Ein Inselautoantikörper-Screening kann Typ-1-Diabetes vor der klinischen Manifestation erkennen. Die DDG sieht jedoch noch keine ausreichende Grundlage für ein bundesweites Angebot an alle Kinder. Entscheidend sind Testqualität, Beratung und strukturierte Nachsorge.
Frühe Stadien des Typ-1-Diabetes eröffnen ein Zeitfenster für Aufklärung, Stoffwechselkontrollen und gegebenenfalls eine krankheitsmodifizierende Behandlung. Für Behandelnde stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wie Familien zu einem Screening beraten werden sollten. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) bewertet dessen Potenzial ausdrücklich positiv, fordert für eine bevölkerungsweite Einführung aber bessere Evidenz und gesicherte Versorgungsstrukturen. Ein Screening-Angebot ist dabei von der diagnostischen Abklärung bei bereits bestehenden Symptomen zu unterscheiden.
Fr1da zeigt frühe Erkrankungsstadien – keinen individuellen Zeitplan
Nach der DDG-Pressemitteilung identifizierte die in JAMA veröffentlichte Fr1da-Auswertung unter 220.476 untersuchten Kindern 590 mit einem frühen Diabetesstadium. Die adjustierte Häufigkeit betrug 0,30 Prozent. Die berichtete Fünfjahresprogression zum klinischen Typ-1-Diabetes lag bei 29,5 Prozent im Stadium 1 und 47,6 Prozent im Stadium 2.
Stadium 1 ist durch mindestens zwei bestätigte Inselautoantikörper bei Normoglykämie gekennzeichnet. Im Stadium 2 kommen dysglykämische Veränderungen hinzu, ohne dass bereits die Kriterien des Stadiums 3 erfüllt sind. Ein einzelner positiver Screeningbefund ist daher nicht mit einer gesicherten Stadienzuordnung gleichzusetzen. Zudem erlauben die Progressionsraten keine präzise Vorhersage des Manifestationszeitpunkts für ein einzelnes Kind.
Der Nutzen entsteht durch Bestätigung und Nachsorge
Ein wesentlicher möglicher Nutzen ist die Vermeidung diabetischer Ketoazidosen (DKA) bei Manifestation. Der internationale Konsensus beschreibt in überwachten Früherkennungskohorten DKA-Raten häufig unter fünf Prozent. Diese Ergebnisse beziehen sich auf Früherkennung mit anschließender Begleitung, nicht auf einen isolierten Bluttest. Sie dürfen nicht ungeprüft als Effekt eines bundesweiten Programms verstanden werden.
Fr1da zeigt, wie ein solcher Versorgungspfad praktisch aussehen kann: Nach Feststellung eines Frühstadiums folgen Schulung und metabolisches Staging mittels oralem Glukosetoleranztest in einer pädiatrischen Diabetesklinik. Anschließend werden Kontrolltermine vereinbart. Familien lernen, Warnzeichen eines Insulinmangels zu erkennen; bei Bedarf wird psychologische Unterstützung vermittelt. Für Behandelnde ist damit die verlässliche Anbindung an ein spezialisiertes Zentrum zentral.
Teplizumab verzögert die Progression, verhindert Diabetes aber nicht
Teplizumab ist seit dem 8. Januar 2026 in der EU zur Verzögerung des Übergangs von Stadium 2 zu Stadium 3 bei Personen ab acht Jahren zugelassen. Der gegen CD3 gerichtete Antikörper wird an 14 aufeinanderfolgenden Tagen intravenös verabreicht. Die EMA beschreibt für die Zulassungsstudie mit 76 Teilnehmenden eine Zeit bis zur Progression von rund 50 Monaten gegenüber rund 25 Monaten unter Placebo. Daraus ergibt sich kein garantierter individueller Zeitgewinn.
Die Behandlung erfordert eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung. Zu den Risiken gehören unter anderem Zytopenien, Hautausschlag und ein potenziell schwerwiegendes Zytokinfreisetzungssyndrom. Eine dauerhafte Verhinderung des Typ-1-Diabetes ist nicht belegt; Zulassung und Bewertung eines bevölkerungsweiten Screenings sind unterschiedliche Fragen.
Testqualität, Belastung und Ressourcen bleiben entscheidend
Die DDG verweist auf unzureichend standardisierte Testverfahren, fehlende Langzeitdaten und unklare Kosteneffektivität. Nach ihrer Pressemitteilung ist bei verfügbaren Assays ein populationsweites Screening nicht ausdrücklich als Zweckbestimmung ausgewiesen. Eine CE-Kennzeichnung allein beantwortet diese Frage nicht. Positive Befunde benötigen eine verlässliche Bestätigung; negative Ergebnisse dürfen keine dauerhafte Sicherheit suggerieren.
Der internationale Konsensus liefert bereits einen Rahmen für die Umsetzung und Mindestanforderungen an Screeningprogramme. Er ersetzt aber keine Entscheidung über Finanzierung und Einführung in Deutschland. Die DDG fordert weiterhin belastbare Grundlagen; eine geplante S2e-Leitlinie soll die Evidenz systematisch bewerten.
Praxisfazit: Familien sollten Chancen, Grenzen und mögliche psychische Belastungen vor der Teilnahme verstehen. Frühdiagnostik ist nur zusammen mit Bestätigungsdiagnostik, Beratung und langfristiger Nachsorge sinnvoll. Bestehende Studienangebote sind von einem allgemeinen bundesweiten Screening zu unterscheiden.
Quellen:
Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vom 01.10.2026: Bevölkerungsweites Screening zur Diabetes Typ 1-Früherkennung?
Helmholtz Munich, Fr1da: Ablauf des Fr1da-Screenings
European Medicines Agency: Teizeild (Teplizumab), EPAR-Arzneimittelübersicht.
Literatur:
Ziegler AG et al.: International consensus guidance for general population screening for islet autoantibodies to diagnose early-stage type 1 diabetes: a nominal group technique process. Diabetologia, online 10.09.2026. Paper





