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Delir nach Herzeingriff: Bonner Forschende warnen vor unterschätztem Risiko

Forschungsteam zur Delir-Diagnose am UKB: Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Prof. Dr. Dr. Enzo Lüsebrink, Dr. Dr. David H.V. Vogel und Endrit Cekaj

Quelle: © Herzzentrum am UKB / Felix Heyder

Delir nach Herzeingriff: Bonner Forschende warnen vor unterschätztem Risiko

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mgb medizin Redaktion

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Erschienen in: herzmedizin

Ein Delir nach herzchirurgischen oder interventionellen Eingriffen wird im klinischen Alltag noch viel zu oft übersehen – mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen. Eine neue Übersichtsarbeit des Universitätsklinikums Bonn zeigt: Gezielte Prävention kann das Auftreten eines Delirs um bis zu 40 % senken.

Wer eine Herzoperation oder einen kardiologischen Eingriff hinter sich hat, kämpft danach nicht selten mit mehr als den körperlichen Beschwerden. Plötzliche Verwirrtheit, Orientierungslosigkeit, Halluzinationen oder Schlafstörungen – diese Symptome können auf ein sogenanntes Delir hinweisen, eine der häufigsten und zugleich unterschätztesten Komplikationen in der modernen Herzmedizin. Ein internationales Forscherteam unter Federführung des Universitätsklinikums Bonn (UKB) hat nun erstmals auf Basis von rund 1.604 Studien aus über drei Jahrzehnten den aktuellen Wissensstand systematisch zusammengeführt und im renommierten European Heart Journal veröffentlicht.

Kein Randproblem – sondern eine zentrale Komplikation

Ob bei komplexen herzchirurgischen Operationen oder interventionellen Verfahren wie einer Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) oder einer perkutanen Koronarintervention (PCI): Das Delir-Risiko ist bei kardiovaskulären Patientinnen und Patienten erheblich – besonders bei hochbetagten oder vorerkrankten Personen. Und die Folgen sind ernst: Ein Delir ist mit längeren Aufenthalten auf der Intensivstation und im Krankenhaus, erhöhter Sterblichkeit und einer höheren Rate an Pflegebedürftigkeit verbunden. Darüber hinaus gilt es als unabhängiger Risikofaktor für dauerhaften kognitiven Abbau – selbst bei Menschen, die zuvor keinerlei Gedächtnis- oder Denkprobleme hatten. Für Prof. Dr. Dr. Enzo Lüsebrink, Kardiologe am Herzzentrum des UKB und Co-Letztautor der Studie, ist die Konsequenz eindeutig: „Delirium ist kein Randproblem, sondern eine der zentralen Komplikationen moderner Herzmedizin.“

Oft verkannt: die stille Form des Delirs

Besonders tückisch ist die sogenannte hypoaktive Form des Delirs. Anders als das hyperaktive Delir – mit Unruhe, Agitation und offensichtlicher Verwirrtheit – äußert sich diese Form durch Apathie, Rückzug und verringerte Aktivität. Sie wird im klinischen Alltag häufig fälschlich als altersbedingte Erschöpfung oder normale Erholungsreaktion interpretiert und dadurch nicht behandelt. Dabei wären einfache, standardisierte Screening-Instrumente wie die sogenannte Confusion Assessment Method (CAM) schnell und zuverlässig einsetzbar. „Validierte Screening-Instrumente werden im klinischen Alltag jedoch noch viel zu selten routinemäßig angewendet“, kritisiert Co-Erstautor Endrit Cekaj, Assistenzarzt an der Klinik für Kardiologie am UKB.

Prävention schlägt Therapie – aber beides ist möglich

Die wichtigste Botschaft der Übersichtsarbeit: Vorbeugen ist besser als behandeln. Multimodale, nicht-medikamentöse Maßnahmen können das Auftreten eines Delirs um bis zu 40 % reduzieren. Dazu zählen frühe Mobilisation nach dem Eingriff, gezielte Reorientierung der Patientinnen und Patienten, Schlafhygiene, kognitive Stimulation, eine adäquate Schmerztherapie sowie die aktive Einbindung von Angehörigen. Den prophylaktischen Einsatz von Medikamenten bewertet die Studie hingegen kritisch und empfiehlt ihn nicht als Routinemaßnahme.

Tritt ein Delir trotz konsequenter Prävention auf, ist auch dann strukturiertes Handeln möglich. „Wir zeigen klar auf, dass Delir auch dann nicht schicksalhaft hingenommen werden muss, wenn es trotz Prävention auftritt“, sagt Co-Erstautor Dr. Dr. David H. V. Vogel, Leiter der Forschungsgruppe „Experimentelle Psychopathologie“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKB. Die Autorinnen und Autoren formulieren abgestufte Behandlungsempfehlungen je nach Schweregrad und Delir-Subtyp. Im Mittelpunkt stehen dabei stets nicht-pharmakologische Maßnahmen. Ergänzend kann – bei klinischer Notwendigkeit – das Sedativum Dexmedetomidin auf der Intensivstation eingesetzt werden; Antipsychotika sind situationsabhängig möglich, erfordern aber eine sorgfältige Abwägung möglicher kardialer Nebenwirkungen.

Hirn und Herz gemeinsam im Blick

Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit eines interdisziplinären Ansatzes. Co-Letztautorin Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKB, bringt es auf den Punkt: „Wir können unsere Patientinnen und Patienten medizinisch erfolgreich am Herzen behandeln. Aber wenn wir Delir nicht systematisch erkennen und verhindern, riskieren wir langfristige Schäden am Gehirn der Betroffenen. Delirprävention muss deshalb ein fester Bestandteil der kardiovaskulären Versorgung werden.“ Die Forschenden betonen zugleich, dass weiterer Bedarf an gezielten, prospektiven Studien besteht, um spezifische Leitlinien für kardiovaskuläre Patientenkollektive zu entwickeln.

Originalpublikation: Cekaj E et al. Delirium in cardiovascular medicine. Eur Heart J 2026, ehag088

Quelle: Universitätsklinikum Bonn (UKB)

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