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Blutdrucktherapie bei Hochbetagten: Manchmal ist weniger mehr

Älterer Mann am Tisch vor einem Blutdruckmessgerät und medizinischen Unterlagen – Blutdruckkontrolle und Medikamentenmanagement im Alter

Quelle: © Rawpixel.com – stock.adobe.com

Blutdrucktherapie bei Hochbetagten: Manchmal ist weniger mehr

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mgb medizin Redaktion

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Erschienen in: herzmedizin

Neue Studiendaten zeigen: Bei gebrechlichen Pflegeheimbewohnern kann eine schrittweise Reduktion von Blutdruckmitteln genauso sicher sein wie eine Weiterbehandlung – ohne Nachteile für Überleben oder Herzgesundheit.

Muss Bluthochdruck auch im hohen Alter konsequent medikamentös behandelt werden? Oder ist gerade bei gebrechlichen, hochbetagten Menschen manchmal weniger mehr? Diese Frage hat die Geriatrie lange beschäftigt – und bekommt nun eine evidenzbasierte Antwort. Prof. Dr. Athanase Benetos, Kardiologe und Geriater am Universitätsklinikum Nancy-Lorraine, wird auf dem gemeinsamen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) aktuelle Ergebnisse der RETREAT-FRAIL-Studie vorstellen – und für ein Umdenken in der Blutdrucktherapie älterer Menschen plädieren. Der gemeinsame Jahreskongress findet vom 23. bis 26. September 2026 in Frankfurt am Main statt.

Bluthochdruck im Alter: Eine andere Erkrankung

„Bluthochdruck ist bei älteren Menschen etwas anderes als bei jüngeren“, betont Benetos. Mit zunehmendem Alter verändern sich nicht nur die Ursachen eines erhöhten Blutdrucks, sondern auch das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer Behandlung. Hochbetagte und gebrechliche Patientinnen und Patienten sind besonders anfällig für Nebenwirkungen blutdrucksenkender Medikamente – und wurden in klinischen Studien über Jahrzehnte kaum berücksichtigt. Genau diese Versorgungslücke wollte die multizentrische französische RETREAT-FRAIL-Studie schließen, deren Ergebnisse Ende 2025 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden.

Studie: Medikamentenreduktion ohne Nachteile

An der Studie nahmen mehr als 1.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen teil. Per Zufallszuteilung erhielten sie entweder ihre bisherige Blutdrucktherapie unverändert weiter – oder eine schrittweise, ärztlich engmaschig begleitete Reduktion ihrer Medikation. Das zentrale Ergebnis nach drei Jahren: Kein Unterschied bei Sterblichkeit oder schweren kardiovaskulären Komplikationen zwischen beiden Gruppen.

„Unter den richtigen Voraussetzungen kann eine schrittweise Reduktion der Therapie sicher sein“, fasst Benetos zusammen. Weniger Medikamente könnten zudem Wechselwirkungen reduzieren und die Gesamtbelastung für die Betroffenen senken.

Deprescribing braucht klare Regeln

Die Studienergebnisse seien kein Freibrief zum pauschalen Absetzen von Blutdruckmitteln, stellt Benetos klar. Entscheidend seien drei Faktoren, die in der RETREAT-FRAIL-Studie berücksichtigt wurden:

  • Hoher Grad an Gebrechlichkeit: Frühere epidemiologische Daten zeigen, dass gebrechliche ältere Menschen besonders anfällig für Nebenwirkungen blutdrucksenkender Therapien sind.
  • Niedriger systolischer Blutdruck: Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wiesen einen systolischen Blutdruck unter 130 mmHg auf – ein Wert, der bei Hochbetagten selbst mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert ist.
  • Kein anderer kardiovaskulärer Grund für die Medikation: Reduziert wurden ausschließlich Medikamente, für die keine weitere Indikation bestand – nach einem klar definierten Protokoll und unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle.

„Die gleichen Regeln, die für das Verordnen von Medikamenten gelten, müssen auch für deren Absetzen gelten“, betont der ehemalige Präsident der European Geriatric Medicine Society (EuGMS).

Paradigmenwechsel: Weg von starren Zielwerten

Benetos sieht in den Ergebnissen einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Nicht starre Zielwerte sollten im Mittelpunkt der Therapieentscheidung stehen, sondern die individuelle Lebenssituation, die funktionelle Gesundheit und die persönlichen Therapieziele älterer Menschen. „Unsere Studie öffnet ein neues Fenster für die Frage, wie wir hochbetagte und gebrechliche Menschen besser behandeln können“, sagt Benetos. „Sie zeigt, dass manchmal weniger tatsächlich mehr sein kann.“

Keynote auf dem Jahreskongress DGGG & DGG 2026

Die Ergebnisse der RETREAT-FRAIL-Studie und ihre Konsequenzen für die Versorgung hochbetagter Menschen wird Prof. Benetos in einer Keynote Lecture auf dem gemeinsamen Jahreskongress von DGG und DGGG vorstelllen. Der Kongress bringt vom 23. bis 26. September 2026 führende Expertinnen und Experten der Geriatrie und Gerontologie an der Goethe-Universität Frankfurt zusammen – und widmet sich in diesem Jahr unter anderem zentralen Fragen der Arzneimitteltherapie im Alter.

Prof. Dr. med. Athanase Benetos Advantages and challenges of deprescribing: lessons from recent randomized clinical trials on reducing antihypertensive treatment in older patients

📅 Mittwoch, 23. September 2026, 15:15 Uhr 📍 Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M., Campus Westend, Hörsaal 3

🌐 www.gerontologie-geriatrie-kongress.org

Zur Person

Prof. Dr. Athanase Benetos ist Professor für Geriatrie und Biologie des Alterns am Universitätsklinikum Nancy-Lorraine. Er ist ehemaliger Präsident der European Geriatric Medicine Society (EuGMS) und wurde 2023 in die französische Académie Nationale de Médecine gewählt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Gefäßalterung, Gebrechlichkeit und der Behandlung von Bluthochdruck im Alter. Mit mehr als 430 wissenschaftlichen Publikationen gehört er zu den international prägenden Persönlichkeiten der Altersmedizin.

Quelle: Pressemitteilung der DGG

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