E-Paper

Neurologie und Psychiatrie » Entzündungserkrankungen

»

Aktualisierung der S1-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von zerebralen Vaskulitiden

Aktualisierung der S1-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von zerebralen Vaskulitiden

Aktuelles

Neurologie und Psychiatrie

Entzündungserkrankungen

3 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Aktuell wurde die S1-Leitlinie „Zerebrale Vaskulitis und zerebrale Beteiligung bei systemischen Vaskulitiden und rheumatischen Grunderkrankungen“ unter Federführung von Prof. Dr. Markus Krämer, Essen, und Prof. Dr. Peter Berlit, Berlin, umfassend überarbeitet und publiziert. Neben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) waren die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie (DGRh), die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und die Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG) an der Erstellung dieser Leitlinie beteiligt. Insbesondere im Bereich der Therapie hat sich viel getan – auch in Zukunft können innovative Behandlungsansätze erwartet werden.

Vaskulitiden hirnversorgender Gefäße stellen eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung dar, deren Diagnostik und Therapie Neurologinnen und Neurologen sowie das interdisziplinäre Behandlerteam herausfordern. Bei der ZNS-Vaskulitis sowie den verschiedenen systemischen Vaskulitiden mit ZNS-Beteiligung kann der Ausschluss von Differentialdiagnosen im Einzelfall schwierigsein. Eine hohe diagnostische Sicherheit ist jedoch aufgrund möglicher Nebenwirkungen der erforderlichenimmunsuppressiven Therapieunabdinglich. Bei der Diagnostik kommen bildgebende Verfahren, laborchemische Befunde und histologische Untersuchungen zum Einsatz, bei der Riesenzellarteriitis (RZE) spielt auch die Ultraschalldiagnostik eine wichtige Rolle. 

Differenzialdiagnostisch muss insbesondere bei den Kleingefäßvaskulitiden an das Auftreten im Zusammenhang mit Infektionen (Retrovirus-assoziiert, bei chronischen Hepatitiden mit oder ohne Kryoglobulinämie, und postinfektiös bei Borreliose, VZV, SARS-CoV-2 oder Zytomegalie) gedacht werden.

Wichtigste Differenzialdiagnose der primären Angiitis des ZNS (PACNS) ist das reversible Vasokonstriktionssyndrom (reversible cerebral vasoconstriction syndrome, RCVS). „Vaskulitis-typische“ angiographische Veränderungen sind bei diesem Krankheitsbild sogar häufiger als bei der PACNS, im Gegensatz zur PACNS bilden sich die Gefäßveränderungen aber in der Regel innerhalb von drei Monaten komplett zurück. 

Für die Abgrenzung von zerebralen MS-artigen Läsionen beim Sjögren-Syndrom empfiehlt die Leitlinie das „central vein sign“, einen für die MS typischen MRT-Marker.

Während prospektive Studien zur Therapie der ZNS-Vaskulitiden derzeit noch fehlen, ist die Datenlage zu systemischen Vaskulitiden mit ZNS- und PNS-Beteiligung deutlich besser. Zur Therapie von ANCA-assoziierten Vaskulitiden liegen aktuelle nationale und internationale Therapieempfehlungen vor. Neu ist, dass Rituximab (RTX) bei ANCA-assoziierten Vaskulitiden in der Induktionstherapie ebenso wirksam wie Cyclophosphamid (CYC) und in der Erhaltungstherapie wirksamer als Azathioprin (AZA). RTX wird zunehmend auch bei der PACNS bevorzugt eingesetzt, obwohl hierzu noch keine gesicherte Evidenz vorliegt.

Generell hat sich das Therapiespektrum bei vielen Vaskulitiden durch neue Medikamente erweitert: Eine Anti-Interleukin (IL)-5-Therapie mit dem monoklonalen Antikörper Mepolizumab zeigte in einer randomisiert-kontrollierten Phase-3-Studie bei Rezidiv oder therapierefraktärem Verlauf einer Eosinophilen Granulomatose mit Polyangiitis (EGPA) erfolgversprechende Ergebnisse bezüglich Remissionsinduktion, Steroiddosiseinsparung und Rezidivprophylaxe. Bei Granulomatose mit Polyangiitis (GPA) und mikroskopischer Polyangiitis (MPA) wurde neu der Komplement C5-Rezeptorantagonist Avacopan in Kombination mit RTX oder CYC zur Remissionsinduktion zugelassen. Er ermöglicht eine Einsparung von Glukokortikoiden und verbessert die Nierenfunktion bei renaler Beteiligung.

„Die Forschung ist hochaktiv und bringt kontinuierlich neue Wirkstoffe und Therapieprinzipien hervor. Ziel der modernen Immuntherapien ist die Kontrolle der Krankheitsaktivität bei möglichst günstigem Nebenwirkungsprofil“ erklärt Leitlinienautor und DGN-Generalssekretär Prof. Dr. Peter Berlit.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Bilderquelle: © Thipphaphone – stock.adobe.com

Weitere Beiträge zu diesem Thema

DPtV nimmt Stellung zu geplantem Suizid-Präventionsgesetz

Aktuelles

„Suizid ist bei zehn- bis unter 25-Jährigen die häufigste Todesursache. Im Durchschnitt sterben in Deutschland täglich 28 Menschen durch Suizid. Jeder zehnte bis zwölfte Mensch in Deutschland hat im Laufe seines Lebens Suizidgedanken.

Neurologie und Psychiatrie

Psychische Erkrankungen

Allgemeine Aspekte

Beitrag lesen

Membrantransporter als neue Ziele im Kampf gegen neuronale Erkrankungen

Aktuelles

Sie transportieren Nährstoffe, regulieren Botenstoffe wie Serotonin oder Dopamin und beeinflussen den Energiehaushalt des Gehirns: Spezielle Transportproteine in der Zellmembran, sogenannte Solute Carrier (SLCs), erfüllen viele lebenswichtige Aufgaben. Einige von ihnen sind seit Jahrzehnten Angriffspunkte erfolgreicher Medikamente, etwa gegen Depression oder Epilepsie.

Neurologie und Psychiatrie

Forschung

Beitrag lesen

Migräne bei Frau und Mann: Geschlechtsspezifische Unterschiede im Fokus

Aktuelles

Nicht jeder Kopf-schmerz erzählt dieselbe Geschichte. Besonders bei Migräne zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede – von der Symptomatik über die Krankheitslast bis hin zu möglichen Besonderheiten der Schmerzverarbeitung. Warum dieses Wissen für Diagnostik, Beratung und Behandlung relevant sein kann, war Thema eines Pressegesprächs mit dem Neurologen und Kopfschmerzexperten PD Dr. Charly Gaul.

Neurologie und Psychiatrie

Kopfschmerzerkrankungen

Beitrag lesen