Im Interview sprechen Prof. Dr. Olga Kordonouri (Kinderkrankenhaus auf der Bult, Hannover, links) und Dr. Karl Horvath (Medizinische Universität Graz, rechts) über die Chancen und Grenzen eines bevölkerungsweiten Screenings auf Typ-1-Diabetes. Beide Experten eint dasselbe Ziel – und doch trennt sie eine grundlegende Frage: Wie viel Evidenz brauchen wir, bevor wir handeln?
Neun von zehn Familien, die ein Kind mit Typ-1-Diabetes haben, trifft die Diagnose ohne jede Vorwarnung. Diese Zahl steht am Anfang des Arguments von Prof. Dr. Olga Kordonouri – und sie sitzt. Denn wer keine familiäre Vorbelastung kennt, hat keinen Anlass, frühzeitig zu suchen. Das Ergebnis: Die Erstdiagnose fällt häufig mit einer diabetischen Ketoazidose zusammen – einem vermeidbaren, mitunter lebensbedrohlichen Ereignis.
„Wenn wir wollen, dass die Erkrankung rechtzeitig erkannt wird und die bestmögliche Beratung, Aufklärung und gegebenenfalls auch Therapie angeboten werden kann, dann brauchen wir eine Strategie, die sich an die Allgemeinbevölkerung richtet“, betont Kordonouri. Früherkennung schafft nicht nur ein größeres therapeutisches Zeitfenster für immunmodulatorische Interventionen – sie eröffnet auch die Möglichkeit eines kontrollierten, vorbereiteten Übergangs in die Insulintherapie.
Die Erfahrungen aus Hannover bezüglich der Fr1da- bzw. Fr1dolin-Programme geben ihr recht: Familien, denen ein positives Screening-Ergebnis (Nachweis von mindestens zwei Inselautoantikörpern im noch symptomlosen Stadium) mitgeteilt wird, reagieren zunächst erwartungsgemäß besorgt. Doch mit empathischer und sachlicher Begleitung, strukturiertem Monitoring und gezielter Schulung zur Eigenbeobachtung gelingt es in der Praxis gut, diese Familien über Jahre zu begleiten. „Durch gute sachliche und empathische Begleitung erleben wir tatsächlich, dass es nicht ein großes Problem ist“, so Kordonouri.
Die Kontraposition: Fehlende Evidenz, unterschätzte Risiken
Dr. Karl Horvath setzt an einem methodischen Grundproblem an: Bislang fehlt die entscheidende Studie – ein RCT zu Screening versus kein Screening, der den Nutzen eines solchen Programms direkt belegt. Was vorliegt, sind Hinweisdaten aus Studien wie Fr1da – qualitativ hochwertig, aber nicht ausreichend, um Nutzen und Schaden auf bevölkerungsweiter Ebene abschließend zu bewerten.
„Verständlicherweise sind wir alle aus unserer Profession heraus sehr darauf aus, zu helfen. Und wenn wir Daten
sehen, die uns dieses Versprechen geben, dann sind wir sehr geneigt, schnell vorwärtszuschreiten. Das Problem ist manchmal, dass wir die zweite Seite der Medaille dabei zu weit in den Hintergrund treten lassen“, mahnt Horvath.
Diese zweite Seite umfasst konkrete Schadensaspekte, die aus seiner Sicht bisher zu wenig systematisch untersucht wurden: Überängstlichkeit in betroffenen Familien, restriktive Ernährungsmaßnahmen ohne wissenschaftliche Grundlage, die Inanspruchnahme unseriöser Gesundheitsangebote in der Hoffnung, die Progression aufhalten zu können. All diese Phänomene sind plausibel und dokumentiert – aber noch nicht quantifiziert.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Skalierbarkeit: Das Fr1da-Programm lobt Horvath ausdrücklich – gerade deshalb sieht er die Übertragung als problematisch. „Die Daten aus Fr1da basieren auf einer Betreuung auf sehr hohem Niveau, mit erheblichem Ressourcenaufwand und hochkompetenten Schulenden. Die Frage ist, ob dieses Niveau in der Fläche zu halten ist – personell und finanziell.“
Sein Fazit ist klar, aber nicht kategorisch: „Es ist kein Puzzleteil, sondern es ist eigentlich die Grundlage, die fehlt“, so Horvath. Screening gehört derzeit in erfahrene Studienzentren mit enger wissenschaftlicher Begleitung – nicht weil der Ansatz falsch ist, sondern weil eben diese Grundlage noch nicht ausreichend belegt ist.
Der Blick nach Italien – ein Modell für Deutschland?
Ein konkretes Beispiel bereicherte die Debatte: In Italien wurde das Screening auf Typ-1-Diabetes bereits gesetzlich verankert. Prof. Kordonouri hält diesen Schritt für bemerkenswert und für klug umgesetzt. Der Schlüssel lag in einem Schulterschluss zwischen Diabetologen, medizinischem Fachpersonal und Patientenorganisationen, insbesondere Eltern betroffener Kinder. „Diejenigen, die am besten verstehen, was es bedeutet, den Beginn der Therapie anders zu erleben, sind die Eltern von betroffenen Kindern – die wissen noch jeden Tag, was es für die ganze Familie bedeutet“, so Kordonouri.
Entscheidend war aus ihrer Sicht auch das methodische Vorgehen: Statt sofort flächendeckend zu starten, wurden zunächst fünf Pilotregionen etabliert, in denen rund 5.000 Kinder untersucht wurden. Praktische wie wissenschaftliche Fragen konnten so parallel bearbeitet werden – ein Ansatz, den Kordonouri auch für andere Länder als gangbaren Weg betrachtet.
Keine einfachen Antworten – aber eine klare Richtung
Das Gespräch endete ohne Sieger, aber mit einem gemeinsamen Nenner: Beide Experten sind sich einig, dass alles, was derzeit im Bereich Screening auf Typ-1-Diabetes unternommen wird, unter enger wissenschaftlicher Kontrolle und Begleitung stattfinden muss.
Die Positionen unterscheiden sich nicht in der Hoffnung – beide möchten, dass Kinder besser und sicherer in die Diagnose begleitet werden –, sondern in der Frage, wie viel Evidenz nötig ist, bevor man den Schritt in die Fläche wagt. Prof. Kordonouri sieht in der klinischen Erfahrung und den vorliegenden Daten bereits eine ausreichende Grundlage, um schrittweise vorwärtszugehen. Dr. Horvath mahnt zur Geduld und fordert methodisch robustere Grundlagen, bevor Nutzen und Schaden wirklich abgewogen werden können.
Die Debatte in Jena war lebendig – und ging danach im Publikum weiter. Ausgang ungewiss. Was bleibt: Die Frage ist nicht ob, sondern wie und wann ein bevölkerungsweites Screening auf Typ-1-Diabetes verantwortungsvoll eingeführt werden kann.
Text und Interview: Birgit Schulze, Fortbildungsveranstaltung »Gut Jena«, Februar 2026



