Allgemeinmedizin

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Hanno Grethe (1932-2025) – Urgestein der Allgemeinmedizin-Ost

Dr. Ursula und Dr. Hanno Grethe

Quelle: Frank H. Mader

Hanno Grethe (1932-2025) – Urgestein der Allgemeinmedizin-Ost

Personalia

Allgemeinmedizin

mgb medizin Redaktion

Verlag

4 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Nachruf von Professor Frank H. Mader zum Tod des Allgemeinarztes Hanno Grethe

„Unser größter Schatz waren unsere Patienten“, schreibt der leidenschaftliche Hausarzt Hanno Grethe im Rückblick auf „Tag 1 der neuen Zeitrechnung, den 2. Januar 1991“ (1). Die Mauer war gefallen. Und damit das vertraute Gesundheitssystem der DDR. Die  Patienten erschienen an diesem Tag „wie immer in gewohnten Scharen mit ihren kleinen und großen Wehwehchen“ in den Praxen. 

Mauerfall: Genügend Überlebenswille gefragt

Doch im neuen Getriebe der „freien Arztpraxis“ knirschte es gewaltig. Fehlende Abrechnungs- und Finanzkenntnisse. „Die Umstellung damals war ein großer Stress für alle Beteiligten. Zwei Kollegen im Kreis begingen Selbstmord.“ In diesen Stunden des Umbruchs war „genügend Überlebenswille“ gefragt. Der Physiker und Allgemeinarzt Grethe musste davon reichlich haben. Er war damals 60 Jahre alt.

Hanno Grethe, studierte Physik an der Berliner Humboldt-Universität, schloss 1955 mit einem Diplom in Biophysik ab und „studierte ab 1995 quasi nebenher Medizin“. Dieses Zweitstudium schloss er 1961 mit Staatsexamen und Promotion ab. 1965 unterzog er sich gemeinsam mit seiner Frau erfolgreich der Prüfung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Ab 1965-1990 leitete Grethe das Landambulatoriums Sehma im südlichen Teil des Erzgebirges. Ihm waren rund 100 Mitarbeiter in Kinderkrippen, Arztpraxen, Sozialstationen etc. untergeordnet

Nach dem Mauerfall führte Grethe zusammen mit seiner Frau eine eigene Praxis (1991-2013). Noch zu Zeiten der DDR hatte er zahlreiche Ärzte zu Fachärzten für Allgemeinmedizin weitergebildet, viele davon ließen sich später im engeren Umkreis nieder. Grethe war 1969 neben Prof. H. Knabe (Greifswald) Mitbegründer der Gesellschaft für Allgemeinmedizin (GAM) der DDR und Leiter der Sektion für Aus-, Fort- und Weiterbildung. Unter seiner Leitung wurden von 1972 bis 1978 an der Akademie für ärztliche Weiterbildung Standards für eine vier-bis fünfjährige allgemeinmedizinische Weiterbildung entwickelt. Diese „zehn Weiterbildungsabschnitte waren Weltniveau und wurden von vielen Ländern einschließlich der BRD neidvoll betrachtet“, vermerkte Grethe in einem Rückblick (2).

„Allgemeinmedizin als klinische Disziplin“

1980-1989 war Grethe Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Humboldt Universität. Es wurde ihm damals „klar, dass für die Eroberung der Universität habilitierte Allgemeinärzte nötig“ sind (2).In diese Zeit fällt die erste Auflage seines „Leitfadens der Allgemeinmedizin“ (3). Die zweite völlig neu bearbeitete und mehr als doppelt so umfangreiche Ausgabe „Allgemeinmedizin“  von 1990, ebenfalls von dem Autorenquartett Grethe, Große, Junghanns und Köhler (4), rückt weniger „die gesellschaftlichen Bedingungen in der DDR“ in den Vordergrund, sondern stellt die „Allgemeinmedizin als klinische Medizin“ dar. Das wird demonstriert am „typischen allgemeinmedizinischen Denken und Handeln des hausärztlichen Alltags“. Ein rundum gelunges Lehrbuch. 

Leider fiel das Buch den Verlagswirren der Wendezeit zum Opfer. Große Teile der Auflage wurden eingestampft. Ein ähnliches Schicksal betraf auch seine akademische Leistung: trotz fertiger, umfangreicher Habilitationsarbeit wurde er, der „politisch Unbelastete, quasi vergessen“.

2015 meldete sich Grethe ein letztes mal publizistisch zu Wort. Als Mitbegründer der „Freyburger Gruppe Senioren der Allgemeinmedizin“ stellten er und seine Kollegen“ zwölf Forderungen für die Zeit bis 2025″ für eine „Allgemeinmedizin im Umbruch“ auf (5). Gefordert wurden beispielsweise ein „obligatorischer, viermonatiger Abschnitt ‚Hausärztliche Betreuung‘ im Praktischen Jahr“, eine Entrümpelung des hausärztlichen Alltags, die Beachtung der „alltagstauglichen Behandlungsempfehlungen wie jene der DEGAM“ oder als Punkt 1: „Der Facharzt fü+r Allgemeinmedizin wird zum modernen Facharzt für Familienmedizin weiterentwickelt“. Im Frühjahr 2025 hatte die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) die „Fachdefinition Allgemeinmedizin und Familienmedizin“ geschaffen (6). Damit war ein wichtige Forderun zeitgerecht erfüllt. 

Im November 2025 starb Dipl. Phys. Dr.med. Hanno Grethe nach einem Leben voller Umbrüche. Das begann bereits als Abiturient, als er ein Musikstudium begann und wegen einer Handproblematik abbrechen musste. Seine Kollegen formulierten es so: „Für die Allgemeinmedizin brannte sein Herz. Als Person war er immer Ratgeber, Vordenker, Freund, dabei geradlinig strukturiert, visionär und blieb doch immer bodenständig und bescheiden.“  Grethe sagte einmal dem Verfasser dieser Zeilen: „Freude und Dankbarkeit. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Beides droht heute vergessen zu werden.“ Hanno Grethe wurde 93 Jahre alt. 

Im Bild: Dr. Ursula Grethe und Dr. Hanno Grethe ( Aufnahme von 1992)

Quellen:

(1) Grethe H (2011) Wiedervereinigung und Allgemeinmedizin. 20 Jahre danach. Der Allgemeinarzt. 1: 66-68
(2) Grethe H (ca. 2022) pers. Vermerk
(3) Grethe H, Große G, Junghanns G, Köhler Ch (1984) Leitfaden der Allgemeinmedizin. VEB Verlag Volk und Gesundheit. Berlin 
(4) Grethe H, Große G, Junghanns G, Köhler Ch (1990) Allgemeinmedizin. VEB Verlag Volk und Gesundheit. Berlin 
(5) Grethe H (2015) Allgemeinmedizin im Umbruch. In Zukunft Familienarzt. MMW Fortschr Med 21-22: 48
(6) DEGAM Fachdefinition Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Gesamtpräsidium. Frühjahr 2025

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