Influenza bei Kindern ist keine harmlose Erkältung. Gerade Kleinkinder tragen ein erhöhtes Risiko für Influenza-bedingte Komplikationen und sie geben das Virus besonders leicht weiter. Eine Impfung könnte deshalb nicht nur direkt die Kinder schützen, sondern auch ihr soziales Umfeld. Die WHO zählt Kinder deshalb seit vielen Jahren zu den wichtigen Zielgruppen der Impfung. Die STIKO sieht das (noch) anders.
Influenza wird noch immer häufig mit einer unkomplizierten Erkältung gleichgesetzt. Tatsächlich handelt es sich um eine akute systemische Virusinfektion, die insbesondere bei Kindern mit einer erheblichen Krankheitslast verbunden sein kann. Vor allem Kleinkinder haben ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe und Hospitalisierungen – und dies keineswegs nur bei vorbestehenden Grunderkrankungen.
Gleichzeitig nehmen Kinder epidemiologisch eine besondere Stellung ein: Sie erkranken häufig, scheiden Influenzaviren über längere Zeit aus und haben zahlreiche enge Kontakte in Familie, Kindergarten und Schule. Damit sind sie nicht nur Betroffene, sondern auch wichtige Treiber der Transmission. Eine Impfstrategie, die Kinder einbezieht, verfolgt deshalb zwei Ziele: den direkten Schutz des Kindes und den indirekten Schutz seines Umfeldes.
Eine relevante Krankheitslast auch bei Kindern
sons verdeutlichen, dass Influenza weiterhin eine erhebliche medizinische Bedeutung besitzt. Für die Saison 2025/2026 wurden mehr als 245.000 laborbestätigte Influenzafälle und über 63.000 Hospitalisierungen gemeldet. Obwohl die Zahl der nachgewiesenen Infektionen deutlich niedriger lag als in der Vorsaison, war der Anteil hospitalisierter Patienten mit 27 % höher. Auch die Zahl der gemeldeten Influenza-assoziierten Todesfälle nahm zu.
Besonders relevant ist dabei die Situation bei Kindern und Jugendlichen. Die Altersgruppe der 5- bis 14-Jährigen war überdurchschnittlich von schweren Verläufen betroffen. Pädiatrische Intensivstationsdaten zeigen zudem, dass Influenza bei Kindern keineswegs grundsätzlich eine harmlose Erkrankung ist: Schwere neurologische Komplikationen, intensivmedizinische Behandlungen und auch Todesfälle kommen vor.
Gerade bei Kleinkindern ist das Risiko influenzabedingter Komplikationen erhöht. Dazu gehören neben viralen und bakteriellen Pneumonien insbesondere Otitis media, Dehydratation sowie neurologische Manifestationen. Ein relevanter Anteil schwer erkrankter Kinder weist dabei keine zuvor bekannte Grunderkrankung auf. Eine ausschließlich risikobasierte Impfstrategie, wie sie in Deutschland gelebt wird, kann diese Kinder damit auch nicht erreichen.
Deutschland bleibt bei der Kinderimpfung zurückhaltend
Die aktuelle deutsche Impfstrategie berücksichtigt diese Krankheitslast bislang nur teilweise. Die STIKO empfiehlt die jährliche Influenzaimpfung für Kinder und Jugendliche vor allem dann, wenn aufgrund einer Grunderkrankung ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf besteht. Eine generelle saisonale Influenzaimpfung gesunder Kinder gehört dagegen nicht zur Routineempfehlung.
Damit unterscheidet sich Deutschland zunehmend von der internationalen Entwicklung. Die WHO zählt Kinder seit vielen Jahren zu den wichtigen Zielgruppen der Influenzaimpfung. Auch die Mehrheit der europäischen Staaten haben inzwischen altersbasierte Impfprogramme etabliert, die unabhängig von Vorerkrankungen auch gesunde Kinder einschließen. Die deutschen Impfquoten zeigen gleichzeitig, dass selbst die bislang definierten Zielgruppen nur unzureichend erreicht werden. In der Saison 2024/2025 waren lediglich rund 34 % der Menschen ab 60 Jahren gegen Influenza geimpft; bei Erwachsenen mit relevanten Grunderkrankungen lag die Quote bei etwa 28 %. Für Kinder und Jugendliche wird die Influenza-Impfquote in Deutschland nicht systematisch erhoben.
Kinder schützen – und gleichzeitig die Transmission reduzieren
Für eine breitere Impfstrategie spricht nicht allein der individuelle Schutz. Kinder gehören zu den wichtigsten Überträgern von Influenzaviren. Enge Kontakte in Betreuungseinrichtungen und Schulen, eine hohe Infektionsrate und intensive Kontakte innerhalb der Familie schaffen ideale Voraussetzungen für die Weitergabe des Virus.
Eine Impfung kann deshalb über das geimpfte Kind hinaus wirken. Besonders relevant ist dies für Haushalte mit älteren Menschen, chronisch Kranken oder immunsupprimierten Personen, bei denen die Impfantwort selbst eingeschränkt sein kann.
Modellierungen für Deutschland verdeutlichen das mögliche Potenzial. Bei einer angenommenen Impfquote von 40 % bei 2- bis 17-Jährigen könnten durch direkte und indirekte Effekte rechnerisch etwa 2,9 Millionen Influenzainfektionen pro Jahr in der Gesamtbevölkerung verhindert werden. Bei einer Impfquote von 60 % kommt eine weitere Modellierung auf rund 3,7 Millionen verhinderte Infektionen jährlich, entsprechend etwa 34 % aller Infektionen. Eine Kinderimpfung wäre damit nicht nur eine pädiatrische Präventionsmaßnahme, sondern könnte zu einer populationsbezogenen Strategie zur Reduktion der gesamten Influenzalast werden.
Wie gut schützt die Impfung vor schweren Verläufen?
Besonders relevant ist die Frage, ob die Impfung tatsächlich jene Ereignisse verhindert, die medizinisch am meisten ins Gewicht fallen. Hierzu liegen unter anderem Daten aus den USA vor. In einer Beobachtungsstudie war eine Influenzaimpfung bei Kindern mit einer etwa 65%igen Reduktion des Risikos eines Influenza-assoziierten Todes verbunden. Eine weitere Untersuchung zeigte eine Assoziation zwischen Impfung und einer rund 74%igen Reduktion des Risikos einer Influenza-assoziierten Aufnahme auf eine pädiatrische Intensivstation. Beide Studien liefern klare Hinweise darauf, dass die Influenzaimpfung bei Kindern nicht nur unkomplizierte Erkrankungen verhindern, sondern insbesondere das Risiko schwerer Verläufe reduzieren kann.
Die Auswahl an Impfstoffen für Kinder ist groß
Inzwischen sind, außer dem hochdosierten und dem adjuvantierten Impfstoff für die Älteren, alle Ei- und Zellkultur-basierten Impfstoffe in Deutschland schon für Kinder ab sechs Monaten zugelassen, was den Griff in den Kühlschrank für einen passenden Impfstoff deutlich vereinfacht. Eine Besonderheit der Influenzaimpfung im Kindesalter ist die Möglichkeit einer intranasalen Immunisierung mit einem attenuierten Lebendimpfstoff (LAIV) für Kinder ab zwei Jahren. Immunologisch unterscheidet sich LAIV von inaktivierten Influenzaimpfstoffen. Die Anwendung als Nasenspray kann gerade für Kinder eine attraktive Alternative zur Injektion darstellen, die sich bei Kindern häufig schwieriger gestaltet. Da es sich um einen Lebendimpfstoff handelt, müssen Kontraindikationen wie Immunsuppression berücksichtigt werden.
Impfschema bei Kindern – bei den Kleinen einmal zweimal impfen
Bei der erstmaligen Influenzaimpfung ist bei jüngeren Kindern eine Grundimmunisierung mit zwei Impfstoffdosen zu beachten. Kinder unter neun Jahren, die zuvor noch nicht gegen saisonale Influenza geimpft wurden, benötigen – abhängig von der Fachinformation des verwendeten Impfstoffs – in der Regel zwei Dosen im Abstand von mindestens vier Wochen. In den folgenden Influenzasaisons ist eine einmalige jährliche Impfung ausreichend. Damit sollte insbesondere bei erstmalig zu impfenden Kindern frühzeitig in der Saison mit der Immunisierung begonnen werden.
Brauchen wir eine allgemeine Influenza-Impfempfehlung für Kinder?
Die Diskussion über eine allgemeine Influenza-Impfempfehlung für Kinder sollte sich nicht auf die Frage reduzieren, ob Influenza für ein gesundes Schulkind in der Mehrzahl der Fälle gefährlich ist. Entscheidend ist die gesamte Krankheitslast: die große Zahl pädiatrischer Infektionen, Hospitalisierungen und seltenen, aber schwerwiegenden Komplikationen auf der einen sowie die zentrale Rolle von Kindern für die Transmission auf der anderen Seite.
Internationale Impfprogramme zeigen bereits einen deutlichen Trend hin zur altersbasierten Impfung gesunder Kinder. Deutschland verfolgt dagegen weiterhin eine überwiegend risikobasierte Strategie. Die vorhandenen Daten sprechen dafür, diese Position vielleicht neu zu bewerten. Die Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen im Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit (Bündnis KJG), in der auch Vertreter bzw. Mitglieder aus DGKJ, DGPI, BVKJ und DGSPJ sitzen, hat sich 2025 klar dafür ausgesprochen, alle Kinder und Jugendlichen ab einem Alter von sechs Monaten bis zum 18. Geburtstag jährlich gegen saisonale Influenza zu impfen.
Eine breitere Influenzaimpfung im Kindesalter könnte dabei gleich mehrfach wirken: Sie schützt die Kinder selbst, reduziert die Weitergabe innerhalb von Familien und Gemeinschaftseinrichtungen und kann dadurch auch vulnerable Menschen schützen, die von einer eigenen Impfung möglicherweise weniger profitieren. Influenzaimpfung bei Kindern ist damit nicht nur eine Frage des individuellen Schutzes – sondern auch eine Frage der Prävention in der gesamten Bevölkerung.
Autor: Dr. med. Markus Frühwein, München





