Einleitung
Mit Prof. Tanja Groten, Köln, und Prof. Holger Maul, Hamburg, hat die Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin (AGG) ein neues Führungsduo. Im gyne-Interview sprechen die Vorsitzende und ihr Stellvertreter über Ziele und Wünsche der AGG, die wachsende Professionalisierung der Geburtshilfe und die Bedeutung evidenzbasierter Medizin. Zudem erläutern sie, warum Deutschland ein nationales Geburtenregister braucht, wie sich die klinische Versorgung im Land langfristig strukturieren ließe und welche Kompetenzen das Fach nun fokussieren muss, um zukunftsfähig zu bleiben.
Redaktion: Sie wurden beim State of the Art 2026 der AGG zur Vorsitzenden und zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Welche Aspekte der Veranstaltung möchten Sie im Nachhinein besonders hervorheben?
Prof. Groten: Alle Vorträge waren wirklich gut und qualitativ äußerst hochwertig. Ganz besonders wichtig war mir die Sitzung zur Zertifizierung der Geburtskliniken. Dabei handelt es sich um ein strukturelles Thema, dem wir mehr Gewicht verleihen müssen. Mit dem Ziel, dass die Auswirkungen qualitätsverbessernd, wirtschaftlich und auch in der Außendarstellung erkennbar sind.
Prof. Maul: Ich war regelrecht begeistert darüber, wie stark die Veranstaltung die fortschreitende Professionalisierung der Geburtshilfe widergespiegelt hat. Vortragende und Vorträge haben sich deutlich weiterentwickelt und wir beobachten einen starken Fokus auf wissenschaftliche Aspekte. Es war deutlich spürbar, dass der wissenschaftliche Anspruch an die Geburtshilfe insgesamt zugenommen hat.
Redaktion: Welche Themen sind in der Geburtshilfe und Pränatalmedizin derzeit besonders brisant? Welche Themen möchten Sie beide in Ihrer Amtszeit fokussieren?
Prof. Groten: Zunächst möchten wir der Geburtshilfe in Deutschland auch weiterhin eine starke Stimme verleihen. Zudem möchten wir als Fachgesellschaft deutlicher nach außen tragen, was die klinische Geburtshilfe ausmacht. Wir bieten einen sicheren Ort, an dem möglichst viele Frauen ihre Kinder physiologisch gebären können und an dem gleichzeitig alle Voraussetzungen dafür gegeben sind, umfassend und lebensrettend einzugreifen, wenn es nötig wird.
Dabei orientieren wir uns stets an der wissenschaftlichen Evidenz. Gleichzeitig agieren wir einfühlsam, respektieren subjektive Sichtweisen und berücksichtigen die Emotionalität werdender Eltern.
Prof. Maul: Außerdem möchten wir die Rolle der AGG innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) stärken. Immer wieder gibt es Uneinigkeiten und wir erleben innerhalb und zwischen den Fachgebieten, die an der Geburtshilfe beteiligt sind, ein ständiges Ringen um finanzielle, personelle und Weiterbildungsressourcen.
Deshalb möchten wir die Geschlossenheit innerhalb der DGGG diplomatisch voranbringen und diejenigen, die in die Geburtshilfe involviert sind, sei es nun im Bereich praktische Geburtshilfe, Pränatalmedizin, Maternal Health oder eine andere Spezialisierung, zusammenbringen. Schließlich ist die DGGG unser aller Dachverband und auch Sprachrohr. Sie vertritt die gesamte wissenschaftliche Frauenheilkunde.
Dabei steht uns bisweilen jedoch unsere berufsbedingte Emotionalität im Weg. Frau Prof. Groten kann emotionale und Sachebene hervorragend trennen und somit eine perfekte Brücke zwischen Wissenschaft und Kreißsaal bauen.
Letztlich muss der Fokus stets auf der Sicherheit der Mütter und ihrer Kinder liegen. Alles andere ist nebensächlich.
Prof. Groten: Dieses Ziel war auch während des State of the Art 2026 deutlich erkennbar und findet Eingang in all unser Tun. So beispielsweise in den Vortrag zur vaginal-operativen Geburt [Harald Abele, Tübingen], der deutlich herausgearbeitet hat, wie wichtig eine intensive Kommunikation mit den Patientinnen ist und dass hierfür klare Vorgaben nötig sind. Auch in die Präsentation der aktualisierten Leitlinie zur vaginalen Geburt [Nina Kimmich, Zürich] und in die Sitzung der Sektion Psychosomatik, bei der Frau Prof. Wallwiener [Halle, Saale] über Selbstbestimmung im Kreißsaal referiert hat. All diese Aspekte sind Bestandteile unseres Handelns, aber am Ende zählen vor allem die Gesundheit von Mutter und Kind.
Redaktion: Wird der DGGG-Kongress im Herbst 2026 eine Rolle dabei spielen, Ihre Position innerhalb der DGGG zu festigen?
Prof. Maul: Wir haben als AGG sehr viele Programmplätze beim DGGG-Kongress erhalten und können dementsprechend ein breit gefächertes Spektrum geburtshilflicher Themen anbieten. Dabei haben wir auf Geschlechterparität geachtet und auch jüngere und bisher weniger bekannte Kolleginnen und Kollegen als Referierende berücksichtigt. Gerade Letztere bringen Innovationen und neue Aspekte mit zum Kongress. Darauf sind wir sehr stolz.
Redaktion: Die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) spricht sich sehr stark für die Einführung eines nationalen Geburtenregisters aus. Wie positioniert sich die AGG zu diesem Thema und weshalb?
Prof. Groten: Wir brauchen definitiv ein Geburtenregister, dessen Daten vor allem auch zugänglich sind. Durch die Perinatalerhebung erfassen wir zwar die reinen Geburtsdaten, diese sind jedoch nicht mit den neonatologischen Daten derjenigen Kinder verknüpft, die in der Kinderklinik bleiben müssen. Zudem müssen für den Zugriff auf die Daten zu wissenschaftlichen Zwecken aufwendige Anträge gestellt werden und es entstehen Kosten.
Übrigens werden auch in der Neonatologie Daten erhoben. Dort geschieht dies jedoch vorrangig zur Qualitätssicherung und die Datensätze können aktuell nicht mit der Perinatalerhebung verknüpft werden.
Ein Geburtenregister wäre umfassender und einfacher zugänglich – ein Gewinn für alle Beteiligten.
Prof. Maul: Ich möchte in diesem Kontext den wissenschaftlichen Hintergrund betonen. Viele argumentieren, dass ohne das Geburtenregister kritische Einzelfälle nicht erfasst werden. Wir sollten aber zudem im Blick behalten, dass wir durch die Vollerhebung wissenschaftlich eine internationale Vergleichbarkeit erreichen würden. Wir könnten dann die Qualität unseres Handelns besser bewerten und aus den Daten Verbesserungsmaßnahmen ableiten, was letztlich wieder Müttern und Kindern zugutekommt.
Hierfür müssen auch weitere Qualitätsparameter mit einfließen. Der Erfassungszeitraum muss sich von der Schwangerschaft bis über das Wochenbett hinaus erstrecken und mütterliche und kindliche Daten müssen miteinander verknüpft werden.
Auf diese Art kann ein Geburtenregister letztlich Chancengleichheit für die Kinder fördern und in puncto Frauengesundheit präventiv wirken. So beispielsweise im Bereich Beckenboden und Kontinenz, aber auch beim Thema Stillen und Laktation. Sogar onkologische Erkrankungen können mit abgebildet werden.
Die skandinavischen Länder haben diese Erfassung bereits umgesetzt – trotz der strengen europäischen Datenschutz-Grundverordnung ist es also möglich und Deutschland darf sich hier schlicht nicht abhängen lassen.
Prof. Groten: Prävention ist das innerste Anliegen der Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung. Ein Geburtenregister ist dafür immens wichtig und kann zudem Grundlage für weitere Präventionsprogramme im Bereich der Familiengesundheit sein.
Redaktion: Wie steht es um die tatsächliche Einführung eines Geburtenregisters?
Prof. Maul: Derzeit scheint es der Politik an Mut zur Umsetzung eines solchen Projekts zu fehlen. Was jedoch nicht gesehen wird, ist, dass ein fehlendes Geburtsregister an anderen Stellen zusätzliche Kosten verursacht. Wenn wir langfristig denken und erfassen, statt kurzfristig und punktuell, dann können wir Zusammenhänge besser verstehen und letztlich viel effizienter sein.
Ein gutes Beispiel ist das Thema Gestationsdiabetes, das nicht isoliert betrachtet werden sollte. Ein Gestationsdiabetes kann langfristige Auswirkungen auf die Stoffwechselgesundheit des Kindes haben und auch das Wohlergehen der Mutter beeinflussen. Hier sind Zusammenhänge mit onkologischen, endokrinologischen und sogar orthopädischen Erkrankungen bekannt.
Mein eindringlicher Appell lautet also: Wir müssen größer denken – über den eigenen Horizont hinaus.
Redaktion: Immer wieder lesen wir in der Fach- und Tagespresse über die Schließung der Geburtskliniken in kleineren Krankenhäusern – vor allem im ländlichen Raum. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung und wie würden Sie Menschen begegnen, die behaupten, dass die flächendeckende klinische Versorgung in der Geburtshilfe nicht mehr gesichert ist?
Prof. Groten: Niemand muss eine Gefährdung der flächendeckenden Versorgung in Deutschland befürchten, im Gegenteil: Wir fordern schon seit längerer Zeit, dass Geburten nur dort stattfinden sollten, wo fachärztliche gynäkologische und pädiatrische Versorgung rund um die Uhr gewährleistet sind.
Kleinere Häuser können dies häufig nicht leisten, was die Geburt unnötig risikoreich macht. Werdende Eltern müssen bezüglich dieses Risikos unbedingt aufgeklärt werden, was beispielsweise durch die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen erfolgen kann.
Prof. Maul: Aktuell erleben wir eine Fehlentwicklung, die zu einem Abbau der Versorgung in der Fläche führt, während sich in den Ballungszentren nur wenig verändert. Dieser Trend wird vorrangig durch finanzielle Aspekte befeuert. Theoretisch können wir präzise vorhersagen, welche Kliniken erhalten werden müssen und welche geschlossen werden könnten, ohne die Versorgung zu gefährden. Dafür müssten sich die verantwortlichen Akteure mit Bevölkerungsverteilung, Altersstruktur, Parität und weiteren Faktoren auseinandersetzen und konsequent Entscheidungen treffen. Dabei muss man sich von dem Gedanken lösen, dass grundsätzlich immer die größeren Kliniken erhalten bleiben müssen. Für die optimale Versorgung in einer bestimmten Region kann es beispielsweise viel sinnvoller sein, dass eine kleine, bisher wenig relevante Klinik die Rolle eines größeren Hauses übernimmt.
Doch aktuell scheut man aus verschiedenen Gründen vor diesen Entscheidungen zurück. Politikerinnen und Politiker fürchten um ihre Beliebtheit und in der Bevölkerung gibt es Proteste, weil natürlich niemand von einer Klinikschließung betroffen sein möchte. Zudem wird die Debatte von emotionalen Argumenten dominiert, die meist jeglicher Grundlage entbehren.
Wir können als DGGG dazu natürlich unseren Beitrag leisten, aber vorrangig möchte ich die Politik adressieren: Diese Herausforderung muss nüchtern und sachlich bewältigt werden, anstatt schlicht den sprichwörtlichen Geldhahn zuzudrehen.
Redaktion: Was möchten Sie den Kolleginnen und Kollegen in der Gynäkologie und vor allem in der Geburtshilfe noch mit auf den Weg geben?
Prof. Maul: Meine Hauptbotschaft lautet: Professionalisiert euch! Chirurgische und internistische Kenntnisse gehören zu unseren Kernkompetenzen. Sie müssen unbedingt erhalten und kontinuierlich weitergebildet werden. Wir müssen wissen, wie Diabetes, Bluthochdruck oder Autoimmunerkrankungen zu behandeln sind.
Wir können vieles an die Hebammen abgeben, denn wir sind die Meister der Pathologie und müssen als Ärztinnen und Ärzte dann zur Verfügung stehen, wenn wir wirklich in einer Situation gebraucht werden. Wir müssen uns um die wirklich komplexen Fragestellungen kümmern, die in unserem Fachgebiet naturgemäß sehr häufig vorkommen. Damit haben wir definitiv genug zu tun und so kann auch dieser unsinnige Verteilungskampf beendet werden, der zwischen Ärzteschaft und Hebammen immer wieder aufkommt.
Wir werden als Ärztinnen und Ärzte immer gebraucht, müssen uns aber auch als solche verstehen.
Prof. Groten: Habt keine Angst vor dem Wort „Medizin“ in „Geburtsmedizin“. Es bedeutet, dass man versteht, was man tut und es begründet tut – es bedeutet, dass man sich um notwendige Dinge kümmert, vielleicht auch mit dem Ziel, sich während der Geburt um nichts kümmern zu müssen. Deshalb heißt meine Klinik bewusst „Klinik für Geburtsmedizin“.
Redaktion: Vielen Dank!
Prof. Dr. Tanja Groten

Tanja Groten wurde 1997 an der RWTH Aachen promoviert und schloss 2001 ihre Facharztausbildung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Universitätsfrauenklinik Ulm ab. 2015 habilitierte sie sich an der Universität Jena. Seit Februar 2025 ist sie Direktorin der Klinik und Poliklinik für Geburtsmedizin der Uniklinik Köln. Ihre Schwerpunkte sind maternale Gesundheit, Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen in der Schwangerschaft sowie hypertensive Schwangerschaftserkrankungen und Nachsorge nach Schwangerschaftserkrankungen. Seit April 2026 ist sie Vorsitzende der AGG.
Hon.-Prof. Dr. habil. Holger Maul

Holger Maul absolvierte ab 1997 seine Facharztausbildung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der RWTH Aachen und der Medizinischen Hochschule Hannover. 1999 wurde er an der Universität Erlangen-Nürnberg promoviert, 2007 habilitierte er sich an der Universität Heidelberg. Seit 2017 ist er Chefarzt der Asklepios Frauenkliniken Barmbek, Wandsbek und Nord-Heidberg. Seine Schwerpunkte liegen in der speziellen Geburtshilfe und Perinatologie, der Pränataldiagnostik und Ultraschallmedizin sowie in der Still- und Laktationsberatung. Seit April 2026 ist er erster stellvertretender Vorsitzender der AGG.
Das Interview führte Nina Hoffmann





