Epilepsie ist eine häufige Komorbidität der Multiplen Sklerose (MS), mit einer signifikant höheren Prävalenz als in der Allgemeinbevölkerung [1–8]. Dieses gleichzeitige Auftreten deutet auf gemeinsame pathophysiologische Mechanismen hin, darunter kortikale Demyelinisierung, chronische Entzündungen und Neurodegeneration, die MS-Patientinnen und -Patienten für Anfälle prädisponieren. Moderne bildgebende Untersuchungen unterstreichen die Rolle kortikaler Läsionen und Atrophie in der Epilepsieentstehung, während entzündliche Prozesse die Anfallsschwelle weiter senken. Zudem stört die mit MS assoziierte Netzwerkdysfunktion die normale neuronale Aktivität, was zur Anfallsanfälligkeit beiträgt. Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasste die Erkenntnisse epidemiologischer Studien, neurobildgebender Analysen und klinischer Evidenz zusammen, um den komplexen Zusammenhang zwischen Epilepsie und MS zu beleuchten.
Epidemiologische Studien unterstreichen, dass der Zusammenhang zwischen Epilepsie und MS nicht zufällig ist; die Prävalenz der Epilepsie bei MS-Patientinnen und -Patienten liegt dabei zwischen 1,5 und 8 % [3, 4]. Die meisten Schätzungen gehen jedoch von einer Prävalenz zwischen 2 und 4 % aus [5–8], verglichen mit einer Lebenszeitprävalenz von 0,76 % [95 %-KI 0,62; 0,94] in der Allgemeinbevölkerung [9]. Längsschnittdaten aus vier Jahrzehnten deuten darauf hin, dass die Inzidenz von MS zwar relativ stabil geblieben ist, die Prävalenz von Epilepsie in der MS-Population jedoch zugenommen hat. Eine Hypothese sieht als Ursache dafür die in den letzten 40 Jahren gestiegene Lebenserwartung von MS-Patientinnen und -Patienten, wodurch deren Anfälligkeit für Komplikationen wie epileptische Anfälle zunimmt [10].
Die Diagnose einer Epilepsie bei MS erfordert sorgfältige Abwägung, da nicht-epileptische Ereignisse wie spastische tonische Episoden oder funktionelle dissoziative Anfälle epileptische Anfälle imitieren können [11]. Eine entscheidende Herausforderung, insbesondere bei MS-Patientinnen und -Patienten, besteht darin, diese ereignisbezogenen nicht-epileptischen Anfälle von Epilepsie abzugrenzen – eine Unterscheidung, die nicht immer einfach ist. Diese Überschneidung kann zu einer Überschätzung der Epilepsieprävalenz in dieser Population führen und eine unangemessene Behandlung zur Folge haben.
Die Ergebnisse der Übersichtsarbeit weisen auf einen komplexen Zusammenhang zwischen Epilepsie und MS hin, mit multifaktoriellen Schlüsselfaktoren wie kortikale Demyelinisierung, Entzündung, Neurodegeneration und Netzwerkdysfunktion, die zu einer Entstehung von Epilepsie bei MS-Patientinnen und -Patienten beitragen.
Durch die Ergebnisse ließen sich zwei Subgruppen von MS-Patientinnen und -Patienten identifizieren:
1. schubförmig-remittierende MS mit Epilepsie: Diese Subgruppe wird durch Epilepsie mit fokalen entzündlichen kortikalen Läsionen charakterisiert. Anfälle treten typischerweise zeitgleich mit den MS-Schüben oder dem Ausbruch auf und sind in der Regel vereinzelt oder medikamentensensitiv mit einer günstigen Prognose.
2. progressive MS mit Epilepsie: In dieser Subgruppe scheint die Epilepsie auf eine Neurodegeneration zurückzuführen zu sein und mit der progressiven Form der MS in Zusammenhang zu stehen. Die Anfälle können medikamentenresistent werden und teilweise sogar in einen Status epilepticus übergehen. Die Prognose für diesen Subtyp ist tendenziell schlechter.
Das Epilepsiemanagement bei MS-Patientinnen und -Patienten erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der sowohl MS-Progression, Anfallskontrolle und Lebensqualität adressiert. Zwar bilden Antiepileptika den Goldstandard der Behandlung, doch ist bei der Wahl der geeigneten Therapie sorgfältig abzuwägen, ob es zu Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten oder Nebenwirkungen speziell für diese Patientengruppe kommen könnte.
Vermutlich gibt es eine wechselseitige Beziehung zwischen Epilepsie und MS [12] und Epilepsie könnte als Marker für die Schwere einer ZNS-Beteiligung dienen. Diese Assoziation zu erkennen ist essenziell, um eine frühe Diagnose und die Entwicklung von personalisierten Behandlungsstrategien gewährleisten zu können. Zukünftige Forschung sollte einen Fokus auf die Beleuchtung der grundlegenden Mechanismen und der Optimierung der Therapiestrategien haben, um das Outcome und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Autorin: Michelle Flammersberger
Quelle: Catenoix H et al. Multiple Sclerosis and epilepsy. Revue Neurologique 2025; 181 (5): 391–6
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