GLP-1 / GIP-basierte Pharmakotherapien ermöglichen bei adipösen Männern eine erhebliche Gewichtsreduktion. Doch was geschieht gleichzeitig mit Muskelmasse, Muskelkraft und erektiler Funktion? Unsere randomisierte Studie mit 211 hypogonadalen Männern zeigt: Entscheidend ist nicht nur, wie viel Gewicht verloren wird, sondern auch, was der Patient verliert.
Pharmakologische Gewichtsreduktion – ein großer Fortschritt
Adipositas gehört zu den wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren für zahlreiche metabolische, kardiovaskuläre und auch urologische / andrologische Erkrankungen. Gerade beim Mann bestehen enge Zusammenhänge zwischen viszeraler Adipositas, Insulinresistenz, metabolischem Syndrom, Hypogonadismus und erektiler Dysfunktion. Eine substanzielle Gewichtsreduktion kann deshalb einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Männergesundheit leisten. Mit GLP-1-Rezeptoragonisten und insbesondere GLP-1 / GIP-basierten Pharmakotherapien stehen heute hochwirksame Möglichkeiten zur Behandlung der Adipositas zur Verfügung.
Die klinische Bewertung einer erfolgreichen Gewichtsreduktion darf sich jedoch nicht ausschließlich auf die Zahl auf der Waage konzentrieren Denn: Gewichtsverlust ist nicht gleich Gewichtsverlust. Entscheidend ist, ob überwiegend unerwünschte Fettmasse verloren geht – oder funktionell wertvolle gleichzeitig fettfreie Masse und Muskelmasse.
Warum Muskelmasse bei Männern besonders relevant ist
Die Skelettmuskulatur ist weit mehr als ein Bewegungsapparat. Sie besitzt zentrale Bedeutung für:
- körperliche Leistungsfähigkeit,
- Glukosestoffwechsel,
- Insulinsensitivität,
- funktionelle Selbstständigkeit,
- metabolische Gesundheit, Energieverbrauch,
- langfristige körperliche Belastbarkeit.
Ein Verlust an Muskelmasse während einer Gewichtsreduktion kann deshalb einen Teil der gewünschten gesundheitlichen Effekte konterkarieren. Besonders relevant könnte dies bei adipösen Männern mit gleichzeitigem Hypogonadismus sein. Testosteron besitzt eine zentrale Bedeutung für den Erhalt der Muskelmasse und Muskelkraft. Ein Testosterondefizit könnte daher die Vulnerabilität gegenüber einem Verlust fettfreier Masse während einer ausgeprägten Gewichtsreduktion zusätzlich erhöhen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die klinisch entscheidende Frage: Reicht es aus, adipösen hypogonadalen Männern eine hochwirksame Pharmakotherapie zur Gewichtsreduktion zu verordnen – oder benötigen sie gleichzeitig eine strukturierte andrologische Begleittherapie?

Randomisierte Studie bei 211 adipösen Männern
Diese Fragestellung wurde in einer 34-wöchigen, multizentrischen, randomisierten Studie untersucht. Eingeschlossen wurden insgesamt 211 adipöse Männer. Die wesentlichen Einschlusskriterien waren:
- Alter zwischen 18 und 70 Jahren,
- BMI ≥ 30 kg / m²,
- Gesamttestosteron < 3,5 ng / ml.
Damit wurde gezielt eine Population adipöser Männer mit gleichzeitig erniedrigtem Testosteron untersucht. Die Patienten wurden zwei unterschiedlichen Behandlungsstrategien zugeordnet.

Gruppe 1: GLP-1 / GIP-Monotherapie
Die erste Gruppe erhielt ausschließlich eine GLP-1 / GIP-basierte Pharmakotherapie zur Gewichtsreduktion.
Gruppe 2: Multimodale Begleittherapie
Die zweite Gruppe erhielt zusätzlich zur GLP-1 / GIP-basierten Pharmakotherapie:
- eine Testosteronersatztherapie,
- ein strukturiertes Krafttraining dreimal pro Woche sowie
- eine proteinoptimierte Ernährung.
Damit wurden nicht nur pharmakologische, sondern gleichzeitig hormonelle, mechanische und nutritive Faktoren berücksichtigt, die für den Erhalt beziehungsweise Aufbau von Muskelmasse relevant sind.
Was wurde untersucht?
Der primäre Endpunkt der Untersuchung war die Veränderung der fettfreien Masse (FFM). Diese wurde mittels multifrequenter Bioimpedanzanalyse bestimmt. Die alleinige Betrachtung der Körperzusammensetzung reicht jedoch nicht aus, um die funktionellen Auswirkungen eines möglichen Muskelverlustes zu beurteilen. Deshalb wurden zusätzlich objektive Parameter der Muskelkraft untersucht. Die Maximalkraft wurde bei folgenden Übungen bestimmt:
- Beinpresse,
- Rudern,
- Bankdrücken.

Darüber hinaus wurde die sexuelle Funktion anhand des IIEF-Domain-Scores erfasst. Somit wurden drei für die Männergesundheit besonders relevante Bereiche gleichzeitig betrachtet:
- Körperzusammensetzung – körperliche Leistungsfähigkeit – sexuelle Funktion.
- GLP-1 / GIP-Monotherapie: viel Gewicht verloren – aber was wurde verloren?
Unter der alleinigen GLP-1 / GIP-basierten Therapie zeigte sich ein klinisch relevanter Verlust fettfreier Masse. 41 % des gesamten Gewichtsverlustes entfielen auf die FFM. Das bedeutet: Ein erheblicher Anteil der verlorenen Kilogramm bestand nicht aus Fettmasse, sondern aus fettfreier und damit funktionell wertvoller Körpermasse.
Dieser Befund blieb nicht auf eine Veränderung der Körperzusammensetzung beschränkt. Parallel zeigte sich eine deutliche Verschlechterung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Die Maximalkraft nahm signifikant ab – je nach untersuchter Übung um bis zu 26 %. Damit wurde der Verlust fettfreier Masse auch funktionell sichtbar.
Gleichzeitig Verschlechterung der erektilen Funktion
Aus andrologischer Sicht war ein weiterer Befund besonders relevant. Unter der GLP-1 / GIP-Monotherapie nahm der IIEF-Domain-Score um 2,6 Punkte ab. Die erfolgreiche Gewichtsreduktion ging somit in dieser Population nicht automatisch mit einer Verbesserung der Sexualfunktion einher.
Vielmehr wurden gleichzeitig:
- fettfreie Masse verloren,
- Muskelkraft reduziert und
- eine Verschlechterung des IIEF-Domain-Scores beobachtet.
Dies ist klinisch bedeutsam, weil eine Gewichtsreduktion bei adipösen Männern normalerweise gerade mit der Erwartung verbunden wird, metabolische und sexuelle Gesundheit gleichzeitig zu verbessern. Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese Gleichung unter einer isolierten pharmakologischen Gewichtsreduktion nicht zwangsläufig aufgeht.
Multimodale Therapie: Gewichtsverlust ohne Muskelverlust
Ein deutlich anderes Bild zeigte sich bei den Männern, die zusätzlich eine strukturierte multimodale Begleittherapie erhielten. Diese bestand aus:
- GLP-1 / GIP-Pharmakotherapie,
- Testosteronersatztherapie,
- strukturiertem Krafttraining und
- proteinoptimierter Ernährung.
Auch diese Männer verloren erheblich an Körpergewicht. Nach 34 Wochen betrug die Gewichtsreduktion 7,1 kg. Der entscheidende Unterschied: Die Gewichtsreduktion erfolgte nicht auf Kosten der Muskelmasse. Im Gegenteil: Trotz Gewichtsverlust kam es zu einer Zunahme der Muskelmasse von + 5,1 %. Das heißt: Unter der multimodalen Therapie wurde der Muskelabbau nicht nur verhindert. Die Muskelmasse nahm sogar zu.
Dieser Befund besitzt eine hohe klinische Relevanz. Er zeigt, dass pharmakologische Gewichtsreduktion und Muskelaufbau keine Gegensätze sein müssen. Unter einer entsprechend strukturierten Begleittherapie kann Körpergewicht reduziert und gleichzeitig funktionell wertvolle Muskelmasse aufgebaut werden.
Damit verändert sich auch die therapeutische Zielsetzung: Nicht „Wie viele Kilogramm hat der Patient verloren?“, sondern „Welche Körpermasse hat der Patient verloren – und welche hat er erhalten oder aufgebaut?“
Mehr Muskelmasse – und deutlich mehr Kraft
Besonders wichtig ist, dass die Veränderungen der Körperzusammensetzung mit einer erheblichen funktionellen Verbesserung einhergingen. Unter der multimodalen Therapie nahm die Maximalkraft deutlich zu. Je nach untersuchter Übung betrug die Verbesserung zwischen +31 % und +49 %.
Damit ergibt sich ein deutlicher Gegensatz zwischen den beiden Behandlungsstrategien:
GLP-1 / GIP-Monotherapie
- 41 % des Gewichtsverlustes als FFM
- Kraftverlust von bis zu – 26 %
Multimodale Therapie
- + 5,1 % Muskelmasse
- Kraftzuwachs von + 31 bis + 49 %
Die Unterschiede betreffen damit nicht nur die Körperzusammensetzung, sondern besitzen unmittelbar funktionelle Bedeutung.
Und was geschieht mit der erektilen Funktion?
Auch hinsichtlich der Sexualfunktion verliefen die Entwicklungen in entgegengesetzte Richtungen. Unter der GLP-1 / GIP-Monotherapie: IIEF-Domain-Score: −2,6 Punkte und unter multimodaler Therapie: IIEF-Domain-Score: +5,2 Punkte. Damit betrug die Differenz zwischen den beiden Entwicklungen insgesamt 7,8 IIEF-Punkte. Die multimodale Begleittherapie war somit nicht nur mit einem Erhalt beziehungsweise Aufbau der Muskelmasse und einer erheblichen Steigerung der Muskelkraft verbunden. Parallel verbesserte sich auch die erektile Funktion deutlich.
| Parameter | Methode | Warum bei diesen Patienten relevant | Konsequenz |
|---|---|---|---|
| Testosteronstatus | Gesamttestosteron (morgens), ggf. SHBG und LH | Testosteron ist zentral für Erhalt von Muskelmasse, Kraft und Sexualfunktion | Bei klinischen Symptomen und erniedrigten Werten andrologische Mitbeurteilung |
| Körperzusammensetzung | Multifrequente Bioimpedanzanalyse (FFM) | Der Gewichtsverlust kann zu einem erheblichen Anteil aus fettfreier Masse bestehen | Qualität des Gewichtsverlustes beurteilen, nicht nur die Kilogramm |
| Muskelkraft | Handkraftmessung, einfache Funktionstests | Macht den Verlust fettfreier Masse funktionell sichtbar | Verlaufsmessung als objektiver Therapieparameter |
| Körperliche Aktivität | Anamnese, Trainingsprotokoll | Mechanischer Reiz ist Voraussetzung für Muskelerhalt und -aufbau | Strukturiertes Krafttraining als fester Therapiebestandteil |
| Proteinzufuhr | Ernährungsanamnese | Substrat für Muskelproteinsynthese und Regeneration | Proteinoptimierte Ernährung während der Reduktionsphase |
| Sexualfunktion | IIEF-Domain-Score | Gewichtsreduktion verbessert die erektile Funktion nicht automatisch | Erfassung vor Therapiebeginn und im Verlauf; Aufklärung: mögliche Veränderungen von Muskelmasse, -kraft und Sexualfunktion aktiv ansprechen |
Warum könnte die Kombination so effektiv sein?
Die einzelnen Bestandteile der multimodalen Behandlung adressieren unterschiedliche physiologische Voraussetzungen für den Erhalt von Muskelmasse und Funktion.
Testosteron Bei den untersuchten Männern lag ein erniedrigtes Gesamttestosteron vor. Die Testosteronersatztherapie adressiert damit einen wesentlichen hormonellen Faktor, der für Muskelmasse, Muskelkraft und Sexualfunktion relevant ist.
Strukturiertes Krafttraining Strukturiertes Krafttraining setzt den notwendigen mechanischen Stimulus zum Erhalt beziehungsweise Aufbau der Skelettmuskulatur. Gerade während einer Phase erheblicher Gewichtsreduktion dürfte dieser Trainingsreiz von besonderer Bedeutung sein.
Proteinoptimierte Ernährung Eine ausreichende Proteinzufuhr stellt die notwendigen Substrate für Muskelproteinsynthese und Regeneration bereit. Die Kombination dieser drei Komponenten schafft somit ein anaboles Umfeld, während gleichzeitig durch die GLP-1 / GIP-basierte Pharmakotherapie eine relevante Gewichtsreduktion erreicht wird.
Was bedeutet das für die urologische / andrologische Praxis?
Die Ergebnisse sprechen dafür, pharmakologische Adipositastherapien bei hypogonadalen Männern nicht isoliert zu betrachten. Das Therapieziel sollte nicht ausschließlich lauten: „Gewicht reduzieren.“ Vielmehr sollte das Ziel sein: Fettmasse reduzieren – Muskelmasse erhalten oder aufbauen – körperliche Leistungsfähigkeit verbessern – Sexualfunktion berücksichtigen.
Daraus ergeben sich für die Praxis mehrere relevante Aspekte. Bei adipösen Männern unter GLP-1 / GIP-basierter Therapie sollten neben Körpergewicht und metabolischen Parametern auch
- Testosteronstatus,
- Körperzusammensetzung,
- Muskelkraft,
- körperliche Aktivität,
- Proteinzufuhr und
- Sexualfunktion
berücksichtigt werden.
Besonders bei Männern mit klinischen Symptomen eines Hypogonadismus und entsprechend erniedrigten Testosteronwerten erscheint eine andrologische Mitbeurteilung sinnvoll.
Die Waage allein reicht nicht
Die Studie verdeutlicht ein grundsätzliches Problem bei der Bewertung moderner Gewichtsreduktionsprogramme. Zwei Patienten können auf der Waage einen vergleichbaren Erfolg zeigen und dennoch physiologisch völlig unterschiedliche Ergebnisse erzielen. Der eine Patient verliert: Fettmasse + relevante Muskelmasse + Muskelkraft. Der andere verliert: überwiegend unerwünschte Körpermasse und baut gleichzeitig Muskelmasse und Leistungsfähigkeit auf. Die reine Angabe der verlorenen Kilogramm kann diese Unterschiede nicht abbilden. Deshalb sollte bei der Behandlung adipöser Männer zunehmend auch die Qualität des Gewichtsverlustes berücksichtigt werden.
Fazit
GLP-1 / GIP-basierte Pharmakotherapien ermöglichen eine erhebliche Gewichtsreduktion und stellen einen wichtigen Fortschritt in der Behandlung der Adipositas dar. Bei adipösen hypogonadalen Männern kann eine isolierte GLP-1 / GIP-Therapie jedoch mit einem klinisch relevanten Verlust fettfreier Masse einhergehen.
In unserer Untersuchung entfielen unter Monotherapie 41 % des Gewichtsverlustes auf die FFM. Gleichzeitig nahm die Muskelkraft um bis zu 26 % und der IIEF-Domain-Score um 2,6 Punkte ab. Ein grundlegend anderes Ergebnis zeigte die strukturierte multimodale Begleittherapie aus Testosteronersatz, Krafttraining und proteinoptimierter Ernährung. Trotz einer Gewichtsreduktion von 7,1 kg nahm die Muskelmasse um 5,1 % zu. Gleichzeitig verbesserte sich die Maximalkraft um 31 – 49 % und der IIEF-Domain-Score stieg um 5,2 Punkte.
Die entscheidende klinische Botschaft lautet deshalb: Eine erfolgreiche Adipositastherapie sollte nicht nur danach beurteilt werden, wie viel Gewicht ein Patient verliert, sondern danach, was er verliert und was er gewinnt. Bei adipösen hypogonadalen Männern kann eine strukturierte andrologische Begleittherapie den pharmakologisch induzierten Gewichtsverlust von einem reinen Gewichtsverlust in einen funktionellen Benefit mit mehr Muskelmasse, mehr Kraft und verbesserter Sexualfunktion transformieren. Pharmakologische Adipositastherapien sollten bei diesen Patienten deshalb nicht isoliert, sondern urologisch / andrologisch integriert betrachtet werden.
Autoren: Stella Nocht & Prof. Dr. Frank Sommer





