology vom 28. bis 31. August 2026 in München
Zusammengestellt mit KI-Unterstützung





