Weltweit sind 230 Millionen Frauen und Mädchen von weiblicher Genitalbeschneidung (FGM/C) betroffen, in Deutschland leben über 104.000 Betroffene. Die Folgen beeinflussen Gesundheit und Lebensqualität erheblich. Eine gute Versorgung aus konservativen Methoden wie medizinischer Hautpflege und operativen Optionen wie Defibulation und Rekonstruktion ist wichtig. Dafür muss FGM/C vom Fachpersonen erkannt und angesprochen werden. Wissenslücken führen oft dazu, dass weibliche Genitalbeschneidung übersehen wird.
Klassifikation nach WHO
Weibliche Genitalverstümmelung/-beschneidung (Female Genital Mutilation/Cutting, kurz: FGM/C) umfasst alle Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien ganz oder teilweise entfernt oder aus nichtmedizinischen Gründen verletzt werden [1].
Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet vier FGM/C-Typen [2]:
- Typ I: Teilweise oder vollständige Entfernung der Klitorisspitze und/oder Klitorisvorhaut
- Typ II: Teilweise oder vollständige Entfernung der Klitorisspitze, der inneren und mitunter auch der äußeren Vulvalippen sowie der Klitorisvorhaut
- Typ III (Infibulation): Verengung der Vaginalöffnung durch Zusammennähen der Vulvalippen nach der Beschneidung, sodass nur eine kleine Öffnung für Menstruationsblut und Urin bleibt
- Typ IV: Alle anderen verletzenden Prozeduren an den weiblichen Genitalien
Wissenslücken beim medizinischen Fachpersonal
Trotz klarer Definition ist es für medizinisches Fachpersonal nicht immer einfach, FGM/C zu erkennen. Eine Umfrage unter 148 Ärztinnen und Ärzten, Hebammen und Pflegekräften zeigte erhebliche Wissenslücken: 80,7 Prozent hatten noch nie eine Fortbildung zum Thema besucht, nur knapp ein Drittel wusste von den vier FGM/C-Typen. Über die Hälfte (64 %) kannte den spezifischen ICD-10-Code nicht. Solch ein Wissensmangel kann dazu führen, dass FGM/C übersehen, nicht angesprochen und nicht dokumentiert wird [3].
Dr. med. Isabel Runge, Leiterin des Freiburger Zentrums für Frauen mit Genitalbeschneidung, betont: „Ich merke, dass häufig die größte Hürde darin besteht, FGM überhaupt anzusprechen. Ich möchte dazu motivieren, es anzusprechen, es ist gar nicht so schwer. Je normaler man es anspricht, desto normaler ist auch die Reaktion.“ Wichtig sei ein kultursensibles und empathisches Vorgehen. Viele betroffene Frauen suchen von selbst keine Hilfe – aus Scham oder weil bestimmte Beschwerden in ihren Gemeinschaften als „normal“ gelten. Oft wissen Frauen nicht, dass ihre medizinischen Probleme eine direkte Folge der Beschneidung sind [4].
Folgen von FGM/C und Behandlungsmöglichkeiten
FGM/C verursacht schwerwiegende physische, psychische und sexuelle Komplikationen. Akute Folgen sind psychisches Trauma, starke Schmerzen, Wundinfektionen, Sepsis und Anämie. Langzeitfolgen umfassen schmerzhaftes Narbengewebe, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, fehlende sexuelle Stimulierbarkeit, rezidivierende Infektionen, Dysmenorrhoe und Dysurie. Psychische Folgen können Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörung, Verhaltensstörungen und psychosomatische Störungen sein [4, 5]. FGM/C erhöht zudem das Risiko für Komplikationen in Schwangerschaft und Geburt signifikant [6].





