Acht Jahre nach Einführung genbasierter Therapien hat sich das Bild der spinalen Muskelatrophie (SMA) grundlegend gewandelt. Dank Neugeborenenscreening und früher, zielgerichteter Behandlung erreichen viele Kinder motorische Meilensteine, die vorab unerreichbar waren. Gleichzeitig entstehen neue klinische Fragestellungen und Versorgungsrealitäten. Der Beitrag beleuchtet aktuelle Daten aus dem D-A-CH-Raum und zeigt, was diese Entwicklungen für die pädiatrische Praxis bedeuten.
Zusammenfassung
Acht Jahre nach Einführung der ersten genbasierten SMA-Therapie hat sich die Prognose der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie grundlegend verändert. Ursache der Erkrankung ist der Mangel an SMN-Protein infolge biallelischer SMN1-Defekte; die variable SMN2-Kopienzahl moduliert, aber determiniert nicht zuverlässig den Phänotyp. Historische Typen (0–4) verlieren unter krankheitsmodifizierenden Therapien an Trennschärfe; funktionelle Kategorien (»Sitter«, »Walker«) und neue Phänotypen mit residualer respiratorischer oder bulbärer Beteiligung treten in den Vordergrund.
Mit Nusinersen, Onasemnogen-Abeparvovec und Risdiplam stehen drei wirksame Therapieoptionen zur Verfügung. Registerdaten aus dem DA-CH-Raum (SMArtCARE) zeigen eine hohe Persistenz der Ersttherapie, Therapieumstellungen v. a. aus praktischen Gründen sowie einen Trend zur personalisierten Entscheidungsfindung. Das Neugeborenenscreening – in Deutschland seit 2021 als Regelleistung implementiert – ermöglicht präsymptomatische Therapiebeginne und führt zu einer dramatischen Verbesserung des motorischen Outcomes. Die Vermeidung jeglichen Zeitverlustes bis zum Therapiebeginn ist insbesondere bei Kindern mit zwei SMN2-Kopien essenziell, bei denen das therapeutische Zeitfenster extrem eng ist, hier werden mittlerweile auch »Bridging-Therapien« bis zur endgültigen Therapieentscheidung dringend empfohlen.
Auch bei vier SMN2-Kopien zeigt sich häufig ein Krankheitsbeginn im frühen Kindesalter, sodass ein Behandlungsbeginn in den ersten Lebensmonaten und engmaschige Kontrollen gerechtfertigt sind. Trotz therapeutischer Fortschritte bleibt die interdisziplinäre Langzeitversorgung essenziell. Insgesamt markiert die SMA ein Modell für erfolgreiche Translation genetischer Erkenntnisse in eine wirksame, zunehmend individualisierte Therapie.
Autorinnen: K. Vill1, 2, A. Blaschek1, 2, A. Pechmann3
1 Abteilung für Pädiatrische Neurologie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie, Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital, LMU Medizin, München; 2 Munich University Center for Children with Medical and Developmental Complexity, iSPZ Hauner MUC, LMU Medizin, München; 3 Klinik für Neuropädiatrie und Muskelerkrankungen, Kinder- und Jugendklinik, Universitätsklinikum Freiburg)
Der Originalbeitrag zu diesem Thema wurde veröffentlicht in pädiatrische praxis 2026; 104 (3): 417–426.
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