Diabetologie » Diabetestechnologie

»

Projekt HIS4DiaPedes zur besseren Versorgung des Diabetischen Fußsyndroms

Jan Finke, Prof. Dr.-Ing. Martin Kohlhase und Prof. Dr. med. Rena Isabel Amelung mit dem neuen Prototypen

Projekt HIS4DiaPedes zur besseren Versorgung des Diabetischen Fußsyndroms

Fachartikel

Diabetologie

Diabetestechnologie

5 MIN

Erschienen in: diabetes heute

Eine mit Sensoren ausgestattete Orthese, sprachgesteuerte Smart Devices und eine IT-Plattform für die Behandelnden – diese Zutaten sollen Pflege und Behandlung von Patientinnen und Patienten mit diabetischem Fußsyndrom verbessern. Im Projekt HIS4DiaPedes kooperieren Forschende der Hochschule Bielefeld (HSBI) aus dem Ingenieurwesen und der Gesundheitswissenschaft. Ziele sind unter anderem die Stärkung des Selbstmanagements der Betroffenen und die Bereitstellung von hilfreichen Gesundheitsdaten für die behandelnden Berufsgruppen. 

Das Fußsyndrom ist eine der häufigsten Komplikationen bei Diabetes, die intensiv von Fachleuten aus den Bereichen Diabetologie, Inneren Medizin, Gefäßchirurgie, Ernährung, Wundpflege, Physiotherapie und auch von Orthopädischen Schuhmacherinnen und Schuhmachern betreut werden muss. „Diabetes ist mit rund sieben Millionen Betroffenen in Deutschland eine Volkskrankheit“, erklärt Prof. Dr. med. Rena Isabel Amelung vom Fachbereich Gesundheit der Hochschule Bielefeld (HSBI) und stellvertretende Leiterin
von HIS4DiaPedes. Das Projekt entwickelt zurzeit unter anderem eine Interaktionslösung auf einer IT-Plattform, um einen besseren Austausch aller Berufsgruppen, die mit dem diabetischen Fußsyndrom befasst sind, zu ermöglichen. 

Telemedizin nutzen für schnellere Reaktion bei Problemen 

„Ein jahrelang erhöhter Blutzucker schädigt die Blutgefäße und die Nervenbahnen im gesamten Körper – vor allem in den Füßen“, erläutert Amelung. „Wunden werden dort werden daher unter Umständen nicht frühzeitig behandelt und heilen nicht, sondern vergrößern sich sogar. Sie können zusätzlich durch Keime infiziert sein. Im allerschlimmsten Fall müssen Teile oder sogar der ganze Fuß amputiert werden.“ Das Projekt will einen Beitrag dafür leisten, dass es soweit gar nicht erst kommt. Dabei sollen neben der IT-Plattform eine intelligente Orthese, die bereits als Prototyp vorliegt, und der Einsatz von smarten Technologien helfen, eine engmaschige Monitoring des Gesundheitszustandes der Patienten und mehr Selbstmanagement zu ermöglichen.

Erkennung von Druck und Körpergewichtsverteilung

„Während der Corona-Pandemie haben wir gesehen, wie wertvoll eine funktionierende kontaktlose Versorgung sein kann“, unterstreicht Projektleiter Prof. Dr.-Ing. Martin Kohlhase, der sein ingenieurwissenschaftliches Know-how einbringt. „Aber auch abgesehen von der Situation in der Pandemie – wenn wir an die mittlerweile ausgedünnte medizinische Versorgungssituation im ländlichen Raum denken, dann kommen dem Selbstmanagement der Patientinnen und Patienten sowie der Telemedizin künftig eine erhöhte Bedeutung zu. Was das Diabetische Fußsyndrom betrifft, so sind die Betroffenen oft in ihrer Mobilität eingeschränkt und können häufig nicht so schnell, wie es nötig wäre, eine Facharztpraxis aufsuchen und ihre Wunde fachgerecht versorgen lassen. Hier kommen wir ins Spiel“.

Die "smarte Orthese" erkennt unter anderem, ob die Orthese drückt oder ob sich der Druck des Körpergewichts gut verteilt.
Die “smarte Orthese” erkennt unter anderem, ob die Orthese drückt oder ob sich der Druck des Körpergewichts gut verteilt. © S. Jonek/HSBI

Frisch am Fuß operierte Diabetes-Betroffene werden meist mit einer Orthese ausgestattet. Das interdisziplinäre HSBI-Team hat dieses Medizinprodukt nun mit Sensoren ausgestattet. „So können wir auch von Ferne erkennen, ob die Orthese drückt oder ob sich der Druck des Körpergewichts gut verteilt“, berichtet Prof. Amelung. „Das ist wichtig, weil sich aus Druckstellen sehr schnell Wunden entwickeln können.“ Zusätzlich kann die Orthese im Alltag beispielsweise ein Warnsignal auslösen, damit der jeweilige Patient darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Druck zu groß und eine Entlastung angezeigt ist.  

Ein Ingenieur und eine Physiotherapeutin testen die neue Orthese

Das HIS im Projektnamen HIS4DiaPedes-Projektseite steht für „Hybride Interaktionssysteme“ und bezeichnet im Projekt die verschiedenen Module, die den Prototypen ausmachen, wie z. B. Orthese, Sprachassistent, Sensoren und taktile Vibratoren. Eine Orthese ist ein medizinisches Hilfsmittel, das äußerlich angelegt wird, um die funktionellen Eigenschaften des neuromuskulären und skelettalen Systems zu unterstützen.

Das Mitschke Sanitätshaus aus Gütersloh, einer der Verbundpartner des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes, hat die Orthese zu Testzwecken bereits individuell an Fuß und Bein des wissenschaftlichen Mitarbeiters Jan Finke vom Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der HSBI angepasst. Zusammen mit der Physiotherapeutin Carolin Huperz – ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin im HIS4DiaPedes-Projekt, aus dem Fachbereich Gesundheit – wertet er nun eine Vielzahl an Daten aus. Dazu gehören Kenngrößen für Durchblutung und Sensitivität der Füße, Temperatur- und Druckverläufe des Fußes. Damit nicht genug: „Die Daten geben uns zusätzlich interessante Aufschlüsse über das Bewegungsprofil“, berichtet Jan Finke. „Bewegung ist neben einer der Krankheit angemessenen Ernährung wichtig, um die Blutzuckerwerte in einem akzeptablen Rahmen zu halten. Durch die intelligente Orthese können wir feststellen, wie viele Schritte der oder die Trägerin zurücklegt. Ob sich die Patientin oder der Patient überhaupt bewegt oder nur auf dem Sofa liegt. Und wir können mitbekommen, ob die Orthese überhaupt getragen wird. Das ist in der Praxis nicht immer der Fall.“ 

Regelmäßige digitale Kontrolle

Eine mit Sensoren ausgestattete Orthese, sprachgesteuerte Smart Devices und eine IT-Plattform für die Behandelnde – diese Zutaten sollen Pflege und Behandlung von Patientinnen und Patienten mit diabetischem Fußsyndrom verbessern.

An Diabetes erkrankte Menschen müssen täglich ihre Füße untersuchen, um rechtzeitig Druckstellen, Wunden oder kleinere Verletzungen zu erkennen. Die Ergebnisse des Fuß-Assessments können ebenfalls auf der Plattform hinterlegt werden. Wird ein Wert nicht eingetragen, soll das System eine Erinnerungsfunktion senden. „Derzeit arbeiten wir daran, dass eine KI die erhobenen Daten so klassifiziert, dass daraus Handlungsempfehlungen abgeleitet und weitere Maßnahmen eingeleitet werden“, berichtet Jan Finke, der gemeinsam mit Caroline Huperz den Hauptteil bei der Datenerhebung stemmt. „Indem wir die Patientinnen und Patienten mit ins Boot holen, stärken wir das Selbstmanagement und unterstützen die engmaschige Versorgung des diabetischen Fußsyndroms“, so Prof. Kohlhase. Bei der Entwicklung docken die HSBI-Forschenden an ein Plattformkonzept vom Verbundkoordinator Connext Communication an. Das in Paderborn ansässige und bundesweit tätige IT-Unternehmen hat viel Erfahrung auf dem Gebiet der Digitalisierung in der Pflegebranche. 

Bezugsquelle des Textes:
Hochschule Bielefeld, University of Applied Sciences and Arts (2024, 05. Februar).
HSBI-Projekt zur besseren Versorgung des diabetischen Fußsyndroms. [Pressemeldung].
https://www.hsbi.de/presse/pressemitteilungen/hsbi-projekt-zur-besserenversorgung-des-diabetischen-fusssyndroms

Bilderquelle: © S. Jonek/HSBI

Weitere Beiträge zu diesem Thema

T1D-Screening: Früherkennung mit Augenmaß oder vorschneller Schritt?

Fachartikel

Sollte Typ-1-Diabetes künftig bevölkerungsweit gescreent werden? Im Interview diskutieren Prof. Dr. Olga Kordonouri und Dr. Karl Horvath Chancen und Grenzen der Früherkennung. Im Fokus stehen vermeidbare Ketoazidosen, mögliche Belastungen für Familien, fehlende Evidenz aus RCTs und die Frage, unter welchen Bedingungen ein T1D-Screening verantwortungsvoll eingeführt werden kann.

Diabetologie

Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Beitrag lesen

Semaglutid bei Frauen in der Menopause: Neue Daten zu Gewicht, Herz und Migräne

Pharmaservice

Beim ECO 2026 in Istanbul wurden neue Auswertungen zu Semaglutid bei Frauen mit Adipositas in der Peri- und Postmenopause präsentiert. Post-hoc-Analysen aus STEP-UP und SELECT zeigen konsistente Gewichtsreduktionen von bis zu 22,6 % sowie eine MACE-Risikosenkung – ergänzt durch Real-World-Daten zu 42–45 % weniger Migräne und 25 % weniger Depression.

Diabetologie

Komorbiditäten von Diabetes

Beitrag lesen
Ein Mann mit Anzug sitzt vor einem geöffneten Laptop, in der Luft steht USECASE und darum sind verschiedene Tech-Symbole angeordnet.

Prädiabetes frühzeitig erkennen – KI als Werkzeug der betrieblichen Prävention

Berufspolitik

Viele Menschen mit Prädiabetes werden zu spät erkannt – oft erst, wenn der Diabetes bereits manifest ist. Ein neuer Forschungsansatz aus der Arbeitsmedizin setzt früher an: KI-Modelle sollen Risikofaktoren bereits im Betrieb sichtbar machen. Für Diabetologinnen und Diabetologen könnte das die Zuweisung in die Fachversorgung grundlegend verändern.

Diabetologie

Sonstiges

Beitrag lesen