Neurologie und Psychiatrie » Bewegungsstörungen » Parkinson-Krankheit

»

Vom Gen zum System: Schlaf, KI und kontinuierliche Therapie

Menschen in Kongresssaal

Quelle: © kasto – stock.adobe.com

Vom Gen zum System: Schlaf, KI und kontinuierliche Therapie

Kongressberichte

Neurologie und Psychiatrie

Bewegungsstörungen

Parkinson-Krankheit

mgo medizin

mgo medizin Redaktion

Verlag

7 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Vom 16.–18. April 2026 wurde der Deutsche Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen in der Kongresshalle am Zoo Leipzig zum zentralen Treffpunkt für Fachleute aus Neurologie, Forschung und Therapie, sowie auch Physiotherapeuten, Psychologen und Pflegekräften. Drei Tage lang stand die sächsische Metropole im Zeichen aktueller Entwicklungen rund um die Parkinson-Krankheit und andere Bewegungsstörungen.

Der Kongress markierte eine besondere Premiere: Erstmals wurde die Veranstaltung gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG), dem Arbeitskreis Botulinumtoxin und der Arbeitsgemeinschaft Tiefe Hirnstimulation organisiert.

Unter dem Leitmotiv „Vom Gen zum System – der kinetische Code“ spannte sich der inhaltliche Bogen von molekularbiologischen Grundlagen bis hin zu systemischen Therapieansätzen: Symposien zu Krankheitspathologie, Prävention und Therapie richteten sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso wie an Klinikerinnen und Kliniker und niedergelassene Fachärztinnen und Fachärzte – mit Fokus auf die Parkinsonkrankheit (PK) als bekannteste Bewegungsstörung. Die Bandbreite der behandelten Themen verdeutlichte, wie komplex das Feld der Bewegungsstörungen ist – von der PK über Dystonien bis hin zu Tremor- und Ataxie-Erkrankungen. 

Ein besonderes Highlight: In der Eröffnungsveranstaltung wurde der „ParkinSong: A Battle Hymn“ gesungen – ein sehr emotionaler Moment, der gezeigt hat, wie nah Forschung, Versorgung und Betroffene verbunden sind und wie wichtig es ist, die Patientinnen und Patienten als Menschen mit individuellen Symptomen zu betrachten und zu behandeln sowie auch politisch mehr für die Prävention der Krankheit zu tun.

Ein großes Anliegen der DPG ist die Nachwuchsförderung: Die 2025 gegründete Arbeitsgruppe „Junge Parkinsonforschung“ vernetzt gezielt junge Wissenschaftlerinnen und junge Wissenschaftler, stärkt die Sichtbarkeit ihrer Projekte und schafft Räume für Austausch, Kooperationen, Fördermittelakquise und konstruktive Diskussion vorläufiger Ergebnisse. Die AG war dieses Jahr mit einem eigenen Symposium auf dem Kongress vertreten.

Frau Prof. Dr. Maiken Nedergaard, Neurobiologin an den Universitäten Kopenhagen und Rochester/USA, sprach im Eröffnungssymposium, über bahnbrechende Erkenntnisse zum glymphatischen System, die möglicherweise für die Entstehung der PK bzw. auch die Behandlung von Bedeutung sind.

Derzeit kann man sagen, dass Schlafstörungen wohl ein früher Hinweis für neurodegenerative Erkrankungen wie die PK sind. Sowohl im REM-Schlaf als auch in den Tiefschlafphasen werden „die Mülleimer vor die Tür gestellt“, d. h. also, es findet eine Reinigung des Gehirns über das sog. glymphatische System statt. Dieses ist das Abfallbeseitigungssystem des Gehirns und wurde 1900 erstmalig von einem Leipziger Anatom beschrieben. Mit Hilfe des glymphatischen Systems werden krankmachende Proteine aus dem Gehirn entfernt, weil sie sonst die Nervenzellen schädigen würden. Ist das System gestört, wächst also die Neigung im Gehirn, das Amyloid (Merkmal für Alzheimer) oder α-Synuclein (Merkmal für die PK) abzulagern. Erst seit kurzem weiß man, dass dieses glymphatische System eng an den Schlaf gekoppelt ist, bzw. an den REM-Schlaf, also die Tiefschlafphasen.

In Zukunft könnte also eine KI-gestützte Analyse von Schlafmustern im Schlaflabor oder auch als Technik für zuhause helfen, Erkrankungen wie die PK aber auch Demenzkrankheiten wie z. B. Alzheimer frühzeitiger zu erkennen. Die Arbeitsgruppe um Nedergaard konnte anhand von Tierexperimenten belegen, dass Methoden der Hirnstimulation und andere Methoden, wie z. B. die Verbesserung des Abflusses von Zerebrospinalflüssigkeit das glymphatische System stabilisieren helfen.

Der Kongresspräsident Prof. Joseph Claßen, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsmedizin Leipzig, ergänzte dazu, dass Parkinson-Patientinnen und -Patienten sehr beeinträchtigt sind, was ihre Schlafqualität anbelangt. So können sie unter Schlaflosigkeit, Restless-Legs-Syndrom, einer Störung des Tagesrhythmus, exzessiver Tagesschläfrigkeit, dem obstruktiven Schlaf-Apnoe-Syndrom oder einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung leiden. „Es ist ein Phänomen, dass Parkinson-Kranke sich im REM-Schlaf bewegen oder rufen oder andere Geräusche machen“, erklärte Claßen. Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD) tritt deutlich vor dem Beginn der motorischen Symptome der PK auf und ihr Zusammenhang mit der PK ist eine bekannte Tatsache.

Prof. Claßen zitierte eine neue Studie von Neilson et al., die kürzlich in Jama Neurology veröffentlicht wurde: In einer Kohorte von 11 Millionen Veteranen zeigte sich, dass eine Diagnose eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms mit einem signifikant erhöhten 5-Jahres-Risiko für die Entwicklung einer PK verbunden ist, wenn die Schlafapnoe unbehandelt bleibt. Behandelt man sie jedoch frühzeitig nach ihrer Diagnose mit einer Schlafmaske, ließ sich ihr Erkrankungsrisiko senken.

Positiv beeinflussen kann das glymphatische System wohl die pharmakologische Substanz Dexmedetomidin (experimentell) und der fokussierte Ultraschall. Das sind alles noch präklinische Ergebnisse, machen aber klar, dass in den nächsten Jahren das glymphatische System zum therapeutischen Ziel werden wird.

Die PK ist eine Erkrankung, die längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es gibt kaum jemanden, der im näheren Umfeld nicht einen Betroffenen hat. Für mich ist es die Mutter einer Freundin, die schwer unter der Erkrankung leidet. Zwar beschreibt sie ihre Situation mit Humor – „Mein Leben könnte so schön sein, wäre da nur nicht der lästige Mr. Parkinson“ –, doch prägen kaum beherrschbare motorische Fluktuationen ihren Alltag. Wer auch nur wenige Minuten in ihrer Nähe verbringt, erlebt hautnah, wie sehr das Leben Betroffener von der präzisen Einhaltung der Medikationszeiten abhängt. Gemeinsame Restaurantbesuche enden nicht selten mit dem Hinzuziehen ärztlicher Notfallversorgung. Meine Freundin und ihre Mutter kennen inzwischen die Fluchtwege nahezu jeder Gaststätte: diskrete Ausgänge, über die sie sich unauffällig zurückziehen können. Denn neben den körperlichen Beschwerden lastet auf den Betroffenen oft auch das Schamgefühl.

Umso mehr freute es mich, meiner Freundin von einer vielversprechenden Therapieoption berichten zu können: der Foslevodopa/Foscarbidopa-Pumpe, die eine kontinuierliche subkutane L-Dopa-Stimulation über 24 Stunden ermöglicht und damit ein deutlich gleichmäßigeres Wirkprofil als die klassische orale Medikation bietet. Der Besuch des Symposiums hat mich dafür sensibilisiert, dass bei der PK nicht klar definiert werden kann, wann ein Patient von der kontinuierlichen subkutanen L-Dopa-Stimulation profitieren kann – und es keinen „heiligen Gral“ gibt, sondern selbst unter der tiefen Hirnstimulation die Parkinson-Symptomatik wieder auftreten kann – ein Eingriff, vor dem die Mutter meiner Freundin aufgrund seiner Invasivität trotz ihrer Beschwerden zurückschreckt.

Die Aussicht, die tägliche, zeitkritische Medikamenteneinnahme durch eine kontinuierliche Pumpentherapie ablösen zu können, wäre für viele Patientinnen und Patienten eine spürbare Erleichterung – nicht nur körperlich, sondern auch im Hinblick auf ihre Autonomie und Alltagsgestaltung. Angesichts von rund 400.000 Menschen, die in Deutschland mit der PK leben, kommt diesem Thema eine erhebliche gesellschaftliche Relevanz zu.

Beeindruckend war auch die Live-Injektion von BOTOX® durch Prof. Dr. Jörg Wissel, Berlin, der vor einem großen Publikum mit gezücktem Ultraschallkopf und der Botulinumtoxin-Nadel einen Schlaganfall-Patienten von seiner Spastik befreite. Tatsache ist, dass den Botulinumtoxin-Anwenderinnen und -Anwendern der Nachwuchs fehlt.

Dass moderne Technologien und Künstliche Intelligenz (KI) helfen können, zeigt z. B. der KI-gestützte Parkinson Chatbot „jAlmes“. Der digitale Begleiter basiert auf der KI-Plattform OpenWebUI und ist mit einer kuratierten Wissensdatenbank der Stiftung verknüpft. So können Betroffene, Angehörige und Interessierte gezielt und in natürlicher Sprache Fragen zu der PK stellen. Sie erhalten verlässliche Antworten, direkt aus verifizierten Stiftungsinhalten sowie aus wissenschaftlichen Studien und Leitlinien. Der entscheidende Unterschied zu allgemeinen KI-Assistenten: Die Datenbank wird kontinuierlich von der Stiftung aktualisiert und erweitert, sodass ausschließlich geprüfte und evidenzbasierte Inhalte einfließen.

Ein weiteres Symposium beschäftigte sich mit der Friedreich-Ataxie (FA). Die FA macht sich meist schon im Kindes- oder jungen Erwachsenenalter bemerkbar. Frühe Symptome wie nachlassende Koordination, Muskelschwäche und Erschöpfung werden dabei anfangs oft mit Anzeichen für andere Erkrankungen verwechselt. Durch das Fortschreiten der FA sind die meisten Betroffenen innerhalb von 10–15 Jahren nach den ersten Beschwerden auf einen Rollstuhl angewiesen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei ca. 37 Jahren, doch kann eine gezielte medizinische Betreuung die Lebensqualität deutlich verbessern und die verbleibende Lebenszeit verlängern. Das Symposium zeigte auf, wie eine sichere Diagnostik gelingen und, dass das einzige bisher zugelassene Medikament das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen kann.

Autorin: Dr. med. Nana Mosler

Quelle: Deutscher Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen vom 16.–18.04.2026 in Leipzig

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Illustrierte Ei-Figur mit goldener Krone als Symbol für Narzissmus und Selbstüberschätzung

Narzissmus in Familien überwiegend genetisch bedingt

News

Gemeinsame Faktoren innerhalb der Familie, etwa allgemeine Erziehungsbedingungen oder das soziale Umfeld, das Geschwister teilen, tragen laut einer neuen Studie kaum zur Erklärung von Unterschieden im Narzissmus bei.

Neurologie und Psychiatrie

Persönlichkeitsstörungen

Beitrag lesen
Illustration eines Arztgesprächs: Ein Arzt klärt eine Patientin über Epilepsie auf, die Patientin hält sich die Hände an den schmerzenden Kopf.

Epilepsie und Multiple Sklerose

News

Epilepsie ist eine häufige Komorbidität der Multiplen Sklerose (MS), mit einer signifikant höheren Prävalenz als in der Allgemeinbevölkerung. Dieses gleichzeitige Auftreten deutet auf gemeinsame pathophysiologische Mechanismen hin, darunter kortikale Demyelinisierung, chronische Entzündungen und Neurodegeneration, die MS-Patientinnen und -Patienten für Anfälle prädisponieren.

Neurologie und Psychiatrie

Demyelinisierende Erkrankungen

Multiple Sklerose

Beitrag lesen
Headache. Young caucasian woman feel bad. Stressed. Depression. Female need medical pills, migraine

Akuttherapie der Migräne – Aktuelle Therapieoptionen mit Gepanten

Pharmaservice

Seit Juni 2026 ist Atogepant auch zur Akutbehandlung der Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen zugelassen. Bereits seit 2025 war Atogepant zur Migräneprophylaxe verordnungsfähig. Grundlage der Zulassungserweiterung sind die Ergebnisse der Phase-III-Studie ECLIPSE, in der Atogepant eine schnelle, anhaltende und verlässliche Wirksamkeit bei günstigem Verträglichkeits- und Sicherheitsprofil zeigte.

Neurologie und Psychiatrie

Kopfschmerzerkrankungen

Beitrag lesen