Diabetologie » Komorbiditäten von Diabetes

»

Versorgungsdefizite bei Menschen mit Diabetes und psychischen Erkrankungen

Junger Mann hält die Hände vor das Gesicht und stützt sich auf den Knien ab, neben ihm sitzt eine Therapeutin mit Klemmbrett.

Quelle: © Shisu_ka – stock.adobe.com

Versorgungsdefizite bei Menschen mit Diabetes und psychischen Erkrankungen

News

Diabetologie

Komorbiditäten von Diabetes

mgo medizin

mgo medizin Redaktion

Verlag

3 MIN

Erschienen in: diabetes heute

Viele Behandelnde kennen die Herausforderung: Der Praxisalltag ist zunehmend geprägt von Patientinnen und Patienten, die neben ihrem Diabetes auch psychische Erkrankungen mitbringen. Was bislang im klinischen Alltag oft unterschätzt wurde, belegt nun eine internationale Meta-Analyse unter Leitung der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg mit eindrucksvoller Klarheit: Menschen mit Diabetes und psychischen Begleiterkrankungen werden deutlich schlechter versorgt als diejenigen ohne psychische Erkrankungen – und das mit weitreichenden Konsequenzen.

Umfangreiche Datenbasis – deutlich Ergebnisse

Das Forscherteam um Prof. Dr. med. Elias Wagner analysierte in ihrer im The Lancet Psychiatry erschienenen Publikation Daten aus 49 Studien mit insgesamt mehr als 5,5 Millionen Menschen mit Diabetes. Darunter litten rund 15 Prozent, also etwa 840.000 Personen, zusätzlich an einer diagnostizierten psychischen Störung wie Depression, Schizophrenie, bipolarer Störung oder einer Suchterkrankung. Es ist die erste systematische Übersichtsarbeit, die Diabetes-Quality-of-Care-Indikatoren für Betroffene mit und ohne psychische Komorbidität umfassend und vergleichend darstellt.

Medizinisches Monitoring – Versorgung um 20 Prozent schlechter

Das zentrale Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, leitliniengerechte Kontrolluntersuchungen zu erhalten, war bei Menschen mit psychischen Begleiterkrankungen um fast 20 Prozent geringer. Besonders betroffen waren Maßnahmen, die für das frühzeitige Erkennen und Behandeln diabetischer Folgeerkrankungen essentiell sind: HbA1c-Messungen, Augenuntersuchungen zur Erkennung diabetischer Retinopathie, Fettstoffwechsel- und Nierenfunktionskontrollen sowie Fußuntersuchungen zur Prävention diabetischer Neuropathie.

Medikamentöse Innovationen erreichen Hochrisikopatienten nur selten

Nicht nur im Monitoring zeigten sich Defizite, auch die medikamentöse Behandlung verlief oft suboptimal. Menschen mit psychischen Erkrankungen erhielten häufiger Insulin, waren aber seltener mit modernen GLP-1-Rezeptoragonisten versorgt – Therapien, die nicht nur den Blutzucker senken, sondern auch das kardiovaskuläre Risiko nachweislich minimieren. Gerade in dieser Hochrisikogruppe ist der mangelnde Zugang zu modernen Therapieoptionen kritisch: Psychische Komorbiditäten gehen mit einer erheblich verkürzten Lebenserwartung und einem erhöhten Risiko für Herzkreislauferkrankungen einher.

Strukturelle und systemische Maßnahmen gefordert

Für Diabetologinnen und Diabetologen bedeutet die Studienlage: Aufmerksamkeit und Awareness für psychische Komorbiditäten müssen ein selbstverständlicher Teil der Praxis werden. Strukturelle Barrieren im Gesundheitssystem – von Schnittstellenproblemen zwischen somatischer und psychiatrischer Versorgung bis hin zu ungenügenden präventiven Angeboten – sind ein länderübergreifendes Thema, wie die Studienanalyse zeigt. Studienleiter Wagner und das Autorenteam fordern gezielte Interventionen und eine engere Verzahnung von somatischer und psychischer Versorgung, um Versorgungsqualität in dieser Hochrisikogruppe signifikant zu verbessern.

Fazit: Effizienter handeln – Versorgungslücken schließen

Die aktuelle Meta-Analyse liefert belastbare Zahlen für eine Versorgungslücke, die Diabetologen im Alltag allzu häufig begegnet. Die Integration psychischer Gesundheit in den somatischen Behandlungsablauf, die regelmäßige Kontrolle und der Zugang zu modernen Therapien müssen für alle Patienten gelten. Für eine nachhaltige Verbesserung braucht es nicht nur Awareness, sondern auch gezielte, systemische Veränderungen.

Originalpublikation: Wagner E, Højlund M, Fiedorowicz JG, Nielsen RE, Østergaard SD, Høye A, Heiberg IH, Poddighe L, Delogu M, Holt RIG, Correll CU, Cortese S, Carvalho AF, Boyer L, Dragioti E, Du Rietz E, Firth J, Fusar-Poli P, Hartman CA, Larsson H, De Giorgi R, Lehto K, Lindgren P, Manchia M, Nordentoft M, Skonieczna-Żydecka K, Veroniki AA, Marx W, Campana M, Mortazavi M, Hasan A, Stubbs B, Taipale H, Vancampfort D, Vieta E, Solmi M; ECNP PAN-Health Group. Disparities in diabetes treatment and monitoring for people with and without mental disorders: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry. 2026 Jan 5:S2215-0366(25)00332-3. doi: 10.1016/S2215-0366(25)00332-3. [Paper]

Quelle: Pressemitteilung der Universität Augsburg vom 19.01.2026: Menschen mit psychischen Erkrankungen erhalten schlechtere Diabetesversorgung

Weitere Beiträge zu diesem Thema

T1D-Screening: Früherkennung mit Augenmaß oder vorschneller Schritt?

Fachartikel

Sollte Typ-1-Diabetes künftig bevölkerungsweit gescreent werden? Im Interview diskutieren Prof. Dr. Olga Kordonouri und Dr. Karl Horvath Chancen und Grenzen der Früherkennung. Im Fokus stehen vermeidbare Ketoazidosen, mögliche Belastungen für Familien, fehlende Evidenz aus RCTs und die Frage, unter welchen Bedingungen ein T1D-Screening verantwortungsvoll eingeführt werden kann.

Diabetologie

Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Beitrag lesen

Semaglutid bei Frauen in der Menopause: Neue Daten zu Gewicht, Herz und Migräne

Pharmaservice

Beim ECO 2026 in Istanbul wurden neue Auswertungen zu Semaglutid bei Frauen mit Adipositas in der Peri- und Postmenopause präsentiert. Post-hoc-Analysen aus STEP-UP und SELECT zeigen konsistente Gewichtsreduktionen von bis zu 22,6 % sowie eine MACE-Risikosenkung – ergänzt durch Real-World-Daten zu 42–45 % weniger Migräne und 25 % weniger Depression.

Diabetologie

Komorbiditäten von Diabetes

Beitrag lesen
Ein Mann mit Anzug sitzt vor einem geöffneten Laptop, in der Luft steht USECASE und darum sind verschiedene Tech-Symbole angeordnet.

Prädiabetes frühzeitig erkennen – KI als Werkzeug der betrieblichen Prävention

Berufspolitik

Viele Menschen mit Prädiabetes werden zu spät erkannt – oft erst, wenn der Diabetes bereits manifest ist. Ein neuer Forschungsansatz aus der Arbeitsmedizin setzt früher an: KI-Modelle sollen Risikofaktoren bereits im Betrieb sichtbar machen. Für Diabetologinnen und Diabetologen könnte das die Zuweisung in die Fachversorgung grundlegend verändern.

Diabetologie

Sonstiges

Beitrag lesen