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Teil 1 Alkoholsucht – Charakteristik

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Teil 1 Alkoholsucht – Charakteristik

Fachbeitrag

Neurologie und Psychiatrie

Psychische Erkrankungen

Suchterkrankungen

mgb medizin Redaktion

Verlag

10 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

J. Petry

Die Alkoholsucht ist historisch und weltweit die verbreitetste Suchtform. Sie ist das theoretische und therapeutische Paradigma für Süchte überhaupt: Den medizingeschichtlichen Hintergrund bildet das Modell der Trunksucht, das von Ärzten wie Benjamin Rush und Constantin Brühl-Cramer um das Jahr 1800 begründet und parallel auf die Morphinsucht angewandt wurde. Die Übertragung auf die Glücksspielsucht erfolgte zu Beginn des 20. Jahrhundert [1]. Kurz gesagt: Die Universalität des unauffälligen, exzessiven und süchtigen Konsums alkoholischer Getränke hat unsere Vorstellungen über Süchte entscheidend geprägt.


Alkoholkonsum ist nur im Kontext sozialer Eingebundenheit verstehbar. Die Bedeutung rauschbezogenen Handelns ergibt sich aus der Stellung des Einzelnen im sozialen Gefüge. Es ist Ausdruck seiner Beziehung zur Umwelt. Dies wusste schon Jack London: „Von einer Millionen Trinkern hat nicht einer allein angefangen zu trinken. Alle Trinker trinken zuerst in Gesellschaft und dieses Trinken hat stets Folgen von allergrößter sozialer Reichweite“ [2: 236]. Die individuelle Funktionalität des Alkoholkonsums besteht demgemäß vor allem darin, soziale Verbundenheit herzustellen. Auf der gesellschaftlichen Ebene dient der Alkoholkonsum als soziales Schmiermittel, um die Widersprüchlichkeiten der jeweiligen Lebensbedingungen zu kitten. In den modernen, permissiven westlichen Gesellschaften zeigt sich dies als „sozial maskiertes Wirkungstrinken“ [6: 90f.] der Mehrheit der Bevölkerung.


Diese bejahende Alkoholkultur steht im Kontrast zu der wissenschaftlichen Beurteilung des Alkohols als das schädlichste aller legalen und illegalisierten Rauschmittel für Körper, Psyche und soziale Beziehungen [3]. Erinnern Sie sich noch an die Empörung, als der Münchner Vizebürgermeister das Oktoberfest als die „weltweit größte offene Drogenszene“ verspottet hat? [4] Ein Verweis auf das schon seit Menschengedenken bestehende Spannungsverhältnis von Genuss und Selbstkontrolle: „Der Gegensatz zwischen Dionysos und Apollon, zwischen Spontaneität, Fantasie und Freude als Symbolen mystischer Ekstase und des Karnevals einerseits und den strengeren Tugenden der Selbstbeherrschung und der individuellen Vernunft andererseits besteht bis heute fort“ [5: 6].


In der Schweiz beträgt der Pro-Kopf-Verbrauch 8,4 Liter Reinalkohol, während es in Österreich 11,6 Liter sind. Deutschland liegt mit 10,6 Litern dazwischen [7: 10]. Die alkoholbezogene Krankheitsbelastung steht in engem Zusammenhang mit dem durchschnittlichen Alkoholkonsum [8]. Dies verweist auf die bestehenden Preisunterschiede zwischen diesen Hochkonsumländer als ein Bedingungsfaktor der bevölkerungsbezogenen Problemrate.


Die häufigste Erscheinungsform der Alkoholsucht ist das gewohnheitsmäßige Trinken. Epidemiologischen Schätzungen zufolge besteht in der erwachsenen Bevölkerung bei 3,3 % ein Alkoholmissbrauch und bei 4,2 % eine Alkoholabhängigkeit, wobei Männer überrepräsentiert sind [9: 17]. Arbeitslosigkeit ist sowohl eine bedeutsame Ursache als auch mögliche Folge einer Alkoholsucht [10].


Die Etablierung des Krankheitsmodells führte zur sozialpolitischen Anerkennung des „Alkoholismus“ mit einem gestiegenen öffentlichen Problembewusstsein und einer Entlastung der darunter Leidenden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass süchtig handelnde Personen in eine passive Rolle geraten. Dies wird als Kontrollparadoxon bezeichnet, da das Krankheitsmodell ursächlich von einem Kontrollverlust ausgeht, während in der Behandlung die strikte Selbstkontrolle durch Abstinenz bzw. Trinkreduktion gefordert wird [11: 7].


Symptomatik

Das Störungsbild wird als Alkohol-Abhängigkeitssyndrom beschrieben, das aus sieben kovariierenden Merkmalen besteht:

  • eingeengtes Trinkmuster,
  • Vorherrschaft alkoholbezogener Verhaltensweisen,
  • erhöhte Alkoholtoleranz,
  • wiederholt auftretende Entzugserscheinungen,
  • Trinken zur Linderung oder Vermeidung von Entzugserscheinungen,
  • Bewusstwerdung der Zwanghaftigkeit des Trinkverhaltens und
  • Wiederauftreten der Suchtmerkmale nach Abstinenzphasen.

Der früher verwendete Begriff Kontrollverlust wurde durch verminderte Kontrolle ersetzt: „Es ist jedoch unklar, ob es sich bei dieser Erfahrung tatsächlich um einen Kontrollverlust handelt oder eher darum, dass man sich bewusst dafür entscheidet, keine Kontrolle auszuüben. Kontrolle lässt sich wahrscheinlich am ehesten als variabel und zeitweise eingeschränkt beschreiben und nicht als verloren“ [12: 1060].


Die Frage nach dem gemeinsamen Auftreten der Alkoholsucht mit anderen psychiatrischen Erkrankungen lässt sich nicht eindeutig beantworten. Zwar werden im Rahmen selektiver Behandlungsstichproben verschiedenste komorbide Störungen diagnostiziert, es ist jedoch zweifelhaft, ob es sich dabei um reliable und valide Aussagen handelt. Vor allem werden die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Angststörungen, Depressionen, Posttraumatischen Belastungsstörungen und verschiedenen Persönlichkeitsstörungen, die in klinischen Stichproben vermehrt mit der Alkoholsucht verbunden sind, diskutiert [13]. Es finden sich allerdings keine Belege für eine generelle psychiatrische Grunderkrankung bei der Alkoholsucht, sondern eher Hinweise auf ein unterschiedliches Bedingungsgefüge. Bei etwa einem Viertel der behandelten Personen besteht eine zusätzliche Medikamenten- oder sonstige Rauschmittelsucht. Der weit überdurchschnittliche Tabakmissbrauch wird immer noch unterdiagnostiziert.


Die Alkoholsucht tritt in mannigfachen Erscheinungsformen auf. Das Krankheitsmodell postuliert dennoch eine gemeinsame, verschiedene Phasen durchlaufende Entwicklung. Längsschnittstudien verweisen aber auf eine große Variabilität suchttypischer Verlaufswege je nach Lebenssituation mit einem hohen Prozentsatz an Selbstheilern [14].
Der Konsum psychotroper Substanzen stellt eine zielgerichtete Handlung dar, um alltägliche Lebensbedingungen zu bewältigen. Die Betroffenen erleben ihre suchtspezifische Lebensführung trotz aller Nachteile als funktional, da sie keine alternativen Handlungsmöglichkeiten für sich wahrnehmen [15]. Während des gesamten therapeutischen Prozesses geht es deshalb immer wieder um die nichtwertende Einbeziehung des süchtig handelnden Individuums als autonome Persönlichkeiten [16].


Diagnostik und Abstinenzprinzip

Die psychiatrische Diagnostik versucht auf dem Hintergrund des Krankheitskonzepts, die Entwicklungsgeschichte und Schwere der Alkoholsucht zu erfassen. Nach bisherigen Untersuchungen kann mittels subjektiver Aussagen und laborchemischer Indikatoren zwischen normalem, problematischem und süchtigem Konsum unterschieden werden. Dabei können Screeningverfahren hilfreich sein. Der sogenannte CAGE-Fragebogen ist ein 4-Item Screening-Fragebogen zur Verdachtsdiagnose einer Alkoholproblematik. Bei einem Cut–off-Point von 2 und mehr Punkten liegt der Verdacht auf einen problematischen oder süchtigen Alkoholkonsum vor. Der Fragebogen ist im englischsprachigen [17] und deutschsprachigen [18] Bereich validiert:

  • Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, Sie müssten Ihren Alkoholkonsum vermindern (Cut down)?
  • Haben andere Personen Sie geärgert, indem sie Ihr Trinkverhalten kritisiert haben (Annoyed)?
  • Haben Sie jemals Schuldgefühle wegen Ihres Alkoholkonsums gehabt (Guilty)?
  • Haben Sie jemals morgens als Erstes ein alkoholhaltiges Getränk getrunken, um Ihre Nerven zu beruhigen (Eye-opener)?

Die internationalen Klassifikationssysteme zur Diagnostik der Alkoholnutzungsstörung unterscheiden sich in ihrer Grundstruktur: Das dimensional angelegte DSM-5 [19] differenziert drei Schweregrade. Damit wird eine niederschwellige Diagnostik möglich, die der Früherkennung dienen kann, gleichzeitig aber, insbesondere bei jungen Erwachsenen, die Gefahr einer voreiligen Diagnose birgt. Die kategorial angelegte ICD-11 [20] beinhaltet aufgrund der Trennung zwischen Alkoholabhängigkeit und Schädlichem Gebrauchsmuster eine schwer diagnostizierbare Zwischenzone. Aufgrund dieser Unterscheidung lässt sich aber die Indikation zu einer abstinenzorientierten versus reduktionsbezogenen Therapiestrategie begründen.


Kritisch bleibt anzumerken, dass beide Systeme kulturspezifisch geprägt sind. Der Störungsbegriff verbleibt in der amerikanischen Tradition des Behaviorismus, indem das beobachtbare süchtige Verhalten lediglich im unmittelbaren situativen Kontext erfasst wird. Darüber hinaus orientieren sich beide Klassifikationssysteme am organpathologischen Krankheitskonzept von Elton Morton Jellinek [21] und dessen Fortschreibung als Alkohol-Abhängigkeitssyndrom [22].
Von Soyka [23] wurde darauf verwiesen, dass bekannte prognostische Merkmale wie Konsummenge, Problemdauer, Anzahl von Vorbehandlungen, psychische Komorbidität, einschließlich Suizidalität, sowie soziale Unterstützung und Arbeitslosigkeit nicht als Kriterien einbezogen sind.


Nach Rehm et al. [24] könnte das Konzept Heavy substance Use Over Time (HUOT) die am Krankheitskonzept orientierte Operationalisierung ersetzen:

  • HUOT ist für die neurobiologischen und physiologischen Veränderungen verantwortlich,
  • HUOT erklärt die zentralen Suchtkriterien der Intoxikation, Toleranzentwicklung und Entzugserscheinungen,
  • HUOT verursacht die wichtigsten sozialen Konsequenzen wie die Nichterfüllung sozialer Rollen,
  • HUOT führt zu den suchtbedingten Erkrankungen und der erhöhten Sterblichkeit und
  • HUOT vermindert die Stigmatisierungstendenz und vermeidet die Konzentration auf die schwerste Risikogruppe.

Zu Beginn der Psychotherapie sollte die Erfassung der Genese und Topografie des süchtigen Verhaltens einschließlich der vorausgehenden und nachfolgenden Bedingungen mittels verhaltensanalytischer Fragebögen erfolgen [25]. Ergänzend stehen mehrdimensionale Instrumente zur Verfügung, die neben dem eigentlichen Trinkverhalten dazugehörende persönliche und familiäre Problembereiche erfassen. Ein Beispiel ist das Trierer Alkoholismusinventar (TAI) von Funke et al. [26].


Für die klinische Praxis ist der Unterschied zwischen problematischem Gebrauch und Sucht von entscheidender Bedeutung. Bei einer fortgeschrittenen Alkoholsucht ist der völlige Konsumverzicht von Alkohol in jeglicher Form (Abstinenzprinzip) angezeigt. Darin besteht jedoch nicht das eigentliche Behandlungsziel. Entscheidend ist der schrittweise Aufbau einer damit verbundenen zufriedenen Lebensweise. Nach bisherigen Befunden ist eine Trinkreduktion möglich, wenn es sich um eine frühe Entwicklungsphase des Alkoholproblems handelt, die problembehaftete Person keine gravierenden körperlichen Schädigungen aufweist, sie sozial gut integriert ist und über passende Kontroll- und (Selbst-)Wirksamkeitsüberzeugungen verfügt [27].

Literatur
  1. Fischer H Spieler-Moral: Eine irrenärztliche Studie über die Spielsucht und ihr Verhältnis zur Trinksucht und Morphinsucht für Staatsanwälte, Richter und Laien. Modernes Verlagsbüro Curt Wigand 1905
  2. London J König Alkohol. Büchergilde Gutenberg 1947 (amerikanisches Original 1913)
  3. Nutt DJ et al. Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis, The Lancet, 2010; 376: 1558–1565
  4. Spiegel Panorama. Wiesn-Wirte erbost: Münchens Zweiter Bürgermeister nennt Oktoberfest „weltweit größte offene Drogenszene“ 2023, https://www.spiegel.de/panorama/justiz/muenchen-zweiter-buergermeister-dominik-krause-nennt-oktoberfest-weltweit-groesste-offene-drogenszene-a-0f5f460d-ec71–4236-a5e1–728bfe4a0ecb
  5. Sournia J-C A history of alcoholism. Basil Blackwell 1990 (französisches Original 1986)
  6. Schulz W Funktion des Trinkens für das Individuum. In K Antons, W Schulz (Hrsg.): Normales Trinken und Suchtentwicklung, Bd. 1 (87–105). Hogrefe 1976
  7. Rummel C et al. Daten, Zahlen und Fakten. In DHS Jahrbuch Sucht 2026 (9– 38); Pabst 2026
  8. Rehm J et al. Global burden of disease and injury and economic cost attributable to alcohol use and alcohol-use disorders. The Lancet 2009: 373: 2223–33
  9. Rummel C et al. DHS Jahrbuch Sucht 2026 (9–38). Pabst 2026
  10. Nolte-Troha et al. Der Teufelskreis zwischen Arbeitslosigkeit und Substanzgebrauchsstörungen. Nervenheilkunde 2023; 42(9): 649–55
  11. Marlatt GA, Gordon JR. Relapse prevention: maintenance strategies in the treatment of addictive behaviors. Guilford Press 1985
  12. Edwards G & Gross MM. Alcohol dependence: provisional description of a clinical syndrome. British Medical Journal, 1976; 1: 1058–61
  13. Wetterling T et al. Alkoholerkrankung, Komorbidität und Suizidalität. neuro aktuell, 2023; 37(10): 12–16
  14. Klingemann H Sucht: Selbstheilung ist möglich. Pabst 2017
  15. Pickard H The puzzle of addiction. In H Pickard, SH Ahmed (eds.): The philosophy and science of addiction (9–22). Routledge 2019
  16. Herwig-Lempp J Systemische Sozialarbeit: Haltungen und Handeln in der Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht 2022
  17. Mayfield D et al. The CAGE questionnaire: validation of a new alcoholism screening instrument. American Journal of Psychiatry, 1974; 131(10): 1121–3
  18. Richter G & Zahn M. Validierung des MALT (Münchner Alkoholismus-Test) und des CAGE (amerikanischer 4-Item-Alkoholismus-Test) an einer stationären Hochrisikogruppe mit Verleugnungstendenz. Sucht 1991; 37(3): 175–9
  19. American Psychiatric Association (ed.). Diagnostic and statistical manual of mental disorders DSM-5. American Psychiatric Association 2013 (deutsche Übersetzung 2015)
  20. World Health Organisation. International classification of diseases for mortality and morbitity statistics: ICD-11 MMS. World Assembly 2019 (deutsche Testversion BfArM 2026)
  21. Jellinek EM The disease concept of alcoholism. College and University Press 1960
  22. Edwards G. The alcohol dependence syndrome: A concept as stimulus to inquiry. British Journal of Addiction, 1986; 81: 171–183
  23. Soyka M. Zur Problematik der Schweregradeinteilung für Suchterkrankungen im neuen DSM-5. In O Schmid & T Müller (Hrsg.): Sucht – Genuss und Therapie (10 –116). Pabst 2015
  24. Rehm J et al. Defining substance use disorders: Do we really need more than heavy use? Alcohol and Alcoholism, 2013; 48(6): 633–40
  25. Lindenmeyer J & Mühlig S. Alkohol- und Tabakabhängigkeit. Beltz 2019
  26. Funke W et al. Trierer Alkoholismusinventar (TAI). Hogrefe: Testzentrale 1987
  27. Bischof G et al. Reduced drinking and harm reduction in the treatment of alcohol use disorders. Drugs and Alcohol Today, 2021; 21(1): 31–44


Interessenkonflikte:
Der Autor erklärt, dass bei der Erstellung des Beitrags keine Interessenkonflikte im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestanden.


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