Diabetologie » Typ-1-Diabetes

»

Ergebnisse der MELD-ATG-Studie: Niedrig dosiertes ATG als progressionshemmende Therapie bei Typ-1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter

Ergebnisse der MELD-ATG-Studie: Niedrig dosiertes ATG als progressionshemmende Therapie bei Typ-1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter

News

Diabetologie

Typ-1-Diabetes

4 MIN

Erschienen in: diabetes heute

Auf dem EASD 2025 vorgestellte MELD-ATG-Studie zeigt: Das altbekannte Immuntherapeutikum Anti-Thymozyten-Globulin (ATG) kann in deutlich niedrigerer Dosierung als bisher angenommen das Fortschreiten von Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen sicher und wirksam verlangsamen. Was bedeutet das für die Praxis?

Typ-1-Diabetes (T1D) ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die weltweit etwa 9,5 Millionen Menschen betrifft – darunter zunehmend auch Kinder und Jugendliche. Die Inzidenz bei jungen Patient*innen steigt seit Jahren kontinuierlich um mehr als 2 % pro Jahr. Trotz intensiver Insulintherapie und moderner Technologien bleibt die Zerstörung der insulinproduzierenden Betazellen das zentrale Problem, das langfristige Komplikationen und eine erhebliche Krankheitslast verursacht.

In den letzten Jahren hat sich der Fokus der Forschung zunehmend auf krankheitsmodifizierende Therapien verschoben, die das Fortschreiten der Autoimmunreaktion und damit den Verlust der Restfunktion der Betazellen aufhalten oder zumindest verlangsamen sollen. Ein vielversprechender Ansatz ist der Einsatz von Immunmodulatoren wie Anti-Thymozyten-Globulin (ATG), das seit Jahrzehnten in der Transplantationsmedizin etabliert ist.

Studiendesign: Die MELD-ATG-Studie

Die MELD-ATG-Studie (Modulating Early Loss of beta-cell function with ATG in Diabetes) untersuchte, ob eine niedrige Dosis von ATG (0,5 mg/kg) bei Kindern und Jugendlichen mit neu diagnostiziertem T1D sicher und wirksam das Fortschreiten der Erkrankung verhindern kann. Die randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie wurde an 14 Zentren in acht europäischen Ländern durchgeführt und schloss 114 Teilnehmende im Alter von 5 bis 25 Jahren ein, deren Diagnose zwischen 3 und 9 Wochen zurücklag und die mindestens einen diabetesassoziierten Autoantikörper aufwiesen.

Die Teilnehmenden wurden nach einem adaptiven Studiendesign entweder mit Placebo, 0,5 mg/kg oder 2,5 mg/kg ATG behandelt. Die Infusion erfolgte intravenös an zwei aufeinanderfolgenden Tagen (bei 0,5 mg/kg war nur eine Infusion nötig). Der primäre Endpunkt war die Erhaltung der Betazellfunktion, gemessen am C-Peptid-Spiegel während eines standardisierten Mischmahlzeit-Toleranztests nach 12 Monaten (AUC).

Ergebnisse

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Wirksamkeit: Sowohl die niedrige (0,5 mg/kg) als auch die höhere Dosis (2,5 mg/kg) ATG konnten das Fortschreiten des T1D im Vergleich zu Placebo signifikant verlangsamen. Die Erhaltung der Betazellfunktion (C-Peptid-AUC) nach 12 Monaten war in beiden ATG-Gruppen vergleichbar und deutlich besser als unter Placebo.
  • Sicherheit: Die niedrige Dosis zeigte ein deutlich günstigeres Nebenwirkungsprofil. Während unter 2,5 mg/kg ATG Nebenwirkungen wie Zytokinfreisetzungssyndrom (33 %) und Serumkrankheit (82 %) relativ häufig auftraten, waren diese unter 0,5 mg/kg deutlich seltener (24 % bzw. 32 %). In der Placebogruppe wurden diese Nebenwirkungen nicht beobachtet.
  • Praktische Vorteile: Die einmalige Infusion der niedrigen Dosis ist logistisch einfacher und für Patient*innen weniger belastend als die zweitägige Therapie mit der höheren Dosis. Zudem ist ATG weltweit verfügbar und vergleichsweise kostengünstig.

Bedeutung für die klinische Praxis

Die Ergebnisse der MELD-ATG-Studie markieren einen bedeutenden Fortschritt in der Frühtherapie des Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen:

  • Krankheitsmodifizierende Therapie: Erstmals steht eine etablierte, bezahlbare Immuntherapie zur Verfügung, die das Fortschreiten der Erkrankung nachweislich verlangsamen kann.
  • Sicheres Nebenwirkungsprofil: Die niedrige Dosierung von 0,5 mg/kg bietet ein günstiges Verhältnis von Wirksamkeit und Sicherheit – insbesondere für die jüngsten Patient*innen, die bislang von immunmodulatorischen Studien oft ausgeschlossen waren.
  • Neue Therapieoption: Die Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, immunmodulatorische Therapien gezielt bei Kindern und Jugendlichen zu untersuchen und nicht nur auf Erwachsene zu fokussieren.

Ausblick

Die Autorinnen und Autoren der Studie empfehlen, die niedrige Dosis von ATG (0,5 mg/kg) als neue Standardoption für die Immunmodulation bei neu diagnostiziertem T1D im Kindes- und Jugendalter zu prüfen. Das adaptive Studiendesign der MELD-ATG-Studie könnte zudem als Blaupause für die Entwicklung und Erprobung weiterer innovativer Therapien dienen – nicht nur bei T1D, sondern auch in anderen autoimmunen Krankheitsbildern.

Fazit

Die MELD-ATG-Studie zeigt eindrucksvoll, dass niedrig dosiertes ATG eine sichere, effektive und praktikable Option zur Verzögerung des Betazellverlusts bei jungen PatientInnen mit Typ-1-Diabetes darstellt. Damit rückt erstmals eine krankheitsmodifizierende Therapie für Kinder und Jugendliche in greifbare Nähe.

Weitere Beiträge zu diesem Thema

T1D-Screening: Früherkennung mit Augenmaß oder vorschneller Schritt?

Fachartikel

Sollte Typ-1-Diabetes künftig bevölkerungsweit gescreent werden? Im Interview diskutieren Prof. Dr. Olga Kordonouri und Dr. Karl Horvath Chancen und Grenzen der Früherkennung. Im Fokus stehen vermeidbare Ketoazidosen, mögliche Belastungen für Familien, fehlende Evidenz aus RCTs und die Frage, unter welchen Bedingungen ein T1D-Screening verantwortungsvoll eingeführt werden kann.

Diabetologie

Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Beitrag lesen

Semaglutid bei Frauen in der Menopause: Neue Daten zu Gewicht, Herz und Migräne

Pharmaservice

Beim ECO 2026 in Istanbul wurden neue Auswertungen zu Semaglutid bei Frauen mit Adipositas in der Peri- und Postmenopause präsentiert. Post-hoc-Analysen aus STEP-UP und SELECT zeigen konsistente Gewichtsreduktionen von bis zu 22,6 % sowie eine MACE-Risikosenkung – ergänzt durch Real-World-Daten zu 42–45 % weniger Migräne und 25 % weniger Depression.

Diabetologie

Komorbiditäten von Diabetes

Beitrag lesen
Ein Mann mit Anzug sitzt vor einem geöffneten Laptop, in der Luft steht USECASE und darum sind verschiedene Tech-Symbole angeordnet.

Prädiabetes frühzeitig erkennen – KI als Werkzeug der betrieblichen Prävention

Berufspolitik

Viele Menschen mit Prädiabetes werden zu spät erkannt – oft erst, wenn der Diabetes bereits manifest ist. Ein neuer Forschungsansatz aus der Arbeitsmedizin setzt früher an: KI-Modelle sollen Risikofaktoren bereits im Betrieb sichtbar machen. Für Diabetologinnen und Diabetologen könnte das die Zuweisung in die Fachversorgung grundlegend verändern.

Diabetologie

Sonstiges

Beitrag lesen