Ein einfacher Wert im Differentialblutbild könnte künftig helfen, gefährdete Herzinfarktpatientinnen und -patienten bereits bei der Krankenhausaufnahme zu identifizieren. Forschende der Universität Münster zeigen, dass unreife weiße Blutkörperchen das kurzfristige Sterberisiko besser vorhersagen als etablierte Biomarker.
Das Knochenmark als Spiegel der Erkrankungsschwere
Bei einem Herzinfarkt reagiert nicht nur das Herz, sondern auch das Immunsystem. Neutrophile Granulozyten — die häufigste Art weißer Blutkörperchen — werden in großer Zahl aus dem Knochenmark ins Blut ausgeschüttet. Im Normalzustand zirkulieren dort fast ausschließlich ausgereifte Zellen. Unter starkem physiologischem Stress jedoch, wie beim schweren Herzinfarkt, greift das Knochenmark auf seine frühesten Reserven zurück und entlässt auch unreifere Vorstufen in die Blutbahn.
Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Oliver Söhnlein vom Institut für Experimentelle Pathologie am Zentrum für Molekularbiologie der Entzündung (ZMBE) der Universität Münster hat nun untersucht, ob das Ausmaß dieser „Notfall-Mobilisierung” Rückschlüsse auf den Krankheitsverlauf erlaubt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Cardiovascular Research veröffentlicht.¹
Studie an über 200 Patientinnen und Patienten
Für die Studie analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Blutproben von mehr als 200 Personen mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche sowie gesunden Kontrollpersonen. Mithilfe hochauflösender spektraler Durchflusszytometrie — einem Verfahren zur präzisen Charakterisierung einzelner Blutzellen anhand vieler Merkmale gleichzeitig — bestimmten sie die verschiedenen Reifestadien der Neutrophilen.
Es zeigte sich: Je schwerer die Erkrankung, desto unreifer die im Blut nachweisbaren Vorstufen. Am ausgeprägtesten war dieser Effekt beim ST-Hebungsinfarkt (STEMI), der schwersten Form des Herzinfarkts mit vollständigem Verschluss eines Herzkranzgefäßes. Im Blut dieser Patientinnen und Patienten waren sogar sogenannte Preneutrophile nachweisbar — die unreifsten bekannten Vorläuferzellen der Neutrophilen. Begleitend fanden sich im Blutplasma charakteristische Entzündungsbotenstoffe, die die verstärkte Zellmobilisierung begleiten.
IG-Wert sagt Sterberisiko besser voraus als etablierte Marker
Für die klinische Anwendbarkeit entscheidend: Unreife Granulozyten lassen sich im sogenannten Differentialblutbild erfassen — einer Standarduntersuchung, die in nahezu jeder Klinik verfügbar ist und die genaue Zusammensetzung der weißen Blutkörperchen bestimmt. Dort werden sie als „unreife Granulozyten” (IG) ausgewiesen.
Die Forschenden validierten den Vorhersagewert dieses IG-Parameters in zwei weiteren, unabhängigen Patientenkohorten mit jeweils mehreren hundert Personen — darunter eine retrospektive und eine prospektive Gruppe. Dabei übertraf der IG-Wert etablierte Biomarker in der Vorhersage des 30-Tage-Sterberisikos. Er blieb auch dann ein eigenständiger Vorhersageparameter, wenn weitere bekannte Risikofaktoren statistisch berücksichtigt wurden — liefert also Informationen, die über das bisher Bekannte hinausgehen.
Klinische Relevanz: Risikostratifizierung ohne Zusatzaufwand
Der wesentliche praktische Vorteil des Ansatzes liegt darin, dass keine teuren oder zeitintensiven Spezialanalysen erforderlich sind. Das Differentialblutbild wird bei der Aufnahme ins Krankenhaus routinemäßig erstellt. Der IG-Wert könnte damit unmittelbar zur Risikostratifizierung genutzt werden, um gefährdete Patientinnen und Patienten frühzeitig zu identifizieren und engmaschiger zu überwachen.
Bevor das Verfahren Eingang in die klinische Routine finden kann, muss der Vorhersagewert des IG in weiteren unabhängigen Patientengruppen bestätigt werden.
Hintergrund und Förderung
Federführend an der Studie beteiligt waren das Institut für Experimentelle Pathologie (ZMBE) der Universität Münster und die Klinik für Kardiologie I des Universitätsklinikums Münster. Weitere beteiligte Institutionen: Universitätsklinikum Düsseldorf, LMU Klinikum München, Universitätsklinikum Essen, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein/Lübeck, Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften (ISAS) Dortmund sowie die Medizinische Universität Innsbruck.
Die Studie wurde gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG, u. a. SFB TRR332), die Leducq Foundation, Novo Nordisk, das EU-Doktorandennetzwerk PRAETORIAN sowie die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung.
Originalpublikation:
Richter M et al. Depth of neutrophil mobilisation stratifies survival in ST-elevation myocardial infarction. Nat Cardiovasc Res 2026. DOI: 10.1038/s44161-026-00836-0
Quelle: Universität Münster





