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Verloren zwischen den Sektoren: Wenn Daten nicht ankommen, leidet die Versorgung

Blick ins Wartezimmer einer Arztpraxis mit mehreren unscharfen stehenden Personen im Hintergrund

Quelle: © Robert-Poorten - stocke.adobe.com

Verloren zwischen den Sektoren: Wenn Daten nicht ankommen, leidet die Versorgung

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mgb medizin Redaktion

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Erschienen in: diabetes heute

Beim Übergang zwischen ambulanter und stationärer Versorgung gehen für Patienten mit Diabetes regelmäßig kritische Informationen verloren. Gleichzeitig fehlt die diabetologische Kompetenz dort, wo sie am dringendsten gebraucht würde. Dr. Tobias Wiesner, Vizepräsident der DDG, hat das Problem auf dem 18. Hauptstadt-Symposium Diabetes 2026 in Berlin scharf umrissen.

Die Sektorentrennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung ist für Menschen mit Diabetes kein abstraktes Systemproblem – sie wird konkret spürbar, wenn kritische Informationen beim Wechsel ins Krankenhaus schlicht nicht ankommen. Medikationspläne fehlen, weil das Krankenhausinformationssystem sie nicht lesen kann oder Patientinnen und Patienten sie nicht dabei haben. Glukosedaten liegen nicht vor. Und wer Pech hat, trifft in der Klinik auf kein Team, das Glukosesensoren oder Insulinpumpen auslesen kann. Das Gerät piept, wird abgemacht – und die lückenlose Therapie ist unterbrochen.


„Der Patient überschreitet sehr unkompliziert Sektoren, die Daten überschreiten sie nicht.“

Die Lücke in der Versorgungskette

Auch bei der Entlassung setzt sich das Problem fort: Der Arztbrief, den die Person mitbekommt, enthält oft noch keine aktuellen Laborwerte, keine spezifischen Anpassungsschemata für die Diabetes-Therapie – und selbst wenn er vollständig ist, verzögert die interne Runde in der Klinik seine Fertigstellung. Die niedergelassene Praxis, die Betroffene weiterversorgt, tappt zunächst im Dunkeln.

Das Problem ist aber nicht allein ein Datenproblem. Was ebenfalls nicht die Sektoren überschreitet, sind die Leistungen der Diabetes-Teams. Die diabetologische Kompetenz ist in Deutschland sehr heterogen verteilt: Wo wenig ambulante Expertise vorhanden ist, findet sich häufig stationäre – und umgekehrt. Doch die Kompetenz kann nicht dorthin fließen, wo sie gerade gebraucht wird. Diabetologen und Edukationsberufe können ihre Leistungen nicht sektorenspezifisch einbringen. Da steht, wie Wiesner es formuliert, eine Mauer.

„Ich muss in beide Richtungen denken – bidirektional. Die Kompetenz muss aus der Ambulanz in die Klinik können, und aus der Klinik in die Ambulanz.“


Wiesner betont, dass es dabei nicht um „schönere Dokumentation“ geht, sondern um reale Versorgung: Wenn Glukosedaten, Therapiepläne oder Anpassungsschemata nicht verfügbar sind, wird Diabetesbehandlung im Krankenhaus schnell zur Improvisation. Besonders kritisch wird es, wenn Patientinnen und Patienten mit moderner Technologie (Sensor, Pumpe) in Häuser eingewiesen werden, in denen diese Systeme nicht ausgelesen oder in die Behandlung integriert werden können. Der Sektorwechsel wird damit zum Risikoereignis – nicht wegen fehlender Medizin, sondern wegen fehlender Anschlussfähigkeit.

Bisherige gesundheitspolitische Ansätze – Gesundheitskioske, der erste Krankenhausanpassungsgesetzentwurf – haben nach Wiesners Einschätzung immer nur eine Richtung gedacht: vom Stationären ins Ambulante. Das greift zu kurz.

Stark strukturiert, zu hoch belastet

Wer die Kritik an der diabetologischen Versorgung hört, könnte meinen, es mangele an Qualität. Das Gegenteil ist der Fall: Die Qualitätskriterien für diabetologische Schwerpunktpraxen werden nach Einschätzung von Wiesner in den allermeisten Fällen erfüllt. Diabetologen in der Ambulanz beherrschen Technologie, verfügen über Edukationsberufe, sind organisatorisch und strukturell gut aufgestellt. Das sei nicht das Problem.

Das Problem ist die Zahl der Patientinnen und Patienten, die eine einzige Schwerpunktpraxis versorgen muss. Wiesner hat das gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen erhoben – keine bundesweiten Zahlen, aber eine belastbare Hausnummer: In Leipzig betreut eine Schwerpunktpraxis rund 1.300 Menschen mit Typ-2- Diabetes. Im Vogtlandkreis oder im Erzgebirge sind es 3.300 bis 3.600.
Die Kompetenz ist also vorhanden – sie ist nur nicht dort, wo sie gebraucht wird, und selbst wo sie ist, ist sie hoffnungslos überlastet.


„Die Schwerpunktpraxis in ihrer Binnenstruktur ist organisatorisch und strukturell aufgestellt. Das funktioniert. Aber er muss einfach zu viele Patienten versorgen.“


Ursächlich dafür ist auch die Konzentration der Schwerpunktpraxen in Großstädten – eine Folge des KV-Rechts und der ökonomischen Rahmenbedingun­gen. Im ländlichen Raum fehlt die flächendeckende Präsenz. Diabetolo­gische Kompetenz ist vorhanden – sie ist nur falsch verteilt und kann die Grenzen zwischen den Sektoren nicht überwinden.

Text und Interview: Birgit Schulze

Interview im Rahmen der Veranstaltung: 18. Hauptstadtsymposium 2026 in Berlin, 17./18. April 2026

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