Die Trikuspidalklappe galt lange Zeit als „vergessene Klappe” in der interventionellen Kardiologie. Während kathetergestützte Verfahren an Aorten- und Mitralklappe bereits zum klinischen Standard gehören, stellte die Behandlung von Trikuspidalklappenerkrankungen aufgrund anatomischer Besonderheiten und komplexer Krankheitsbilder eine große Herausforderung dar. Dieser Artikel beleuchtet innovative minimalinvasive Therapieansätze, die insbesondere Hochrisikopatienten neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Ein interdisziplinäres Team unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. med. Hüseyin Ince hat wegweisende Erfolge bei der kathetergestützten Trikuspidalklappenimplantation erzielt.
Kathetergestützte Verfahren an der Trikuspidalklappe
Kathetergestützte Verfahren an der Aorten- und Mitralklappe gehören mittlerweile zum klinischen Alltag. Die Trikuspidalklappe hingegen galt über viele Jahre als „vergessene Klappe”.
Herausforderungen bei der Behandlung:
- Anatomische Besonderheiten der Trikuspidalklappe
- Komplexe Krankheitsbilder
- Häufig erhebliche Komorbidität der Betroffenen
- Erschwerte Entwicklung standardisierter Therapiekonzepte
Einem interdisziplinären Team aus Berlin und Rostock unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. med. Hüseyin Ince ist es nun gelungen, Patienten mit einer innovativen Trikuspidalklappe minimalinvasiv zu behandeln. Insbesondere schwer kranke Patienten, für die bislang kaum therapeutische Optionen bestanden, könnten zukünftig davon profitieren.
Fallbeispiel: ARVC-Patient mit schwerer Trikuspidalklappeninsuffizienz
Besondere Aufmerksamkeit
Besondere Aufmerksamkeit erregte jüngst der Fall eines 37-jährigen Mannes, der im European Heart Journal Case Reports publiziert wurde [1].
Krankheitsbild und Herausforderungen
Der Patient litt unter einer arrhythmogenen rechtsventrikulären Kardiomyopathie (ARVC). Die genetisch bedingte Erkrankung führt zu einer fortschreitenden fettigen Degeneration des rechten Ventrikels.
Folgen der ARVC:
- Das rechte Herz dilatiert zunehmend
- Die Trikuspidalklappe schließt nicht mehr suffizient
- Entwicklung einer schweren Rechtsherzinsuffizienz
- Deutlich erhöhtes Risiko lebensbedrohlicher ventrikulärer Tachykardien
- Rhythmusstörungen bis hin zum plötzlichen Herztod
„Der junge Patient hatte bereits einen langen Leidensweg hinter sich”, erinnert sich Univ.-Prof. Dr. med. Hüseyin Ince, Direktor der Klinik für Kardiologie der Universitätsmedizin Rostock sowie der Vivantes Kliniken Am Urban und Neukölln in Berlin.
Gescheiterte Vorbehandlung
„Ein zuvor versuchtes kathetergestütztes Clip-Verfahren war gescheitert, weil die Klappensegel aufgrund der massiven Dilatation zu weit auseinanderlagen. Die anatomischen Voraussetzungen ließen eine Rekonstruktion nicht mehr zu”, so der Klinikdirektor.
Risiken eines Klappenersatzes:
- Hochriskanter Eingriff bei diesem Patienten
- Sorge, dass der Draht während der Intervention im hochvulnerablen rechten Ventrikel Rhythmusstörungen auslösen könnte
- Risiko einer Perforation des stark veränderten rechten Herzens
- Größte Sorge: Entwicklung eines fulminanten Rechtsherzversagens infolge einer abrupten Reduktion der hochgradigen Trikuspidalklappeninsuffizienz bei bereits ausgeprägter rechtsventrikulärer Dysfunktion
Erfolgreiche Implantation und Lebensqualität zurückerlangen
Nach ausführlicher interdisziplinärer Diskussion und intensiver Aufklärung entschied sich das behandelnde Team dennoch für den Eingriff. Implantiert wurde eine transkathetergestützte Trikuspidalklappe, die seit 2024 in Deutschland kommerziell verfügbar ist. Der Eingriff verlief erfolgreich.
Mehr als nur technischer Erfolg
Für die Behandelnden war dies weit mehr als ein technischer Erfolg: „Der Patient berichtete Monate später, dass er erstmals wieder im Fußballstadion auf dem Stehplatz stehen und mitsingen konnte. Sein implantierter Schrittmacher dokumentierte über Stunden normale körperliche Aktivität. Das wäre vor dem Eingriff nicht möglich gewesen”, berichtet Ince begeistert.
Bedeutung von Lebensqualität
„Studien erfassen in erster Linie Mortalität, Hospitalisierungsraten oder Herzinsuffizienz-Episoden. Doch Parameter wie Belastbarkeit, soziale Teilhabe und Lebensqualität gewinnen zunehmend an Bedeutung. Für viele Betroffene bedeutet die Behandlung die Rückkehr in einen Alltag, der zuvor verloren gegangen war.”
Nächste Generation interventioneller Trikuspidalklappenprothesen
Im Rahmen einer sogenannten Early Feasibility Study (EFS) wird derzeit bereits an der nächsten Generation interventioneller Trikuspidalklappenprothesen gearbeitet und eine vollständig repositionierbare und hochflexible Klappenprothese untersucht.
Innovative Eigenschaften der neuen Klappe
„Anders als bisherige Systeme kann diese Klappe während des Eingriffs mehrfach neu positioniert oder bei Bedarf wieder entfernt werden”, erklärt Ince.
Studienstatus in Deutschland:
Das Verfahren befindet sich noch im Studienstatus und wird in Deutschland derzeit nur an folgenden Zentren durchgeführt:
- Vivantes-Kliniken in Berlin
- Universitätsmedizin Rostock
- Universitätskliniken Göttingen
- Universitätskliniken Kiel
Dreidimensionales Modell des Herzens
Die neue Prothese basiert auf einem hochindividualisierten Konzept. Vor jeder möglichen Implantation wird anhand computertomographischer Daten ein dreidimensionales Modell des Herzens erstellt. Erst dadurch lässt sich beurteilen, ob die anatomischen Voraussetzungen für eine sichere Implantation gegeben sind.
FDA-Zulassung als Durchbruchstechnologie
Entwickelt wurde die neue Klappe von einem US-amerikanischen Start-up. Die FDA (Food and Drug Administration) hat das System im Rahmen eines beschleunigten Innovationsverfahrens als potenzielle Durchbruchstechnologie eingestuft. Dadurch können vielversprechende Entwicklungen schneller in die klinische Anwendung gebracht werden.
Materialien und Zukunftsperspektiven
Aktuelle biologische Klappen
Die derzeit eingesetzten biologischen Klappen basieren überwiegend auf tierischem Perikardgewebe.
Künstliche Materialien als Zukunftsoption
„Perspektivisch könnten jedoch vollständig künstlich hergestellte Klappensegel neue Möglichkeiten eröffnen”, ist Ince zuversichtlich. In verschiedenen Forschungsprojekten wird bereits an künstlichen Materialien und 3D-gedruckten Leaflets gearbeitet. Ziel ist es, langlebigere Klappen mit geringerer Thromboseneigung zu entwickeln.
Offene Fragen
„Mehrere behandelte Patienten zeigten nach dem Eingriff eine deutliche klinische Verbesserung”, so Ince. Dennoch stünden die Verfahren noch am Anfang ihrer Entwicklung und viele Fragen sind bislang unbeantwortet.
Zentrale offene Fragen:
- Welche Patienten profitieren langfristig am meisten von der Prothese?
- Wie hoch ist deren Haltbarkeit?
- „Insbesondere die Frage der Langzeitstabilität spielt eine zentrale Rolle.”
Wirtschaftlichkeit und Qualität der Versorgung
Ince ist überzeugt, dass auch gesundheitsökonomische Aspekte künftig an Bedeutung gewinnen, denn hochspezialisierte Eingriffe erfordern erhebliche Ressourcen, modernste Bildgebung und erfahrene interdisziplinäre Teams. Gleichzeitig wächst die Zahl älterer und multimorbider Patienten mit schwerer Trikuspidalklappeninsuffizienz.
„Man wird sich mit der Frage beschäftigen müssen, wie innovative Therapien langfristig in die Regelversorgung integriert werden können”, so Ince.
Qualität der Zentren als Erfolgsfaktor
Für erfolgreiche Trikuspidaleingriffe wird seiner Meinung nach die Qualität der Zentren entscheidend sein.
Voraussetzungen für erfolgreiche Eingriffe:
- Exzellente Echokardiographie
- Hohe interventionelle Expertise
- Enge Zusammenarbeit zwischen Kardiologie, Herzchirurgie, Bildgebung und Anästhesie
Interdisziplinäre Kooperationen
Dabei entstehen zunehmend Kooperationen über Klinik- und Ländergrenzen hinweg, wie die Zusammenarbeit zwischen den Vivantes-Kliniken Berlin und der Universitätsmedizin Rostock zeigt. Spezialisierte Zentren bündeln ihre Expertise, analysieren gemeinsam komplexe Fälle und entwickeln neue Therapiekonzepte für Patienten, die bislang oft als austherapiert galten.
Autorin: Sonja Buske
Literatur: Bodanowitz JM et al. Transcatheter tricuspid valve replacement with EVOQUE™ in arrhythmogenic right ventricular cardiomyopathy: insights from the first-in-man case report. Eur Heart J Case Rep 2026; 10(1): ytaf684





