Allgemeinmedizin » Psyche und Nerven

»

Insomnie: Ursachen, Diagnostik und Therapie

Insomnie: Ursachen, Diagnostik und Therapie

Fachartikel

Allgemeinmedizin

Psyche und Nerven

5 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Insomnie zählt zu den häufigsten Schlafstörungen und ist durch Ein- und/oder Durchschlafstörungen sowie frühmorgendliches Erwachen mit resultierenden Beeinträchtigungen der Tagesbefindlichkeit gekennzeichnet. Mit einer Prävalenz von 6-10% in der Allgemeinbevölkerung und einem Geschlechterverhältnis von 2:1 (Frauen:Männer) stellt sie ein relevantes Gesundheitsproblem dar. Die Störung kann als eigenständiges Krankheitsbild oder als Symptom einer zugrundeliegenden Erkrankung auftreten.

Definition und Klassifikation

Nach ICD-10 ist Insomnie ein “Zustandsbild mit einer ungenügenden Dauer und Qualität des Schlafes, das über einen beträchtlichen Zeitraum besteht und Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen und frühmorgendliches Erwachen einschließt”. Das DSM-5 definiert die insomnische Störung durch Unzufriedenheit mit der Schlafqualität oder -quantität, die klinisch bedeutsames Leiden verursacht, mindestens dreimal wöchentlich über mindestens drei Monate auftritt und trotz ausreichender Schlafgelegenheit besteht. Die frühere Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Insomnie wurde im DSM-5 zugunsten eines dimensionalen Ansatzes aufgegeben, der Insomnie als eigenständige Störung betrachtet, die mit anderen Erkrankungen komorbid auftreten kann.

Ursachen und Risikofaktoren

Insomnische Symptome können durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Bei der primären Insomnie spielen psychophysiologische Faktoren wie Hyperarousal, konditionierte Schlafstörungen durch negative Assoziationen mit dem Schlafzimmer sowie kognitive Faktoren wie Grübeln über den Schlaf eine zentrale Rolle. Sekundäre Insomnien können durch Medikamente (Stimulanzien, Betablocker, Antidepressiva), Genussmittel (Koffein, Alkohol, Nikotin), körperliche Beschwerden oder organische Erkrankungen bedingt sein. Auch psychische Störungen wie Depressionen und Angsterkrankungen sowie Umweltfaktoren wie Lärm oder ungünstige Schlafbedingungen können Insomnie verursachen.

Zur Chronifizierung trägt wesentlich der Teufelskreis aus übermäßiger Sorge um den Schlaf, erhöhter Anspannung und Fixierung auf das Schlafproblem bei. Ungünstige Arbeitsplatzbedingungen, Schichtarbeit und inadäquate Schlafhygiene können die Problematik verstärken. Mit zunehmendem Alter kommt es zudem zu physiologischen Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, die das Risiko für Schlafstörungen erhöhen.

Diagnostik

Die Diagnostik der Insomnie basiert primär auf einer gründlichen Anamnese, die Informationen zu Art, Dauer und Häufigkeit der Schlafstörung, Schlafgewohnheiten, Medikamenten- und Substanzkonsum sowie psychosozialen Faktoren erfasst. Ein über ein bis zwei Wochen geführtes Schlaftagebuch liefert wichtige Informationen über Schlafzeiten, Einschlaflatenz und nächtliche Wachphasen. Standardisierte Fragebögen wie der Insomnie-Schweregrad-Index (ISI) oder der Pittsburgh-Schlafqualitäts-Index (PSQI) können zur Erfassung der Symptomschwere eingesetzt werden.

Die körperliche Untersuchung dient dem Ausschluss organischer Ursachen. Bei Verdacht auf andere Schlafstörungen oder komplexen Fällen können polysomnographische Untersuchungen im Schlaflabor, Aktigraphie oder weiterführende Diagnostik indiziert sein. Differentialdiagnostisch müssen andere primäre Schlafstörungen wie Schlafapnoe oder Restless-Legs-Syndrom sowie psychische und somatische Erkrankungen mit Auswirkungen auf den Schlaf berücksichtigt werden.

Therapie

Die Behandlung der Insomnie sollte multimodal erfolgen und sich an den individuellen Bedürfnissen der Patienten orientieren. Als Therapie der ersten Wahl gilt die Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I), die verschiedene Komponenten umfasst: Schlafhygiene (regelmäßige Schlafzeiten, Vermeidung von Stimulanzien), Stimuluskontrolle (Bett nur zum Schlafen nutzen), Schlafrestriktion (Begrenzung der im Bett verbrachten Zeit), kognitive Therapie (Modifikation dysfunktionaler Gedanken über Schlaf) und Entspannungsverfahren. Die KVT-I hat sich in zahlreichen Studien als wirksam erwiesen und zeigt langfristige Effekte, die über die Behandlungsdauer hinaus anhalten.

Die medikamentöse Therapie sollte in der Regel nur kurzzeitig und ergänzend zur nicht-medikamentösen Behandlung eingesetzt werden. Benzodiazepine und Z-Substanzen sollten aufgrund ihres Abhängigkeitspotenzials nur bei akuter Insomnie und für einen begrenzten Zeitraum (2-4 Wochen) verordnet werden. Alternativen sind niedrig dosierte sedierende Antidepressiva (besonders bei komorbider Depression), Melatonin und Melatonin-Rezeptor-Agonisten (besonders bei Einschlafstörungen) sowie neuere Orexin-Rezeptor-Antagonisten mit geringerem Abhängigkeitspotenzial. Auch Phytotherapeutika wie Baldrian oder Hopfen können bei leichteren Formen der Insomnie eingesetzt werden, wobei die Evidenz für ihre Wirksamkeit begrenzt ist.

Bei sekundärer Insomnie steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund, sei es die Therapie psychischer oder somatischer Erkrankungen, die Anpassung der Medikation oder die Behandlung anderer Schlafstörungen.

Prognose und Verlauf

Unbehandelt neigt die Insomnie zur Chronifizierung. Bei adäquater Therapie, insbesondere mit KVT-I, können jedoch gute Erfolge erzielt werden. Die Prognose hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter Dauer und Schwere der Insomnie, Komorbiditäten und Therapieadhärenz. Langfristig kann eine unbehandelte chronische Insomnie zu erhöhtem Risiko für psychische Erkrankungen, kardiovaskuläre Erkrankungen, Immunschwäche und Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungsfähigkeit führen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung ist daher entscheidend, um Chronifizierung und Folgeerkrankungen zu vermeiden.

Quellen:

Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). S3-Leitlinie – Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. Kapitel „Insomnie bei Erwachsenen”. AWMF-Leitlinie Nr. 063-003, Stand 2017 (abgelaufen).

American Psychiatric Association. Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5®. Deutsche Ausgabe herausgegeben von Falkai P und Wittchen HU. Göttingen: Hogrefe 2018.

Schlack R, Hapke U, Maske U et al. Häufigkeit und Verteilung von Schlafproblemen und Insomnie in der deutschen Erwachsenenbevölkerung. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2013; 5: 740–8.

Winkelman JW, et al. CLINICAL PRACTICE. Insomnia Disorder. N Engl J Med. 2015 Oct 8;373(15):1437-44.

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Insomnie bei Erwachsenen. DEGAM-Anwenderversion zur S3-Leitlinie „Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen”. AWMF-Leitlinie Nr. 063-003, Stand 2017 (abgelaufen).

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Insomnie bei neurologischen Erkrankungen. AWMF-Leitlinie Nr. 030-045. S2k, Stand 2020.

Riemann D, Baglioni C, Bassetti C, et al. European guideline for the diagnosis and treatment of insomnia. J Sleep Res. 2017;26(6):675-700.

Morin CM, Benca R. Chronic insomnia. Lancet. 2012;379(9821):1129-1141.

Spiegelhalder K, Regen W, Nissen C, et al. Behandlung von Insomnien. Nervenarzt. 2017;88(1):22-33.

Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): ICD-10-GM Version 2023. Stand 06.12.2022.

Bildquelle:© Marco – stock.adobe.com

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Auf dem Bild sitzt eine junge schwangere Frau auf einem Sessel neben einem Arzt, der ihr gerade Blut abnehmen möchte.

Schilddrüsenfunktion und -hormonsubstitution rund um die Schwangerschaft

Fachartikel

In der Schwangerschaft steigt der Schilddrüsenhormonbedarf deutlich. In diesem Artikel soll ein leitlinienorientierter Überblick entsprechend der neuen ATA-Guideline zur Interpretation der Schilddrüsenhormonwerte und Therapie gegeben werden.

Allgemeinmedizin

Stoffwechsel und Hormone

Beitrag lesen
Das Wort Lupus ist auf Holzblöcken zu sehen, daneben liegt ein Stethoskop und 2 Ampullen dahinter, hinten im Hintergrund sieht man unscharf eine Person an einer Tastatur sitzen.

Geschlechtersensible Medizin beim SLE

Fachartikel

Der systemische Lupus erythematodes (SLE) tritt zwar bei Frauen häufiger auf, doch Männer weisen dafür mehr schwere Organbeteiligung auf. Da SLE bei Männern und Frauen unterschiedlich verläuft, bedarf es einer gezielten Versorgung, die die Langzeitprognose aller Betroffenen entscheidend verbessern kann.

Allgemeinmedizin

Sonstiges

Beitrag lesen
© Pormezz - stock.adobe.com

DIE ZAHL

News

68% –so hoch ist der Anteil der Verbraucher, die imJahr 2025 bei einer Umfrage angaben, Alkohol zu konsumieren. Im Jahr 2015 lag dieser Anteil noch bei 78%. Demnach trinken Deutsche immer weniger Alkohol.

Allgemeinmedizin

Sonstiges

Beitrag lesen