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UroSkop: Lauterbach lässt Katze aus dem Sack: „Doppelte Facharztschiene“ soll abgeschafft werden

Gegen die vorgeschlagene Abschaffung der ambulanten Fachärzteschaft protestierten der KBV-Vorsitzende Dr. Andreas Gassen, der SpiFa-Vorsitzende Dr. Dirk Heinrich und der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt. Foto: KBV/SpiFa/BÄK

UroSkop: Lauterbach lässt Katze aus dem Sack: „Doppelte Facharztschiene“ soll abgeschafft werden

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6 MIN

Erschienen in: UroForum

Jetzt lässt Karlchen die Katze aus dem roten Sack: Der versierte Abrissunternehmer und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bringt die Abrissbirne gegen das ambulante Gesundheitssystem in Position. Die zehnte Stellungnahme und Empfehlung der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung schreitet zur Überwindung der Sektorengrenzen des deutschen Gesundheitssystems – und wie: Es kommen harte Zeiten.

Nach der beginnenden Zerschlagung der Krankenhausstruktur soll die freiberufliche fachärztliche Medizin daran glauben. Nur noch Haus- und Kinderärzte sollen im Wesentlichen in nicht klinischen Praxen arbeiten, die „doppelte Facharztschiene“ wird stillgelegt, Urologinnen und Urologen sollen nur noch im Krankenhaus oder in enger Verbindung dazu tätig sein dürfen. Unter dem Strich steht eine ganz andere Form der transsektoralen Versorgung.

Gegen die vorgeschlagene Abschaffung der ambulanten Fachärzteschaft protestierten der KBV-Vorsitzende Dr. Andreas Gassen, der SpiFa-Vorsitzende Dr. Dirk Heinrich und der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt. Foto: KBV/SpiFa/BÄK
Gegen die vorgeschlagene Abschaffung der ambulanten Fachärzteschaft protestierten der KBV-Vorsitzende Dr. Andreas Gassen, der SpiFa-Vorsitzende Dr. Dirk Heinrich und der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt.

Level 1I-Krankenhäuser übernehmen die Versorgung

Im ersten Schritt will die Kommission kleinere Level 1I-Krankenhäuser auf dem Land ermächtigen, ambulante Leistungen nach dem Poliklinik-Modell anzubieten. Ein Primärarztsystem soll die neue Struktur ergänzen. Versorgungsplanung soll in der Region für den ambulanten und den stationären Bereich stattfinden.

Der fachärztlichen Versorgung geht es an den Kragen – zumindest in der freiberuflichen Niederlassung: „Die in Deutschland in den letzten über hundert Jahren gewachsenen Strukturen tragen bislang die ambulante und stationäre Versorgung der Bevölkerung. Angesichts des wachsenden Versorgungsbedarfs der stetig älter werdenden Bevölkerung, des sich weiter verschärfenden Fachkräftemangels und der zukünftigen Kostensteigerungen aufgrund des weiteren Fortschritts der Medizin scheint es aber fraglich, für welchen Zeitraum die als `doppelte Facharztschiene´ bezeichnete zweifache fachärztliche Vorhaltung außerhalb der hausärztlichen Versorgung (im Sinne von § 73 SGB V) aufrechterhalten werden kann.“

Primärärztliche Praxen sollen das Rückgrat der Versorgung werden

Die Kommission will Deutschland an die übliche weltweite Gesundheitsstruktur angleichen. „Als Primärärzte werden hierbei international zumeist die Ärztinnen und Ärzte verstanden, die wohnortnah und ohne Überweisung tätig werden und ihrerseits bei Bedarf an Spezialistinnen und Spezialisten oder Krankenhäuser überweisen können. Die Primärärzte umfassen zumeist die Hausärzte (in Deutschland: praktische Ärzte, Fachärzte für Allgemeinmedizin und hausärztlich tätige Internisten) sowie Pädiater, darüber hinaus zum Teil auch Gynäkologen und Psychiater. Alle anderen Fachärztinnen und Fachärzte arbeiten in den meisten Ländern sowohl ambulant als auch stationär an Krankenhäusern“, schreibt die Regierungskommission in der Empfehlung.

KBV-Chef kritisiert die „Verstationierung“ der Versorgung

Nach der Veröffentlichung der Empfehlung am Freitag läuteten bereits am Montag alle Alarmglocken im fachärztlichen und vertragsärztlichen Lager. Mit Nachdruck hat der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Rahmen der Vertreterversammlung in Mainz vor dem Ende der ambulanten Versorgung gewarnt. Der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen sagte es klipp und klar: „Es ist offenkundig, dass Teile der Politik, und zwar konkret die aktuelle Leitung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), einen kompletten Systemwechsel wollen. Karl Lauterbach sagt ja auch unverblümt, dass er das ganze Gesundheitssystem umkrempeln will.“

Eine der größten Errungenschaften des deutschen Gesundheitswesens sei die wohnortnahe niedrigschwellige haus- und fachärztliche Versorgung durch mehr als 100.000 Praxen. „Das sehen die Bürgerinnen und Bürger ganz genauso“, sagte Gassen und erinnerte an eine Umfrage anlässlich der von KBV und Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) kürzlich initiierten Kampagne „Wir sind für Sie nah“ zur Rettung der Praxen. Die Sorge, dass die ambulanten Strukturen wegbrechen „beziehungsweise weggebrochen werden“ hielt der KBV-Chef für berechtigt.

„Staatsmedizin war
und ist eine Totgeburt“

Der KBV-Chef kritisierte die „Verstationierung“ der Versorgung im Gegensatz zur eigentlich erforderlichen Ambulantisierung: „Die Krankenhäuser werden immer weiter für ambulante Leistungen geöffnet.“ Es müsse jedem klar sein, welche Ideologie und welches strategische Ziel dahinterstehe, so Gassen: „Nämlich eine Zentralisierung unseres Gesundheitswesens nach skandinavischem oder britischem Vorbild und die Vernichtung der wohnortnahen Grundversorgung in inhabergeführten Praxen.“ Gassen appellierte an Minister Lauterbach: „Vergraben Sie Ihre Papiere zum Umbau des deutschen Gesundheitswesens wieder in den Kellern, in denen sie lagen, seit Ulla Schmidt das BMG verlassen musste. Staatsmedizin war und ist eine Totgeburt. Sie schafft eine gewaltige Benachteiligung, gerade von Menschen, die unser Gesundheitssystem besonders brauchen!“

SpiFa reagiert fassungslos auf das Kommissionspapier

Der Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands e.V. (SpiFa) zeigt sich fassungslos über die zehnte Stellungnahme der Regierungskommission. „Die Ergebnisse der Kommission sind ein Produkt aus gravierenden Fehlannahmen und einer einseitigen Interessenvertretung der Universitätsmedizin. Die Kommission zeigt sowohl bei ihrer Analyse rein aus der Sicht von (Universitäts-)klinikern als auch in ihren Folgerungen eine erschreckende Distanz zur realen Versorgung. Sie unterstellt, es gäbe eine echte `doppelte Facharztschiene´, also zweimal das gleiche, wie es das Wort suggeriert“, erklärte der Vorstandsvorsitzende des SpiFa Dr. Dirk Heinrich am Montag.

Es werde sehr deutlich, dass dieses Papier die Handschrift von Universitätsmedizinern trage, die als Angestellte ihrer Institutionen naturgemäß Interessenvertreter ihrer Arbeitgeber, schlichtweg also Lobbyisten, seien. Heinrich. „Mir kommt das so vor, als ob eine Horde Füchse vor einem Hasen sitzt und über ihr Abendessen redet.“

Bundesärztekammer spricht der Kommission ambulante Kompetenz ab

Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, prangerte ausgeprägte Kompetenzdefizite der Regierungskommission an. „Es wird mehr und mehr zu einem Problem, dass die aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besetzte Regierungskommission Politikempfehlungen abgibt, ohne über das notwendige Versorgungswissen aus Klinik und Praxis zu verfügen.“ Die Kommission wärme mit ihren Äußerungen über die angebliche „doppelte Facharztschiene“ eine Debatte der Vergangenheit auf und stelle leichtfertig die ambulante fachärztliche Versorgung in Deutschland in Frage. „Worin die behauptete Ineffizienz dieser Versorgung liegen soll, lässt die Empfehlung völlig im Dunkeln.“

Die Abschaffung der wirtschaftlich selbstständigen fachärztlichen Tätigkeit würde einen massiven Paradigmenwechsel weg von einem individualisierten Arzt-Patienten-Verhältnis hin zu staatlich organisierten Strukturen bedeuten. Im Spannungsfeld solcher politischen Diskussionen wird die Bereitschaft junger Ärztinnen und Ärzte, in die wirtschaftlich unabhängige Selbstständigkeit zu gehen, sicher nicht gefördert, konstatierte Reinhardt.

Gestern begann in Mainz der 128. Deutsche Ärztetag. Natürlich spielten die Lauterbach´schen Reform von Krankenhaus bis Ambulantisierung und ambulanter Versorgung eine wichtige Rolle in der Diskussion. Es geht rund im deutschen Gesundheitssystem – und noch ist offen, wer am Ende die Oberhand behalten wird.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Franz-Günter Runkel
Chefreporter UroForum

Bildquelle:© KBV/SpiFa/BÄK

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