Allgemeinmedizin » Sonstiges

»

Marfan-Syndrom: Wenn das Bindegewebe zur Herausforderung wird

© LemonellArt-stock.adobe.com

Marfan-Syndrom: Wenn das Bindegewebe zur Herausforderung wird

Fachbeitrag

Allgemeinmedizin

Sonstiges

4 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Das Marfan-Syndrom ist eine seltene genetische Erkrankung, die das Bindegewebe betrifft und durch Mutationen im FBN1-Gen verursacht wird. Mit einer Prävalenz von 1-2 Fällen pro 10.000 Menschen zählt sie zu den selteneren Erkrankungen, die jedoch aufgrund ihrer potenziell lebensbedrohlichen Komplikationen besondere Aufmerksamkeit verdient.

Die genetische Grundlage – Ein folgenschwerer Defekt

Das FBN1-Gen auf Chromosom 15 kodiert für das Protein Fibrillin-1, einen essenziellen Bestandteil der Mikrofibrillen im Bindegewebe. Bisher wurden über 500 verschiedene Mutationen identifiziert, die zum klinischen Bild des Marfan-Syndroms führen können. Die Erkrankung folgt einem autosomal-dominanten Erbgang, wobei etwa 75% der Fälle familiär bedingt sind und die übrigen 25% auf Neumutationen zurückzuführen sind. Die Vererbungswahrscheinlichkeit für Betroffene liegt bei 50% pro Kind.

Vielfältige Symptome – Ein Syndrom mit vielen Gesichtern

Die klinischen Manifestationen des Marfan-Syndroms betreffen verschiedene Organsysteme und variieren stark in ihrer Ausprägung. Charakteristisch sind ein überdurchschnittliches Längenwachstum mit auffällig langen Extremitäten, überdehnbare Gelenke und Skelettdeformitäten wie Skoliose, Trichterbrust oder Kielbrust. Das positive Handgelenkszeichen (Murdoch-Zeichen), bei dem die Betroffenen ihr Handgelenk umfassen können, wobei sich Daumen und kleiner Finger überlappen, ist ein typisches Merkmal.

Im Bereich der Augen kommt es häufig zu Linsenluxationen, ausgeprägter Kurzsichtigkeit und einem erhöhten Risiko für Netzhautablösungen. Die gefährlichsten Komplikationen betreffen jedoch das Herz-Kreislauf-System: Dilatationen der Aortenwurzel können unbehandelt zu lebensbedrohlichen Aortendissektionen führen. Auch Mitralklappenprolaps und -insuffizienz sind häufige Begleiterscheinungen.

Diagnose – Eine komplexe Detektivarbeit

Die Diagnose des Marfan-Syndroms basiert auf den revidierten Gent-Kriterien von 2010, die klinische, genetische und familiäre Parameter berücksichtigen. Die Hauptkriterien sind Aortenbeteiligung und Linsenluxation. Ein ausgeklügeltes Punktesystem für systemische Manifestationen hilft bei der Diagnosestellung. Die molekulargenetische Untersuchung des FBN1-Gens ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik, insbesondere bei atypischen Fällen oder zur Abgrenzung von ähnlichen Bindegewebserkrankungen.

Therapie – Ein multidisziplinärer Ansatz

Das Marfan-Syndrom ist nicht heilbar, aber durch ein umfassendes Behandlungskonzept können Komplikationen minimiert und die Lebensqualität verbessert werden. Die medikamentöse Therapie mit Beta-Blockern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern zielt darauf ab, den hämodynamischen Stress auf die Aortenwand zu reduzieren und das Fortschreiten der Aortendilatation zu verlangsamen.

Bei fortgeschrittener Aortendilatation (Durchmesser >5,0 cm) oder schneller Progression ist ein prophylaktischer chirurgischer Ersatz der Aortenwurzel indiziert. Moderne klappenerhaltende Operationstechniken ermöglichen dabei oft den Erhalt der nativen Aortenklappe. Auch Mitralklappenreparaturen und Korrekturen von Skelettdeformitäten gehören zum chirurgischen Spektrum.

Die regelmäßige Überwachung durch erfahrene Kardiologen, Augenärzte und Orthopäden ist essentiell. Bildgebende Verfahren wie Echokardiographie, CT oder MRT helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu intervenieren.

Leben mit Marfan – Anpassung und Perspektiven

Menschen mit Marfan-Syndrom müssen ihren Lebensstil anpassen. Kontaktsportarten und intensive isometrische Übungen sollten vermieden werden, während moderates Ausdauertraining empfohlen wird. Mit der richtigen Betreuung und Therapie hat sich die Prognose in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Während die mittlere Lebenserwartung früher bei etwa 40-45 Jahren lag, nähert sie sich heute bei adäquater Behandlung der Normalbevölkerung an.

Die Forschung arbeitet kontinuierlich an neuen Therapieansätzen, darunter verbesserte TGF-β-Signalweg-Modulatoren, gentherapeutische Verfahren und personalisierte Behandlungskonzepte. Die frühzeitige Diagnose und Einbindung in spezialisierte Marfan-Zentren mit multidisziplinärer Betreuung bleiben jedoch der Schlüssel für eine günstige Langzeitprognose und ein erfülltes Leben trotz dieser genetischen Herausforderung.

Quellenverzeichnis

1. Loeys BL, Dietz HC, Braverman AC, et al. The revised Ghent nosology for the Marfan syndrome. J Med Genet. 2010;47(7):476-485.
2. Dietz HC. Marfan Syndrome. In: Adam MP, Ardinger HH, Pagon RA, et al., eds. GeneReviews®. Seattle (WA): University of Washington; 2001 (Updated 2017).
3. Arslan-Kirchner M, von Kodolitsch Y, Schmidtke J. Genetische Diagnostik beim Marfan-Syndrom und verwandten Erkrankungen. Dtsch Arztebl. 2008;105(27):483-491.
4. Yildiz M, Matyas G, Wustmann K, et al. Interdisziplinäre Betreuung von Menschen mit Marfan-Syndrom – Pharmakologie, Schwangerschaft, Auge, Skelett und organisatorische Aspekte. Z Herz- Thorax- Gefäßchir. 2021;35:232-241.
5. von Kodolitsch Y, De Backer J, Schüler H, et al. Perspectives on the revised Ghent criteria for the diagnosis of Marfan syndrome. Appl Clin Genet. 2015;8:137-155.
6. Attenhofer Jost CH, Greutmann M, Connolly HM.

Bildquelle:© LemonellArt – stock.adobe.com

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Verkehrsschild mit Tempo 30 Lärmschutz an befahrener Straße in einem Wohngebiet

Lärmbelastung durch den Verkehr als kardiovaskulärer Risikofaktor

Fachbeitrag

Lärmbelastung durch Auto-, Schienen- und Flugverkehr ist ein Umweltfaktor mit kardiovaskulärer Relevanz. Insbesondere eine nächtliche Exposition fördert unter anderem durch Schlafstörungen und wiederholte Stressreaktionen die Entstehung vaskulärer und metabolischer Erkrankungen. Mehr zum kostenpflichten Artikel (inkludiert im Abo der internistischen praxis)

Allgemeinmedizin

Sonstiges

Beitrag lesen
Symbolbild für Diversität

Diversitätsmedizin„Willst du mich behandeln, musst du wissen, wer ich bin“

Fachbeitrag

Im Praxisalltag können verschieden Aspekte von Diversität unbewusst Einfluss auf die Behandlung haben. Wichtig ist, den Kontext, in dem eine medizinische Situation entstanden ist, zu verstehen und für die Therapie zu berücksichtigen. Dabei kann das Rad der Sichtbarkeit als neues wissenschaftliches Instrument zur Berücksichtigung von Diversitätsmerkmalen unterstützen.

Allgemeinmedizin

CME

Beitrag lesen
Knochenmarkuntersuchung mit mikroskopischem Bild eines schwelenden oder frühen multiplen Myeloms.

Wann ist eine Therapie beim Smoldering Myelom sinnvoll?

Fachbeitrag

Beim Smoldering Myelom rücken Indikationsstellung, Risikostratifizierung und der potenzielle Nutzen einer frühzeitigen Therapie zunehmend in den Fokus. Es wird der aktuelle Kenntnisstand zum Smoldering Myelom zusammengefasst und die potenziellen Therapieoptionen dargestellt.

Allgemeinmedizin

Onkologie

Beitrag lesen