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Aktuelle Daten zur Langzeittherapie schubförmiger MS

Bei Multipler Sklerose greifen Immunzellen die Myelinscheiden an – aktuelle Daten, die auf dem DGN-Kongress vorgestellt wurden, zeigen, dass Cladribin auch in den behandlungsfreien Jahren anhaltende Effekte auf die Krankheitsprogression und Kognition erzielt.

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Aktuelle Daten zur Langzeittherapie schubförmiger MS

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mgb medizin Redaktion

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Erschienen in: neuro aktuell

Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) 2025 in Berlin wurden neue Daten zur Langzeittherapie mit Cladribin bei der Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (RMS) vorgestellt. Es konnten anhaltende Effekte in Bezug auf schubunabhängige Krankheitsprogression (PIRA), die Progression der Beeinträchtigung und die kognitiven Fähigkeiten auch in der behandlungsfreien Zeit gezeigt werden [1–3].


Cladribin wird oral in insgesamt vier Behandlungszyklen in Jahr 1 und 2 verabreicht; Jahr 3 und 4 sind therapiefrei. Mittlerweile gibt es Betroffene, die sich bereits im Jahr 5 und 6 nach Erstverordnung befinden. Wie könnte man diese behandeln?

Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz

Der erfahrene Neurologe Prof. Dr. med. Christoph Kleinschnitz, Universitätsklinikum Essen, stellte erste Daten und Erfahrungen zu Jahr 5 und 6 vor und erläuterte diese während des DGN-Kongresses in einem Interview mit neuro aktuell.

Er berichtete, dass Betroffene weiterhin sehr gut kontrolliert bleiben. Die Krankheitsaktivität ist vergleichbar niedrig wie auch in den ersten vier Jahren. Es traten keine neuen oder unerwarteten Nebenwirkungen durch weitere Dosierungen auf. Besonders bei den Lymphozyten war zu beobachten, dass sich keine vermehrten oder stärkeren Lymphopenien entwickelten. Die Erkrankung blieb stabil. Dies ist bemerkenswert, da die gepulste Gabe in den ersten beiden Jahren – und offenbar auch darüber hinaus – bei einem Großteil der Betroffenen zu einer langanhaltenden therapiefreien Remission führen kann.


Was ist mit den anderen Betroffenen, die keine stabile Krankheitskontrolle im Jahr 5 hatten?

Kleinschnitz: Neben den 60 % der Betroffenen, die auch im Jahr 5 stabil waren und nicht nachbehandelt wurden, wurde bei circa 20 % ein Redosing mit Cladribin durchgeführt. Das waren Personen, die im Jahr 4 wieder Krankheitsaktivität zeigten, etwa Schübe oder neue MRT-detektierte Herde. Wurde im fünften Jahr erneut behandelt, ließ sich die Krankheitsaktivität senken und wieder unter Kontrolle bringen.


Wie ist die aktuelle Behandlungssituation bei Personen, die sich im Jahr 5 oder 6 befinden?

Kleinschnitz: Wir können einerseits aus unserer eigenen Essener Kohorte berichten, die ziemlich groß ist und fast 300 Betroffene umfasst. Wir konnten zeigen, dass, wenn man Betroffene im Jahr 5 mit einem weiteren Zyklus Cladribin behandelt und gegebenenfalls auch im Jahr 6 noch einmal, die Schubrate sowie die kernspintomografische Aktivität niedrig bleiben.


Wann und bei welchen Personen macht ein Redosing Sinn?

Kleinschnitz: Um dies zu beantworten, führten wir in Zusammenarbeit mit sechs deutschen Zentren eine Studie durch, um das Verhalten der behandelnden Fachkräfte nach Jahr 4 zu analysieren. Es konnten verschiedene Gruppen identifiziert werden.

Über 60 % der mit Cladribin behandelten Personen erhielten nach Jahr 5 keine neue Therapie – weder Cladribin noch ein anderes immunmodulatorisches Medikament. Die dritte, kleinere Gruppe bestand aus Personen, die aufgrund zu starker Krankheitsaktivität von Cladribin auf ein anderes, meist B‑Zell-depletierendes, hochwirksames krankheitsmodifizierendes Medikament (DMD) umgestellt werden mussten.


Warum blieben einige unbehandelte Personen dennoch stabil?

Kleinschnitz: Dies liegt vermutlich am Wirkmechanismus von Cladribin, das verschiedene Immunzelltypen unterschiedlich beeinflusst. Cladribin depletiert bestimmte B‑ und T‑Zellen, die nach einiger Zeit teilweise zurückkehren. Manche bleiben langfristig depletiert, beispielsweise B‑Gedächtniszellen. Dies könnte den langanhaltenden Effekt von Cladribin erklären, da diese regulatorischen B‑Zellen eine wichtige Rolle in der MS spielen.


Gab es Probleme mit Immunkomplikationen oder mehr Nebenwirkungen bei der Nachtherapie?

Kleinschnitz: Auch nach sieben Jahren gab es keine Hinweise auf vermehrte oder schwerere Lymphopenien, keine Zunahme an opportunistischen Infektionen und Impfungen unter Cladribin waren weiterhin effektiv möglich, wie Studien zu Influenza und Covid zeigten.


Welche Biomarker können bei der Krankheitsprognose helfen?

Kleinschnitz: Hinsichtlich Biomarkern ist die Neurofilament-Leichtkette (NFL) zur Beurteilung eines akuten axonalen Schadens verfügbar, sie ist jedoch nicht MS-spezifisch. GFAP könnte ein Marker für die chronische Progression sein, ist aber derzeit noch nicht ausreichend validiert.
Wir wissen jedoch, dass erhöhte NFL-Werte bei klinisch stabilen Personen auf zukünftige Schübe bzw. entzündliche Aktivität hinweisen können. Das könnte künftig die Therapieentscheidungen beeinflussen – bislang sind diese Biomarker allerdings noch nicht in den Leitlinien verankert.

Referenzen
  1. Montalban X et al. ECTRIMS 2025 [P1707].
  2. Vermersch P et al. ECTRIMS 2025 [P335].
  3. Penner IK et al. ECTRIMS 2025 [P1820].


Das Interview führte Elke Engels, Bad Vilbel, für neuro aktuell.

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