Ein unerfüllter Kinderwunsch bei Menschen mit Diabetes sollte Anlass für eine strukturierte Ursachenabklärung sein. Eine stabile Stoffwechsellage, die Behandlung von Adipositas und die sorgfältige Prüfung laufender Medikamente stehen vor einer vorschnellen Hormontherapie.
Diabetes mellitus kann die Fruchtbarkeit und Zeugungsfähigkeit von Frauen und Männern beeinträchtigen. Dabei sind die Mechanismen unterschiedlich: Bei Männern mit Typ-2-Diabetes stehen häufig Insulinresistenz und Adipositas im Zusammenhang mit einem funktionellen Testosteronmangel; bei Frauen können Zyklusstörungen, ein ausbleibender Eisprung oder eine vorzeitige Menopause auftreten. Für Behandelnde ist deshalb entscheidend, den Kinderwunsch frühzeitig anzusprechen und die Diabetes-, Gewichts- und Begleiterkrankungssituation gemeinsam mit der reproduktionsmedizinischen Fragestellung zu betrachten.
Kinderwunsch frühzeitig in die Diabetestherapie integrieren
Nach Einschätzung der Deutschen Diabetes Gesellschaft sollte zunächst geklärt werden, welcher Diabetes-Typ vorliegt, wie die Glukoseeinstellung und das Körpergewicht sind und ob diabetesassoziierte Gefäß- oder Nervenschäden beziehungsweise weitere Begleiterkrankungen eine Rolle spielen. Eine gute Glukoseeinstellung, mehr Bewegung und ein Rauchstopp können die Voraussetzungen für eine Schwangerschaft verbessern. Bei Adipositas kann eine Gewichtsabnahme sowohl bei Männern als auch bei Frauen günstig auf die reproduktive Funktion wirken.
Für Frauen mit Typ-1-Diabetes steht vor einer Schwangerschaft insbesondere eine möglichst optimale Glukoseeinstellung im Mittelpunkt. Zudem sollten Folgeerkrankungen früh erkannt und behandelt werden. Bei Typ-2-Diabetes können Insulinresistenz, Adipositas und das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS, früher PCOS) zu Zyklus- und Ovulationsstörungen beitragen.
Funktioneller Testosteronmangel bei Männern
Bei 25 bis 40 Prozent der Männer mit Typ-2-Diabetes werden laut DDG-Pressemitteilung niedrige Testosteronwerte beobachtet. Häufig liegt ein funktioneller, durch Stoffwechselbelastungen bedingter Testosteronmangel vor: Die hormonelle Steuerung ist beeinträchtigt, ohne dass Hoden oder Hirnanhangdrüse zwingend dauerhaft geschädigt sein müssen. Die in der Pressemitteilung genannte Übersichtsarbeit zu „Diabesity“ beschreibt Adipositas als wichtigen Faktor der Insulinresistenz und des funktionellen Hypogonadismus.
Ein niedriger Testosteronwert allein ist daher keine ausreichende Begründung für eine Testosterontherapie, wenn ein Kinderwunsch besteht. Von außen zugeführtes Testosteron kann die hypothalamisch-hypophysär-gonadale Achse unterdrücken und dadurch die Spermienbildung weiter beeinträchtigen. Auch die in der Pressemitteilung genannte Übersichtsarbeit zum Testosteronmissbrauch weist auf mögliche Azoospermie, eine verzögerte oder unvollständige Erholung nach Absetzen sowie die Notwendigkeit einer andrologischen Diagnostik hin. Eine Hormontherapie sollte deshalb nicht als Fruchtbarkeitsbehandlung missverstanden werden.
Medikamentencheck vor der geplanten Schwangerschaft
Bei Frauen mit Typ-2-Diabetes oder Adipositas können GLP-1-Rezeptoragonisten und verwandte Substanzen nach den Angaben der DDG-Pressemitteilung über Gewichts- und Stoffwechseleffekte die Voraussetzungen für eine Schwangerschaft verbessern. Für eine Anwendung während der Schwangerschaft liegen nach dieser Mitteilung jedoch keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor. Die DDG rät, GLP-1-Rezeptoragonisten oder Tirzepatid vor einer geplanten Schwangerschaft entsprechend der jeweiligen Fachinformation rechtzeitig abzusetzen; genannt werden mindestens zwei Monate.
Die gesamte Medikation sollte gemeinsam mit den Betroffenen überprüft und nicht eigenständig abgesetzt oder umgestellt werden. Die in der Pressemitteilung genannte Übersichtsarbeit zur Präkonzeption fasst als wiederkehrende Kernelemente internationaler Leitlinien eine gute präkonzeptionelle Glukosekontrolle, die Überwachung des HbA1c-Werts und eine angemessene Verhütung bis zum Erreichen der Stoffwechselziele zusammen. Die Publikation ist älter und ersetzt keine aktuelle deutsche Fachinformation oder Leitlinie, stützt aber die Bedeutung einer geplanten Präkonzeption.
Interdisziplinäres Vorgehen
Die weitere Abklärung richtet sich nach der vermuteten Ursache. Bei Frauen können Zyklus- und Eisprungdiagnostik, die Behandlung einer Insulinresistenz oder eines PMOS sowie reproduktionsmedizinische Verfahren erforderlich sein. Bei Männern kommen Hormonmessungen, ein Spermiogramm und je nach Befund andrologische Verfahren infrage. Die DDG empfiehlt eine enge Abstimmung zwischen Diabetologie, Gynäkologie beziehungsweise Andrologie und Reproduktionsmedizin.
Praxispunkt: Kinderwunsch sollte bereits bei der Auswahl und langfristigen Planung der Diabetestherapie berücksichtigt werden. Das gilt auch dann, wenn eine Schwangerschaft erst zu einem späteren Zeitpunkt geplant ist.
Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vom 12.08.2026: Hormonbehandlung ist nicht immer sinnvoll und muss zur Familienplanung passen
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