Gallensteine sind kein geschlechtsneutrales Krankheitsbild in der Viszeralmedizin. Frauen entwickeln häufiger Gallengrieß und Gallensteine als Männer. Biologische Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle: Östrogen- und Progesteronmetabolite können die Zusammensetzung der Galle und deren Transport beeinflussen. Während der Schwangerschaft kommt hinzu, dass sich die Gallenblase insbesondere gegen Ende der Schwangerschaft weniger effektiv entleeren kann. Auch eine Hormoneinnahme, etwa zur Kontrazeption oder in der Perimenopause, kann bei der individuellen Risikoabschätzung relevant sein.
Soziokulturelle und psychosoziale Faktoren berücksichtigen
Entscheidend für die Versorgung sind jedoch nicht nur biologische Unterschiede. Unter „Gender“ werden auch soziokulturelle und psychosoziale Faktoren verstanden – etwa Gesundheitsverhalten, sozioökonomische Bedingungen, Bildung, Herkunft und der Zugang zu medizinischen Leistungen. Diese Faktoren können beeinflussen, wann Beschwerden abgeklärt werden, wie die Kommunikation in der Sprechstunde verläuft und ob eine Therapie zeitnah erfolgt.
Die DGVS möchte diese Aspekte in die Überarbeitung der S3-Leitlinie zum Gallensteinleiden einbeziehen. Dabei geht es nicht darum, Patientinnen und Patienten nach vereinfachten Rollenbildern zu behandeln. Vielmehr sollen Risiken, Symptome, Lebenssituation und Therapieoptionen individuell erfasst werden. Bei Frauen mit entsprechenden Beschwerden gehören Schwangerschaft, vorausgegangene Schwangerschaften und Hormoneinnahmen ebenso in den Kontext wie metabolische Risikofaktoren. Auch nach einer Gallenblasenentfernung können Geschlechtsunterschiede bei symptomatischen Verläufen und Rezidiven eine Rolle spielen.
Gendersensible Medizin als Qualitätsanspruch
Für die Forschung und Leitlinienarbeit ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Biologische und soziokulturelle Daten müssen erhoben und getrennt ausgewertet werden. Nur dann lässt sich erkennen, ob bestimmte Risiken, Therapien oder Zugangsbarrieren unterschiedliche Gruppen verschieden betreffen. Das gilt nicht nur für Frauen; gendersensible Medizin ist ein Qualitätsanspruch an die Versorgung aller Menschen.
Für die hausärztliche Praxis bedeutet das vor allem, Geschlecht nicht als Randinformation abzuhaken. Es ist ein klinisch relevanter Faktor – neben Alter, Komorbiditäten, Medikamenten, Schwangerschaft, Lebensumständen und individuellen Präferenzen. Eine solche differenzierte Anamnese kann helfen, Diagnostik und Beratung präziser zu gestalten.
Quelle: DGVS 2026





