Ein ERC Starting Grant ermöglicht am Deutschen Diabetes-Zentrum die systematische Untersuchung von Myokinen. Das Forschungsprojekt MYOSCAN soll klären, wie Bewegung und altersbedingter Muskelverlust die Kommunikation zwischen Muskulatur, Stoffwechsel und Tumorgewebe beeinflussen.
Die Skelettmuskulatur ist nicht nur für Bewegung und Kraft entscheidend, sondern spielt auch eine zentrale Rolle im Glukosestoffwechsel. Über sogenannte Myokine kommuniziert sie mit anderen Organen und kann dadurch Stoffwechselprozesse sowie weitere körperliche Funktionen beeinflussen. Das Deutsche Diabetes-Zentrum (DDZ) untersucht nun, wie sich diese Kommunikation durch körperliche Aktivität und altersbedingten Muskelverlust verändert – und ob daraus Hinweise auf Zusammenhänge mit der Krebsentstehung entstehen.
Für Behandelnde ist die Fragestellung vor allem vor dem Hintergrund relevant, dass Typ-2-Diabetes, Insulinresistenz, Sarkopenie und Krebs im höheren Lebensalter häufig in einem komplexen Zusammenhang auftreten. Die klinische Bedeutung der zugrunde liegenden molekularen Mechanismen ist bislang jedoch nicht ausreichend geklärt.
Forschungsprojekt MYOSCAN untersucht Myokine der Skelettmuskulatur
Melanie Mittenbühler, Leiterin der Nachwuchsforschungsgruppe Crosstalk am DDZ, erhält für das auf fünf Jahre angelegte Projekt MYOSCAN einen ERC Starting Grant in Höhe von 1,7 Millionen Euro. Der Europäische Forschungsrat zählt die Förderung zu den bedeutendsten und wettbewerbsintensivsten Programmen für exzellente Nachwuchsforschung in Europa. Nach Angaben des DDZ hatten sich 4.807 Forschende für diese Förderperiode beworben; etwa jede elfte Antragstellung wurde bewilligt. Mit der Förderung soll die Forschungsgruppe um drei Mitarbeitende erweitert werden.
Im Zentrum steht die Frage, welche Myokine die Skelettmuskulatur abhängig von Bewegung und altersbedingtem Muskelverlust freisetzt. Dafür analysiert das Team extrazelluläre Flüssigkeiten aus der Muskulatur. Auf diese Weise sollen Proteine identifiziert werden, die von trainierter und damit gesunder Muskulatur sowie von altersbedingt geschwächter Muskulatur abgegeben werden.
Mögliche Verbindung zwischen Muskelverlust, Entzündung und Krebs
Nach Angaben des DDZ kann Bewegung die Freisetzung von Botenstoffen verändern und dadurch zu gesundheitlichen Effekten beitragen. Bei zunehmendem Muskelabbau könnte sich die Kommunikation der Muskulatur dagegen verändern. Als mögliche Folge wird eine vermehrte Freisetzung von Botenstoffen vermutet, die chronische Entzündungsprozesse fördern und möglicherweise auch die Entstehung von Krebs begünstigen.
Das Projekt soll insbesondere Myokine identifizieren, die das Wachstum von Tumoren fördern oder ihm entgegenwirken. Während bekannt ist, dass Krebserkrankungen zu Muskelschwund beziehungsweise Kachexie führen können, ist bislang offen, ob und über welche molekularen Mechanismen eine geschwächte Muskulatur umgekehrt zur Krebsentstehung beitragen könnte. MYOSCAN befindet sich damit im Bereich der Grundlagenforschung; belastbare Aussagen für individuelle Krebsrisiken oder konkrete therapeutische Maßnahmen lassen sich aus dem Projekt derzeit nicht ableiten.
Relevanz für Diabetes und den Einsatz von GLP-1-Präparaten
Die Skelettmuskulatur übernimmt eine Schlüsselrolle im Glukosestoffwechsel. Erkenntnisse über die Kommunikation zwischen Muskelzellen und anderen Organen könnten daher langfristig neue Ansatzpunkte für die Prävention und Behandlung von Diabetes sowie weiterer altersassoziierter Erkrankungen liefern.
Als ein zusätzliches Forschungsfeld nennt das DDZ mögliche Bezüge zu GLP-1-Präparaten zur Gewichtsreduktion. Diese verbessern den Blutglukosestoffwechsel, gehen nach Angaben der Pressemitteilung jedoch häufig auch mit Muskelabbau einher. Besonders bei älteren Menschen könnte ein solcher Verlust an Muskelmasse schwer rückgängig zu machen sein. Ob eine Kombination aus medikamentenassoziiertem Muskelabbau und Sarkopenie das Krebsrisiko zusätzlich erhöht, ist ausdrücklich noch unbekannt.
Redaktionelle Einordnung
Für die diabetologische Praxis unterstreicht das Forschungsprojekt die Bedeutung der Muskulatur als metabolisch aktives Organ und die Notwendigkeit, Muskelmasse und Muskelkraft bei älteren Menschen mit Diabetes mitzudenken. Die Pressemitteilung beschreibt jedoch ein laufendes Grundlagenforschungsprojekt. Ein zusätzlicher Zusammenhang zwischen Muskelabbau und Krebsrisiko ist bislang nicht belegt und sollte daher nicht als gesicherte klinische Schlussfolgerung kommuniziert werden.
Quelle: Pressemitteilung des Deutschen Diabetes Zentrums (DDZ) vom 03.09.2026: ERC Starting Grant für DDZ-Forscherin: Wie Muskeln Stoffwechsel und Krebs beeinflussen





