Ophthalmologie » Hinterer Augenabschnitt

»

Ethische Leitlinien für KI in der Augenheilkunde

Symbolbild KI und Auge

Ethische Leitlinien für KI in der Augenheilkunde

Aus der Praxis

Ophthalmologie

Hinterer Augenabschnitt

4 MIN

Erschienen in: CONCEPT Ophthalmologie

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft e.V. (DOG) und der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA) haben eine umfassende Stellungnahme zu ethischen Aspekten künstlicher Intelligenz (KI) in der Augenheilkunde vorgelegt. Ziel ist es, Standards für die Entwicklung, Zulassung und Implementierung von KI-Anwendungen zu setzen, die ärztliche Entscheidungen unterstützen und gleichzeitig den Schutz der Patientenrechte sicherstellen.

„Die rasante Entwicklung von KI-Systemen bietet großes Potenzial für die Augenheilkunde, sei es bei der Bildanalyse, der Diagnostik oder der Planung von Therapien“, erklärt Prof. Dr. Claus Cursiefen. „Um dieses Potenzial verantwortungsvoll auszuschöpfen, müssen technische, rechtliche und ethische Aspekte von Anfang an berücksichtigt werden“, fügt der Generalsekretär der DOG hinzu.

KI als Chance und Herausforderung
Konkret könne KI insbesondere bei der Analyse großer Bilddatenmengen unterstützen, die beispielsweise in der Diagnostik von Netzhauterkrankungen oder der Verlaufskontrolle von Glaukomen anfallen. „Damit dies gelingt, ist Qualität und Größe der Datengrundlage, auf deren Basis die Systeme lernen, entscheidend. Diese Bilder müssen zwingend eine hohe Qualität haben, damit die KI-Systeme kontrolliert und reproduzierbar angelernt werden können“, so Prof. Dr. Bernd Bertram, Ehrenvorsitzender des BVA und Mitglied des Redaktionskomitees.

Ärztliche Erfahrung bleibt unverzichtbar

Die Verantwortung für Diagnosen und Therapien, betonen DOG und BVA, müsse stets bei Ärztinnen und Ärzten liegen. Während KI-Systeme Muster erkennen und präzise Analysen liefern können, bleibe es Aufgabe der Behandelnden, diese Ergebnisse im Kontext der individuellen Patientensituation zu bewerten. „Das ärztliche Erfahrungswissen ist dabei unverzichtbar, auch im Zeitalter der KI“, sagt DOG-Experte Prof. Dr. Nikolaos Bechrakis, der dem Redaktionskomitee ebenfalls angehörte.

Fehlerquellen und Risiken von KI-Systemen
Auch sind KI-Systeme nicht fehlerfrei. Systematische Verzerrungen in den Trainingsdaten wie die unzureichende Berücksichtigung bestimmter Altersgruppen oder ethnischer Hintergründe können zu falschen Ergebnissen führen. „Ebenso besteht das Risiko, dass Algorithmen seltene Krankheitsbilder übersehen oder aufgrund unvollständiger Daten falsche Diagnosen stellen“, sagt Bechrakis. Es liege in der ärztlichen Verantwortung, diese potenziellen Fehlerquellen zu erkennen und bei der Anwendung von KI-Systemen kritisch zu hinterfragen.

Ethische Prinzipien als Grundlage
Vor diesem Hintergrund formulieren DOG und BVA in ihrer Stellungnahme zentrale Prinzipien für den Einsatz von KI in der Augenheilkunde. Dazu zählen unter anderem:

  • Gerechtigkeit: KI-Systeme dürfen keine Gruppen benachteiligen. Trainingsdaten müssen divers und repräsentativ sein.
  • Transparenz: Es muss deutlich werden, wie und welche Daten ein KI-System verarbeitet und gegebenenfalls weiterleitet.
  • Erklärbarkeit: KI-Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein, insbesondere bei Therapieempfehlungen.
  • Datenschutz: Patientenbezogene Daten müssen sicher verarbeitet werden; anonyme Datensätze sind zu bevorzugen.
  • Ärztliche Autonomie: KI darf die Rolle des Arztes und der Ärztin nicht ersetzen, sondern nur unterstützen.

Sicherstellung der Patientenautonomie
Ein weiterer Schwerpunkt der Stellungnahme liegt auf der Wahrung der Patientenautonomie. „Patientinnen und Patienten müssen ausreichend informiert werden, wenn KI-basierte Systeme in ihrer Behandlung eingesetzt werden“, fordert Cursiefen. „Die Entscheidung für oder gegen den Einsatz von KI darf jedoch nicht auf den Patienten oder die Patientin abgewälzt werden, sondern muss immer im Dialog mit dem behandelnden Arzt und der behandelnden Ärztin erfolgen.“

Klare Regeln auch in Haftungsfragen
Zudem fordern DOG und BVA klare Regeln für die Zulassung und Implementierung von KI-Systemen. Diese müssen technische Robustheit im Sinne einer geringen Fehleranfälligkeit und eine vollständige Haftungsklärung umfassen. „Die Versorgung der Patientinnen und Patienten steht weiterhin an oberster Stelle. KI als innovative Technologie muss sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für Ärztinnen und Ärzte Vorteile bringen“, stellt Daniel Pleger, 1. Vorsitzender des BVA, fest. Er ergänzt: „Wenn solche teuren Systeme in den Alltag integriert werden, bedarf es einer vernünftigen Gegenfinanzierung der Krankenkassen.“

KI mildert Fachkräftemangel ab

Die gemeinsame Stellungnahme der DOG und des BVA zeigt, dass künstliche Intelligenz die Augenheilkunde nachhaltig verändern kann. „Mit klar definierten ethischen Leitlinien kann dieser Wandel eindeutig zum Wohle der Patientinnen und Patienten gestaltet werden“, so Cursiefen. Beispielsweise, indem mehr Zeit für die „sprechende Medizin“ bleibe und der Fachkräftemangel abgefedert werde.

Link zur vollständigen Stellungnahme: https://dog.org/fuer-aerzte/leitlinien-stellungnahmen-empfehlungen/gesundheitspolitik/stellungnahmen-gesundheitspolitik/ki-in-der-augenheilkunde

Publiziert in Die Ophthalmologie am 18.02.2025: https://doi.org/10.1007/s00347-025-02189-8

Quelle: Pressemitteilungen von DOG und BVA, 19.02.2025

Bildquelle:© catalin – stock.adobe.com

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Porträt von Prof. Volker Busskamp.

Medizin-Nobelpreis 2026: Wie Optogenetik in Bonn zur Netzhautforschung beiträgt

Aktuelles

Die mit dem Medizin-Nobelpreis 2026 ausgezeichnete Optogenetik eröffnet neue Möglichkeiten für die Analyse neuronaler Netzwerke und degenerativer Netzhauterkrankungen. Prof. Volker Busskamp ordnet die Bedeutung der Technologie für die ophthalmologische Forschung ein.

Ophthalmologie

Hinterer Augenabschnitt

Beitrag lesen
Eröffnungsveranstaltung des DOG-Kongresses 2026 zum Leitthema „Augenheilkunde ohne Grenzen“.

Grenzenlos vernetzt: DOG 2026 setzt Impulse für bessere Versorgung

Kongress

Mit 4.657 Teilnehmenden stand die DOG 2026 ganz im Zeichen der internationalen Zusammenarbeit. Unter dem Motto „Augenheilkunde ohne Grenzen“ diskutierten Teilnehmende neue Wege für Vernetzung, Wissenstransfer und zukunftsorientierte Patientenversorgung.

Ophthalmologie

Sonstiges

Beitrag lesen
Die Albrecht-von-Graefe-Medaille ist die höchste Auszeichnung, die die DOG vergibt und wird laut Statuten alle zehn Jahre „demjenigen zuerkannt, der sich unter den Zeitgenossen – ohne Unterschied der Nationalität – die größten Verdienste um die Förderung der Ophthalmologie erworben hat.“ Die Auswahl erfolgte in einem mehrstufigen Verfahren und wurde durch die DOG-Mitgliederversammlung bestätigt. Albrecht von Graefe entwickelte 1857 eine neue Operationsmethode bei Grünem Star. Erster Träger der Albrecht-von-Graefe-Medaille war 1886 Hermann von Helmholtz, der den Augenspiegel zur Untersuchung des Augeninneren erfand. In 2016 wurde die Albrecht-von-Graefe-Medaille zuletzt an Professor Dr. med. Dr. h.c. mult. Eberhart Zrenner für seine Forschungsarbeiten zur Netzhautfunktion sowie für die Entwicklung des elektronischen Retina-Implantats verliehen, das blinden Menschen mit Retinitis pigmentosa ein orientierendes Schwarz-Weiß-Sehen ermöglicht.

DOG verleiht Alan Bird die Albrecht-von-Graefe-Medaille

Kongress

Die DOG hat den britischen Retina-Spezialisten Alan C. Bird mit der Albrecht-von-Graefe-Medaille ausgezeichnet. Die höchste Ehrung der Fachgesellschaft würdigt seine wegweisenden Beiträge zur Erforschung von Netzhauterkrankungen und zur modernen Retina-Medizin.

Ophthalmologie

Hinterer Augenabschnitt

Beitrag lesen