Allgemeinmedizin » Sonstiges

»

DiGA: Digitale Gesundheitsanwendungen – Hype oder echter Nutzen?

Hand berührt ein digitales Interface mit medizinischen Symbolen, Symbol für digitale Gesundheit und technologische Innovation.

DiGA: Digitale Gesundheitsanwendungen – Hype oder echter Nutzen?

Aus der Praxis

Allgemeinmedizin

Sonstiges

mgb medizin Redaktion

Verlag

4 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Digitale Gesundheitsanwendungen – kurz DiGA – können von Ärzt:innen verordnet werden, um Diagnosestellung und Therapieverlauf zu unterstützen. Doch es herrscht noch viel Unsicherheit im Umgang mit diesen digitalen Tools. Im Interview schildert Dr. med. Alexandra Widmer, worauf es aus ihrer Sicht ankommt, damit DiGA zu einer echten Bereicherung der medizinischen Versorgung werden.

Wie sind Sie zur DiGA-Spezialistin geworden?

Ich habe über viele Jahre hinweg in einem internationalen Unternehmen – einem der DiGA-Pioniere – an der Entwicklung, Erprobung und Einführung von digitalen Anwendungen mitgearbeitet und hautnah erlebt, welches Potenzial in diesen Konzepten steckt. Diese Entwicklung aus ärztlicher Sicht mitzugestalten, ist für mich zu einem zentralen Thema geworden. Es war mir immer wichtig, ärztliche Kommunikation und digitale Prozesse eng miteinander zu verzahnen. Nur dann gelingt es, digitale Anwendungen so in die medizinische Versorgung zu integrieren, dass sie für beide Seiten – Ärzt:innen und Patient:innen – wirklich einen Nutzen bringen.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Integration von DiGAs in den Praxisalltag gemacht?

Ich habe DiGAs über viele Jahre hinweg in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt. Ursprünglich wurden viele Anwendungen als Standalone-Lösungen konzipiert, also zur eigenständigen Nutzung durch die Patient:innen. In der Praxis zeigte sich dann jedoch, dass die Verschreibung allein nicht reicht. Ärztliche Begleitung ist erforderlich. DiGA sind kein Ersatz für einen persönlichen Arztkontakt, vielmehr erfordern sie eine neue Art der Kommunikation. Die Patient:innen müssen aufgeklärt werden, welchen Stellenwert die DiGA im medizinischen Gesamtkonzept besitzen, und die Ärztin/der Arzt sollte die erzielten Ergebnisse im Blick haben. Diese Haltung macht den Unterschied, ob eine DiGA wirklich bei der Patientin/dem Patienten ankommt oder nicht.

Können Sie ein konkretes Beispiel für eine erfolgreiche DiGA-Anwendung nennen?

Ich habe in meiner Praxis zum Beispiel eine Patientin mit Migräne und einer bipolaren Störung betreut, die eine digitale Anwendung zur Schlafregulation genutzt hat. Die App zeigte an, dass die Patientin über eine Woche hinweg sehr schlecht geschlafen hatte, und empfahl eine Arztkonsultation. Die Patientin befand sich zu diesem Zeitpunkt am Beginn einer hypomanen Phase und fühlte sich trotz der Schlafstörung sehr gut. Ohne den digitalen Fingerzeig hätte sie mich nicht aufgesucht. Mit DiGA-Unterstützung jedoch konnte ich die hypomane Phase frühzeitig erkennen, die Medikation anpassen und einen stationären Aufenthalt vermeiden.

Wie bewerten Sie den Nutzen von DiGAs in der Kard

iologie?

Im kardiologischen Bereich gibt es aktuell drei zugelassene DiGAs. Vantis wird bei koronarer Herzkrankheit eingesetzt, ProHerz bei Herzinsuffizienz und Actensio bei Hypertonie. Da ich als Neurologin keine kardiologischen DiGAs einsetze, verfüge ich über keine eigene Erfahrungen hinsichtlich günstiger Auswirkungen etwa auf die Therapieadhärenz und die Umsetzung von Behandlungszielen. Wichtig ist – wie gesagt – dass die Anwendung von Beginn an sinnvoll in ein strukturiertes Behandlungskonzept eingebettet und dies den Patient:innen auch vermittelt wird.

 Dr. med. Alexandra Widmer, 
Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie, ist Gründerin 
der Plattform „docsdigital“.

Dr. med. Alexandra Widmer, 
Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie, ist Gründerin 
der Plattform „docsdigital“.

© privat

Wie sehen Sie die zukünftige Bedeutung von DiGAs in der kardiologischen Versorgung?

Ich sehe ein großes Potenzial für die kardiologische Versorgung. Voraussetzung ist, dass Ärzt:innen ein klares Verständnis davon haben, was DiGAs leisten können. Dafür braucht es mehr Aufklärung und Transparenz. Viele Ärzt:innen empfinden diese Anwendungen noch als eine Art „Blackbox“. Sie haben nur ungefähre Vorstellungen, wie sie diese Tools in der medizinischen Versorgung konkret nutzen können. Und viele Ärzt:innen sind sich nicht im Klaren darüber, welchen Part sie selbst übernehmen müssen, damit das Konzept tatsächlich erfolgreich funktioniert. Hier brauchen die Ärzt:innen Unterstützung etwa in Form geeigneter Fortbildungsformate.

Und wie könnte ganz allgemein die ­DiGA-Zukunft in der Medizin aussehen?

Ich denke, dass digitale Gesundheitsanwendungen künftig Teil einer integrierten Versorgung sein werden. Das setzt voraus, dass auch Kostenträger den Einsatz von DiGAs aktiv mittragen. Die Verordnung einer DiGA ist nicht vergleichbar mit der eines Medikaments. Sie erfordert eine neue Arzt-Patienten-Kommunikation. Wer Innovation in die Versorgung bringen möchte, muss auch diese ärztliche Investition mitdenken. Es braucht Expertise und ein sicheres Gespür dafür, wann eine digitale Anwendung sinnvoll ist. Das verdient Anerkennung – auch in der Vergütung. Gerade in einer Zeit, in der zunehmend innovative Technologien bis hin zur künstlichen Intelligenz genutzt werden, gewinnt das ärztliche Gespräch weiter an Bedeutung. Das Gespräch ist und bleibt unser wichtigstes Instrument, und das muss auch in den Rahmenbedingungen abgebildet sein.

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Verkehrsschild mit Tempo 30 Lärmschutz an befahrener Straße in einem Wohngebiet

Lärmbelastung durch den Verkehr als kardiovaskulärer Risikofaktor

Fachbeitrag

Lärmbelastung durch Auto-, Schienen- und Flugverkehr ist ein Umweltfaktor mit kardiovaskulärer Relevanz. Insbesondere eine nächtliche Exposition fördert unter anderem durch Schlafstörungen und wiederholte Stressreaktionen die Entstehung vaskulärer und metabolischer Erkrankungen. Mehr zum kostenpflichten Artikel (inkludiert im Abo der internistischen praxis)

Allgemeinmedizin

Sonstiges

Beitrag lesen
Symbolbild für Diversität

Diversitätsmedizin„Willst du mich behandeln, musst du wissen, wer ich bin“

Fachbeitrag

Im Praxisalltag können verschieden Aspekte von Diversität unbewusst Einfluss auf die Behandlung haben. Wichtig ist, den Kontext, in dem eine medizinische Situation entstanden ist, zu verstehen und für die Therapie zu berücksichtigen. Dabei kann das Rad der Sichtbarkeit als neues wissenschaftliches Instrument zur Berücksichtigung von Diversitätsmerkmalen unterstützen.

Allgemeinmedizin

CME

Beitrag lesen
Knochenmarkuntersuchung mit mikroskopischem Bild eines schwelenden oder frühen multiplen Myeloms.

Wann ist eine Therapie beim Smoldering Myelom sinnvoll?

Fachbeitrag

Beim Smoldering Myelom rücken Indikationsstellung, Risikostratifizierung und der potenzielle Nutzen einer frühzeitigen Therapie zunehmend in den Fokus. Es wird der aktuelle Kenntnisstand zum Smoldering Myelom zusammengefasst und die potenziellen Therapieoptionen dargestellt.

Allgemeinmedizin

Onkologie

Beitrag lesen