Lärmbelastung durch Auto-, Schienen- und Flugverkehr ist ein Umweltfaktor mit kardiovaskulärer Relevanz. Insbesondere eine nächtliche Exposition fördert unter anderem durch Schlafstörungen und wiederholte Stressreaktionen die Entstehung vaskulärer und metabolischer Erkrankungen. Da Lärm ein modifizierbarer Umweltfaktor ist, sollten effektive Präventionsstrategien Berücksichtigung in der Stadtplanung und klinischen Praxis finden.
Zusammenfassung
Verkehrslärm ist kein bloßes Ärgernis, sondern ein relevanter und bislang unterschätzter kardiovaskulärer Risikofaktor. Der vorliegende Übersichtsartikel fasst epidemiologische, klinische und experimentelle Evidenz zusammen und zeigt, dass chronische Belastung durch Straßen-, Schienen- und Fluglärm mit einem erhöhten Risiko für Hypertonie, ischämische Herzkrankheit, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, metabolische Erkrankungen und kardiovaskuläre Mortalität verbunden ist. Besonders kritisch ist nächtlicher Lärm, da er den Schlaf fragmentiert, Erholungsprozesse stört und wiederholte Stressreaktionen auslöst.
Mechanistisch wirkt Lärm nicht primär über das Ohr, sondern über zentrale Stressnetzwerke im Gehirn. Die Aktivierung von Amygdala, sympathischem Nervensystem und HPA-Achse führt zur Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Daraus entstehen oxidativer Stress, Entzündung, endotheliale Dysfunktion, verringerte Stickstoffmonoxid-Bioverfügbarkeit, eNOS-Entkopplung und vaskuläres Remodeling. Humanstudien zeigen bereits nach einer Nacht mit Flug- oder Zuglärm eine Verschlechterung der Endothelfunktion; Tiermodelle belegen eine zentrale Rolle von NADPH-Oxidase 2, reaktiven Sauerstoffspezies und entzündlichen Signalwegen.
Der Artikel betont außerdem, dass Verkehrslärm häufig gemeinsam mit Luftverschmutzung auftritt und im Sinne des Exposoms additive oder synergistische Schäden verursachen kann. Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen, chronisch Kranke und sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Prävention ist möglich: Leisere Verkehrssysteme, Tempolimits, Nachtflugbeschränkungen, optimierte Flugrouten, Schallschutz, grüne Stadtplanung und strengere politische Vorgaben können die Krankheitslast deutlich senken. Verkehrslärm sollte daher stärker in Leitlinien, Präventionsprogramme und die klinische Risikobewertung integriert werden.
Autorinnen und Autoren: T. Münzel, M. Kuntic, M. Molitor , M. Sørensen, A. Daiber
Der kostenpflichtige Originalbeitrag zu diesem Thema wurde veröffentlicht in internistische praxis 2026; 70 (2): 285–299.
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