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ADHS bei Erwachsenen nicht übersehen: Neues zur Diagnostik

ADHS bei Erwachsenen nicht übersehen: Neues zur Diagnostik

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ADHS

4 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Wie sieht ADHS im Erwachsenenalter aus? Beim DGPPN-Kongress wurden aktuelle Forschungsprojekte rund um die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Erwachsenen diskutiert. Neben Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität wird die emotionale Dysregulation als assoziiertes Merkmal betrachtet.

Menschen sind komplexer als 18 Leitsymptome: Bei Erwachsenen sollte die ADHS-Diagnostik nach DSM-V nur einen kleinen Teil der Gesamtbeurteilung ausmachen, betonte Prof. Wolfgang Retz, Homburg. Wenn man den Patienten gerecht werden wolle, müsse man das ganze Feld der Psychopathologie in den Blick nehmen. In Metaanalysen korrelieren ADHS und emotionale Dysregulation, wie Affektlabilität, Stressintoleranz und Überreagibilität. Typische Elemente, die diagnostisch wegweisend sind, sind Desorganisation und Prokrastination, wodurch Erwachsenen große Schwierigkeiten haben, zu planen und Dinge zu Ende zu bringen. Die Erfassung der Psychopathologie ist essenziell für die Behandlungsplanung und auch für die Beurteilung des Behandlungsverlaufs. Zur Frage nach Testsystemen meinte Retz: „Symptome der ADHS lassen sich im Labor oft nicht fassen, sondern machen sich im Lebensalltag bemerkbar. Tests helfen uns allenfalls in der Differentialdiagnose oder im Behandlungsverlauf, wenn wir Besserungen beobachten können.“

Wunsch nach Screening-Tool und Fortbildung

Wie hilfreich ein Screening auf ADHS in der Hausarztpraxis sein kann, zeigt eine Studie des Instituts für Allgemeinmedizin des LMU-Klinikums, die Dr. Cora Ballmann, München, vorstellte. Viele Hausärzte verbinden ADHS mit unruhigen Kindern, haben die Erwachsenen-Symptomatik bei ihren Patienten nicht „auf dem Schirm“, und sind dankbar für ein Screeningtool. Bei einer geschätzten Prävalenz von 2,5% sind nur 0,2–0,4% der Erwachsenen mit ADHS diagnostiziert. In der Evaluierungsstudie der deutschen Version der Adult ADHD Self-Report Screening Scale for DSM-5 (ASRS-5) zeigte der Selbstausfüll-Fragebogen eine Sensitivität von 95,6% und eine Spezifität von 72,3%. Neben positivem Feedback der Hausärzte war ein hoher Wunsch nach Fortbildung sichtbar. Es kann schwierig sein, ein Screening anzubieten, wenn es gerade im ländlichen Bereich keine Behandlungsoptionen gibt. Hier hatte die LMU-Arbeitsgruppe bereits eine Kurzintervention entwickelt, in der Verhaltenstherapie eine effektive Behandlung zur Reduktion der Unaufmerksamkeit ist [1].

Sind psychophysiologische Biomarker Fakt oder Fake?

Prof. Alexandra Philipsen, Bonn, stellte einige Biomarker der ADHS vor. Eine verminderte Inhibition ist eines der Hauptmerkmale der ADHS. Besonders die Beeinträchtigungen der okulomotorischen Hemmung wurden als potenzieller Biomarker der Störung vorgeschlagen. „Die Patienten geistern ja immer mit dem Blick durch den Raum“ beschrieb Philipsen die Ablenkbarkeit der Betroffenen, die auch in Szenarien mit virtueller Realität untersucht wird. Auch die Posturale Stabilität wird als Marker untersucht. „Die Reaktion der Menschen mit ADHS ist etwas verlangsamt, dann überschießend“. Weitere typische Merkmale sind motorische Unruhe und inkonsistentes Reaktionsverhalten. Auch wenn es zu einigen Symptomen Studien und Metaanalysen gebe, seien bislang nur Gruppeneffekte beschrieben, betonte Philipsen. „Aus unserer Sicht ist das nichts, was eine Diagnose ersetzen kann.“ In fünf Jahren könnte das schon anders aussehen: Im Forschungsnetzwerk iBehave werden diese Fragen weiter untersucht [2].

ADHS und Partnerschaft

ADHS kann viele Alltagsfunktionen beeinträchtigen: Dr. Daniel Turner, Mainz, stellte aktuelle Daten zu Partnerschaft und Sexualität vor [3]: Erwachsene mit ADHS unterscheiden sich nur geringfügig in ihrem sexuellen Verhalten von Personen ohne ADHS. Erhöhte Impulsivität und Risikoverhalten manifestieren sich im jüngeren Alter als sexuelles Risikoverhalten und Oppositionsverhalten. Turner betonte, dass diese Symptome nicht pathologisch seien. Er appellierte gleichzeitig, Fragen der Partnerschaft und Sexualität im Rahmen des diagnostischen Prozesses und der Therapieplanung anzusprechen und zu berücksichtigen.

Martina Freyer

Quellen:

1. Ballmann C et al. Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2021; 97: 72-77; online unter https://www.online-zfa.de/archiv/ausgabe/artikel/zfa-2-2021/49969-hausaerztliche-kurzintervention-fuer-die-aufmerksamkeitsdefizit-hyperaktivitaetsstoerung-adhs-b/

2. Forschungsnetzwerk „iBehave“: http://ibehave.nrw/

3. Hertz PG et al. Front Psychiatry 2022; 13: 868278; online unter https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyt.2022.868278/full

Quelle: Wissenschaftliche Sitzung „Neues zur Diagnostik der ADHS“ im Rahmen des DGPPN-Kongresses am 24.11.2022 in Berlin.

Bildquelle: © bongkarn – stock.adobe.com

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