Übergewicht oder Adipositas gehen häufig mit Psoriasis einher, was als Entzündungstrigger wirkt, und die Prognose und das Therapieansprechen verschlechtern kann. Warum es in der dermatologischen Praxis wichtig ist, Adipositas auch ins Therapiemanagement der Psoriasis mit einzubeziehen, erläutert Prof. Dr. med. Sascha Gerdes, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel.
Herr Professor Gerdes, welche Bedeutung hat Adipositas für die Entstehung und den Verlauf einer Psoriasis?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Adipositas wird heute als wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung einer Psoriasis eingestuft. Gleichzeitig beeinflusst sie den Krankheitsverlauf ungünstig und kann das Ansprechen auf verschiedene systemische Therapien vermindern. Ursache sind unter anderem proinflammatorische Prozesse, die durch das Übergewicht entstehen.“
Welche Rolle spielt hierbei das Fettgewebe?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Insbesondere das viszerale Fettgewebe ist ein hochaktives endokrines Organ. Es produziert zahlreiche proinflammatorische Zytokine und trägt damit zu einer systemischen Entzündungsaktivität bei. Besteht zusätzlich eine entzündliche Hauterkrankung wie die Psoriasis, können sich beide Entzündungsprozesse gegenseitig verstärken.“
Ist dieser Zusammenhang auf die Psoriasis beschränkt?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Nein, aber die Assoziation ist bei Psoriasis und Psoriasis-Arthritis besonders ausgeprägt. Wir finden aber auch bei anderen chronisch entzündlichen Hauterkrankungen wie der atopischen Dermatitis oder der Hidradenitis suppurativa epidemiologisch häufiger übergewichtige Patientinnen und Patienten. Auch hier können entzündliche Prozesse getriggert durch Fettgewebe die Krankheit befeuern, allerdings sind hier die krankheitsrelevanten Folgen weniger stark messbar.“
Wie groß ist der Einfluss von Adipositas auf die Krankheitslast?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Epidemiologische Modellrechnungen zeigen, dass der Einfluss erheblich ist. So wurde anhand dänischer Bevölkerungsdaten berechnet, dass die Zahl der Psoriasisfälle deutlich geringer wäre, wenn die Bevölkerung normalgewichtig wäre. Adipositas ist zwar nicht die alleinige Ursache der Erkrankung, sie stellt aber einen wichtigen modifizierbaren Risikofaktor dar.“
Beeinflusst Übergewicht auch das Ansprechen auf Biologika?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Ja. Bei vielen Therapien beobachten wir ein etwas geringeres Ansprechen bei adipösen Patientinnen und Patienten. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Therapien unwirksam wären. Für einige Biologika bestehen Möglichkeiten zur Dosisanpassung. Zudem scheint dieser Effekt bei neueren, hochwirksamen Substanzen deutlich geringer ausgeprägt zu sein.“
Sollte eine Gewichtsreduktion als wichtiges Therapieziel in die Psoriasis-Behandlung mit einbezogen werden?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Aus meiner Sicht eindeutig ja. Dafür sprechen zwei Gründe: Zum einen kann eine Gewichtsreduktion die entzündliche Aktivität der Psoriasis senken und das Therapieansprechen verbessern. Zum anderen überschneiden sich die Komorbiditäten der Psoriasis und der Adipositas erheblich. Beide Erkrankungen gehen mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, metabolische Störungen sowie Myokardinfarkt und Schlaganfall einher. Diese Risiken können sich gegenseitig verstärken.“
„Insbesondere das viszerale Fettgewebe ist ein hochaktives endokrines Organ, das zahlreiche proinflammatorische Zytokine produziert. Besteht zusätzlich eine entzündliche Hauterkrankung wie die Psoriasis, können sich beide Entzündungsprozesse gegenseitig verstärken.“
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes, wie sprechen Sie das Thema Übergewicht im dermatologischen Praxisalltag an?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Viele Patientinnen und Patienten erwarten zunächst nicht, dass ihre Dermatologin oder ihr Dermatologe das Körpergewicht thematisiert. Aber es gehört zu einer ganzheitlichen Versorgung, relevante Begleiterkrankungen anzusprechen. Ich erkläre den Zusammenhang zwischen Adipositas und Psoriasis offen und sachlich. Die meisten Betroffenen kennen ihr Gewichtsproblem bereits und haben häufig schon zahlreiche Versuche zur Gewichtsreduktion unternommen. Deshalb ist es wichtig, konkrete Unterstützungsangebote aufzuzeigen.“
Welche Maßnahmen empfehlen Sie?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Die Basis jeder Behandlung bleibt eine langfristige Ernährungsumstellung. Ergänzend können Ernährungsberatung oder spezialisierte Adipositas-Sprechstunden sinnvoll sein. Inzwischen stehen zudem medikamentöse Optionen zur Gewichtsreduktion zur Verfügung, die bei entsprechender Indikation eingesetzt werden können. Entscheidend ist, dass diese Therapien immer mit einer nachhaltigen Lebensstiländerung kombiniert werden. Wichtig ist auch, dass man die Patientinnen und Patienten informiert, dass die Ernährungsumstellung lebenslang erfolgen sollte. Schafft man das nicht, kann man die medikamentöse Therapie nutzen, aber eben auch dann lebenslang, wenn man das erreichte Zielgewicht halten möchte.“
Welche Mechanismen stecken dahinter?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Wir sind von unserer evolutionären Entwicklung dazu veranlagt, Reservepolster anzulegen. Denn das war vor hunderttausend Jahren ein großer Vorteil. Reservepolster halfen den Menschen, Hungerphasen zu überleben. Dementsprechend hat die Evolution dies als Vorteil gewertet. Deshalb kommt es bei vielen Menschen nicht mehr zu einem normalen Sättigungsgefühl nach dem Essen. Unser modernes Leben ist allerdings nicht danach ausgerichtet, mehr zu essen, als wir verbrauchen. Eine konsequente Ernährungsumstellung hilft, das auszugleichen.“
Reicht bereits eine moderate Gewichtsabnahme aus, um einen Effekt auf die Psoriasis zu erzielen?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Ja. Studien zeigen, dass bereits der Einstieg in eine Gewichtsreduktion positive Auswirkungen auf die Krankheitsaktivität und das Therapieansprechen haben kann. Dennoch sollte das langfristige Ziel eine Normalisierung des Körpergewichts sein. Deshalb sollte Adipositas möglichst früh adressiert werden und nicht erst bei einer schweren Adipositas.“
Welche Erfahrungen haben Sie mit GLP-1-Rezeptoragonisten?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Bei vielen Patientinnen und Patienten erleichtern diese Medikamente erstmals eine nachhaltige Ernährungsumstellung, weil sie das Hungergefühl deutlich reduzieren. In unserer klinischen Erfahrung gelingt die Gewichtsreduktion dadurch häufig deutlich besser. Wichtig ist allerdings, dass die medikamentöse Therapie nicht isoliert erfolgt, sondern immer Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts mit Ernährungsumstellung ist.“
Gibt es Hinweise darauf, dass GLP-1-Rezeptoragonisten auch direkt antiinflammatorisch wirken?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Diese Hypothese wird derzeit intensiv untersucht. Erste Studien deuten darauf hin, dass die gleichzeitige Anwendung einer antientzündlichen Therapie und einer medikamentösen Gewichtsreduktion bei adipösen Patientinnen und Patienten zusätzliche Vorteile für Haut- und Gelenkmanifestationen bringen kann. Ob GLP-1-Rezeptoragonisten darüber hinaus einen eigenständigen antiinflammatorischen Effekt bei Psoriasis besitzen, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Entsprechende klinische Studien laufen.“
Welche Rolle spielt dabei die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei adipösen Psoriasis-Patientinnen und -Patienten?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Patientinnen und Patienten mit Psoriasis profitieren häufig von einer engen Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen. Dermatologie, Ernährungsmedizin, Diabetologie und gegebenenfalls Rheumatologie sollten eng zusammenarbeiten, um sowohl die Hauterkrankung als auch die metabolischen Komorbiditäten optimal zu behandeln. Gerade bei ausgeprägter Adipositas kann eine strukturierte Adipositas-Therapie die dermatologische Behandlung sinnvoll ergänzen.“
Welche Botschaft möchten Sie Ihren Kollegen in der Dermatologie mitgeben?
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes: „Adipositas sollte als eigenständige Erkrankung konsequent in das Management der Psoriasis integriert werden. Eine erfolgreiche Gewichtsreduktion verbessert nicht nur die allgemeine Gesundheit, sondern kann auch die entzündliche Krankheitsaktivität positiv beeinflussen und die Wirksamkeit der Psoriasis-Therapie unterstützen. Deshalb gehört die Beratung zum Gewichtsmanagement heute aus meiner Sicht zur modernen Versorgung von adipösen Patientinnen und Patienten mit Psoriasis.“
Über den Experten
Prof. Dr. med. Sascha Gerdes ist Oberarzt und Leiter der Psoriasis-Sprechstunde an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) am Campus Kiel. Er ist Stellv. Klinikdirektor und Leiter des Zentrums für entzündliche Hauterkrankungen an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) am Campus Kiel.
Informationen zur Psoriasis-Sprechstunde finden Sie hier: https://www.uksh.de/dermatologie-kiel/Ambulanzen+_+Sprechstunden/Sprechstunden/Psoriasis_Sprechstunde-o-information-p-1399.html
Das Interview führte Elke Engels





